„Ich habe es versucht.“ Clara senkte den Kopf. „Ich schrieb dir mehrere Nachrichten. Dann rief Victor mich an und sagte, wenn ich mich weiterhin in eure Ehe einmischen würde, würde er dafür sorgen, dass niemand in der Familie mir noch glaubte. Er behauptete, du seist psychisch instabil und würdest mich nur missverstehen.“
„Und du hast ihm geglaubt?“
Clara schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wie ich dir helfen sollte, ohne alles noch schlimmer zu machen. Das war falsch von mir.“
Laura schwieg.
Sie wollte Clara anschreien. Sie wollte wissen, warum niemand früher eingegriffen hatte. Gleichzeitig sah sie eine Frau vor sich, die ebenfalls von Victors Drohungen eingeschüchtert worden war.
„Ich kann dir heute nicht versprechen, dass alles wieder gut wird“, sagte Laura schließlich. „Aber ich bin bereit, dir zuzuhören. Und ich möchte, dass du der Polizei alles erzählst, was du weißt.“
Clara nickte unter Tränen.
„Das werde ich.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Laura das Gefühl, dass die Wahrheit nicht länger allein auf ihren Schultern lag.
## 3. Victors wahres Gesicht
Während Laura sich erholte, untersuchten Fachleute die Kräutermischung, die Polizei wertete Nachrichten und Belege aus, und weitere Zeugen wurden befragt.
Dabei fanden die Ermittler Hinweise darauf, dass Victor sich bereits vor der Schwangerschaft mit bestimmten Stoffen beschäftigt hatte, die gesundheitliche Beschwerden verursachen konnten. Auch seine Aussagen über den Tee änderten sich mehrfach.
Erst behauptete er, die Mischung sei ein Geschenk gewesen. Dann sagte er, er habe sie selbst gekauft. Schließlich erklärte er, Laura habe den Tee schon immer gemocht und er habe lediglich versucht, ihr zu helfen.
Doch er konnte nicht überzeugend erklären, warum er selbst nie davon getrunken hatte.
Die Beweise mussten sorgfältig geprüft werden. Noch war nicht jede Frage beantwortet, aber der Verdacht gegen ihn wurde immer schwerwiegender.
Als Victor erfuhr, dass Clara ausgesagt hatte, verlangte er, Laura sehen zu dürfen.
Laura lehnte ab.
Daraufhin schrieb er ihr eine Nachricht:
*Du zerstörst unsere Familie. Denk an Sophie. Sie braucht ihren Vater.*
Laura starrte lange auf den Bildschirm.
Früher hätte sie sich sofort gefragt, ob sie zu hart war. Sie hätte vielleicht versucht, Victor zu beruhigen und ihm eine weitere Chance zu geben.
Diesmal legte sie das Telefon weg und rief Anna an.
Sie antwortete nicht auf die Nachricht.
Sie musste sich nicht rechtfertigen, um eine Grenze zu setzen.
Am Abend schrieb Victor erneut:
*Ich habe alles für dich getan. Du wirst es bereuen, mir nicht zu vertrauen.*
Laura las die Nachricht nur einmal. Dann übergab sie sie der Polizei.
Sie begann zu verstehen, dass Liebe nicht bedeutete, jede Anschuldigung auszuhalten oder die eigenen Ängste zu verschweigen, nur damit jemand anderes zufrieden war.
## 4. Ein unerwarteter Besucher
Drei Wochen später durfte Laura mit Sophie in eine geschützte Wohnung ziehen, die ihr mit Unterstützung einer Beratungsstelle vermittelt worden war.
Das kleine Wohnzimmer war schlicht eingerichtet. Auf der Fensterbank standen zwei Pflanzen, und in der Küche gab es einen Tisch, an dem Laura nachts sitzen konnte, während Sophie schlief.
Es war kein luxuriöses Zuhause.
Aber es war ruhig.
Eines Morgens klopfte es an der Tür. Laura erschrak zunächst, doch durch den Türspion sah sie Clara. Neben ihr stand Anna, die das Treffen vorher mit Laura abgesprochen hatte.
Laura öffnete.
Clara hielt eine kleine Stoffdecke in den Händen.
„Ich habe sie selbst genäht“, sagte sie. „Du musst sie nicht annehmen. Ich wollte sie dir nur geben.“
Laura betrachtete die Decke. Sie war hellgelb und mit winzigen weißen Sternen bestickt.
„Sie ist schön“, sagte sie.
Clara reichte sie ihr und blieb anschließend auf Abstand.
„Ich weiß, dass ich dein Vertrauen nicht sofort zurückbekomme. Ich werde dich nicht darum bitten. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich für dich da sein werde, wenn du es irgendwann möchtest.“
Laura blickte auf Sophie, die friedlich in ihrem Bettchen schlief.
„Wir können langsam anfangen“, sagte sie. „Aber ich brauche Ehrlichkeit. Wenn du etwas weißt, musst du es mir sagen. Auch wenn es unangenehm ist.“
„Das verspreche ich.“
Laura ließ Clara an diesem Tag für eine kurze Weile eintreten. Sie tranken Tee, diesmal aus einer Packung, die Laura selbst ausgesucht hatte, und sprachen über harmlose Dinge: das Wetter, die kleine Wohnung und Sophies winzige Finger.
Es war kein vollständiger Neuanfang.
Aber es war ein erster Schritt.
## 5. Die Entscheidung vor Gericht
Einige Monate später begann das gerichtliche Verfahren gegen Victor. Die Anklage stützte sich auf die Untersuchungsergebnisse, die gesicherten Nachrichten und die Aussagen mehrerer Zeugen.
Laura musste ebenfalls aussagen.
Am Morgen ihres Termins stand sie lange vor dem Spiegel. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid und hielt Sophies kleine Decke in ihrer Tasche.
Ihre Hände zitterten.
Sie hatte Angst, Victor gegenüberzutreten. Angst davor, dass er sie ansehen und wieder versuchen würde, sie an sich zweifeln zu lassen.
Anna begleitete sie bis zum Eingang.
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