Maria wurde blass.

„Warum hat sie mir nichts davon erzählt?“

Frau Weber senkte den Blick.

„Sie wollte dich nicht belasten. Du hattest schon genug Sorgen.“

Maria bedankte sich und rief sofort ihre Mutter an.

Ihre Mutter nahm nach dem dritten Klingeln ab.

„Maria? Ist alles in Ordnung?“

„Mama, ich muss dich etwas fragen. War vor einigen Monaten ein Mann bei dir, der wollte, dass du Dokumente über das alte Grundstück unterschreibst?“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine lange Pause.

Dann hörte Maria ihre Mutter leise seufzen.

„Ich hatte gehofft, dass du davon niemals erfahren musst.“

Maria schloss die Augen.

„Was ist passiert?“

„Der Mann sagte, das Grundstück sei damals nicht rechtmäßig verkauft worden. Er behauptete, jemand habe deinen Vater dazu gebracht, einen Vertrag zu unterschreiben, den er nicht verstanden hatte. Er wollte, dass ich eine Erklärung abgebe, die den Verkauf rückgängig machen könnte.“

„Und du hast abgelehnt?“

„Natürlich. Ich wusste nicht, ob er die Wahrheit sagte. Ich wollte zuerst einen Anwalt fragen.“

Maria setzte sich auf eine Bank.

„Warum hast du mir das nicht erzählt?“

„Weil er deinen Namen erwähnte“, flüsterte ihre Mutter. „Er sagte, wenn ich nicht mitmache, könnte auch dir etwas passieren. Ich wusste nicht, ob es nur eine Drohung war.“

Maria hielt das Telefon fester.

Zum ersten Mal verstand sie, dass die Geschichte mit den Überweisungen möglicherweise viel früher begonnen hatte als die Affäre ihres Mannes.

Vielleicht war die Untreue nur ein Teil eines größeren Geheimnisses.

Am nächsten Morgen traf Maria gemeinsam mit ihrer Mutter einen Anwalt. Sie übergaben ihm sämtliche Unterlagen und baten ihn, die Eigentumsverhältnisse des Grundstücks sowie die fragwürdigen Überweisungen unabhängig prüfen zu lassen.

Der Anwalt versprach keine schnellen Antworten. Er erklärte, dass zunächst die Echtheit der Dokumente, die Geldflüsse und die rechtlichen Ansprüche geprüft werden müssten.

Doch noch am selben Abend erhielt Maria eine Nachricht von ihrem ehemaligen Mann.

**„Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst. Hör auf, in der Vergangenheit zu graben. Das betrifft nicht nur mich.“**

Maria las die Nachricht zweimal.

Dann kam eine zweite Nachricht. Diesmal von einer unbekannten Nummer.

**„Wenn Sie wissen wollen, warum Ihr Vater das Grundstück wirklich verkauft hat, treffen Sie mich morgen um 18 Uhr am alten Bahnhof. Kommen Sie allein. Bringen Sie die Originalunterlagen nicht mit.“**

Maria starrte auf den Bildschirm.

Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste. Sie würde weder allein zu einem unbekannten Treffen gehen noch Beweise aus der Hand geben. Stattdessen zeigte sie die Nachrichten ihrem Anwalt und vereinbarte mit ihm, wie sie die Identität des Absenders sicher überprüfen konnten.

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die Nachricht von einem ehemaligen Mitarbeiter der Firma ihres Mannes stammte.

Er hatte damals die Unterlagen zum Grundstück bearbeitet.

Bei dem Gespräch, das später in Anwesenheit des Anwalts stattfand, legte der Mann ein altes Dokument vor. Es war ein Schreiben, das offenbar wenige Tage vor dem Verkauf des Grundstücks verfasst worden war.

Darauf stand der Name von Marias Vater.

Doch unter seiner Unterschrift befand sich ein zweiter Name.

**Der Name von Marias Ehemann.**

Maria konnte zunächst nicht sprechen.

Ihr Mann hatte behauptet, er habe ihre Familie erst Jahre später kennengelernt. Doch das Dokument schien darauf hinzudeuten, dass er schon damals in irgendeiner Weise mit dem Grundstück verbunden gewesen war.

„Was bedeutet das?“, fragte sie schließlich.

Der ehemalige Mitarbeiter schüttelte den Kopf.

„Das kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass Ihr Mann damals nicht derjenige war, der den Vertrag vorbereitet hat. Er hat ihn lediglich weitergeleitet.“

„An wen?“

Der Mann blickte zum Anwalt.

„An denjenigen, der die Firma Nordstern Beteiligungen kontrolliert.“

Der Anwalt beugte sich über das Dokument.

„Und wissen Sie, wer das war?“

Der ehemalige Mitarbeiter zögerte.

Dann nannte er einen Namen.

Maria spürte, wie ihr der Atem stockte.

Denn es war nicht der Name ihres Mannes.

Es war der Name ihres eigenen Bruders.

Und ihr Bruder war seit acht Jahren verschwunden.

**Fortsetzung folgt …**