Dann verstand er.

Elena hatte ihm nicht alles erzählt.

Lily war nicht nur Victors Tochter.

Sie war auch die Enkelin der Frau, die den Treuhandfonds verwaltete.

Und diese Frau war vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden.

Damon hob langsam den Kopf.

„Wo ist sie?“

Der Fremde lächelte nicht mehr.

„Das ist die Frage, die du deinem Bruder stellen musst.“

In diesem Moment ertönte hinter Damon eine Stimme, die er seit jener Nacht am Lagerhaus nicht mehr gehört hatte.

„Du solltest ihm nicht alles auf einmal erzählen.“

Damon drehte sich um.

Am Ende des Bahnsteigs stand Victor Kestrel.

Er lebte.

Und diesmal hielt er keine Waffe in der Hand.

Er hielt ein Foto.

Darauf waren drei Personen zu sehen: Damons Vater, Victor als junger Mann und eine Frau, die Damon noch nie zuvor gesehen hatte.

Lily lief zu Damon und griff nach seiner Hand.

„Er hat gesagt, er sei mein Vater“, flüsterte sie. „Aber er hat mir auch gesagt, dass er mich angelogen hat.“

Damon stellte sich schützend vor sie.

„Victor, wenn du ihr auch nur ein Haar gekrümmt hast—“

„Ich habe sie nicht entführt“, unterbrach Victor ihn. „Ich habe sie vor jemandem versteckt, der sie wirklich finden wollte.“

„Wer?“

Victor sah auf das Foto.

„Unsere Mutter.“

Damon erstarrte.

Ihre Mutter war angeblich gestorben, als die Brüder noch jung gewesen waren. Ihr Tod hatte die Familie auseinandergerissen und ihren Vater in eine Spirale aus Misstrauen und Geheimnissen gestürzt.

„Du lügst“, sagte Damon.

Victor schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, es wäre so.“

Dann reichte er Damon das Foto.

Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Nachricht:

**Wenn die beiden Brüder wieder zusammenfinden, wird die Wahrheit über den Kestrel-Namen ans Licht kommen.**

Damon sah Victor an.

„Warum hast du uns all die Jahre belogen?“

Victor blickte zu Lily.

„Weil ich dachte, ich könnte sie schützen, indem ich die Wahrheit für mich behalte. Ich lag falsch.“

In der Ferne hörte man Sirenen.

Milo rief Damon an und warnte ihn, dass sich mehrere Fahrzeuge dem Bahnhof näherten. Niemand wusste, wer sie geschickt hatte.

Victor trat einen Schritt zurück.

„Du musst jetzt eine Entscheidung treffen, Damon. Du kannst Lily mitnehmen und versuchen, ihr ein normales Leben zu geben. Oder du kannst herausfinden, warum unsere Mutter plötzlich wieder aufgetaucht ist.“

Damon sah auf das Foto.

Dann auf Lily.

Das kleine Mädchen hielt seine Hand so fest, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt, dem sie noch vertraute.

Damon steckte das Foto in seine Manteltasche.

„Ich werde sie beschützen“, sagte er. „Aber ich werde nicht zulassen, dass sie den Preis für unsere Familiengeheimnisse bezahlt.“

Er wandte sich an Milo.

„Bring Lily zu ihrer Mutter. Sorge dafür, dass beide sicher sind.“

Dann sah er Victor an.

„Und du kommst mit mir.“

Victor nickte langsam.

Doch bevor sie den Bahnhof verlassen konnten, vibrierte Damons Telefon.

Eine neue Nachricht war eingegangen.

Sie enthielt nur ein einziges Bild.

Elena saß in einem unbekannten Raum. Sie war unverletzt, blickte aber direkt in die Kamera.

Neben ihr stand eine ältere Frau mit silbergrauem Haar.

Unter dem Bild stand:

**„Du hast lange genug nach mir gesucht, Damon. Jetzt ist es an der Zeit, dass du die Wahrheit hörst. Komm allein.“**

Damon betrachtete das Gesicht der älteren Frau.

Er kannte diese Augen.

Er hatte sie auf einem einzigen Foto gesehen, das sein Vater bis zu seinem Tod in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt hatte.

Seine Mutter war am Leben.

Und sie hatte gerade seine Familie erneut auseinandergerissen.

**Fortsetzung folgt …**