Lily und ihre Mutter wurden an einen sicheren Ort weit außerhalb der Stadt gebracht. Damon wurde nie ein guter Mensch, aber von jener Nacht an galt in seiner gesamten Organisation eine absolute Regel:
Kein Kind würde jemals wieder in Gefahr sein.
# Kapitel 2: Das Geheimnis, das Victor seiner eigenen Tochter verschwiegen hatte
Sechs Monate waren vergangen, seit Lily und ihre Mutter aus der Stadt gebracht worden waren.
Sie lebten inzwischen in einem kleinen Haus am Stadtrand, weit entfernt von den Docks, den Nachtclubs und den Männern, deren Namen allein ausreichten, um andere zum Schweigen zu bringen.
Lily ging wieder zur Schule. Ihre Mutter, Elena, begann langsam, sich von den Ereignissen jener Nacht zu erholen.
Und Damon Kestrel?
Er hatte sein Versprechen gehalten.
Niemand aus seiner Organisation durfte sich Lily oder ihrer Mutter ohne Erlaubnis nähern. Er bezahlte ihre medizinische Versorgung, sorgte für ihre Sicherheit und ließ regelmäßig nachfragen, ob es ihnen gut ging.
Doch er besuchte sie nie.
Er sagte sich, dass ein Mann wie er in ihrem Leben nichts verloren hatte.
Bis eines Abends ein schwarzer Wagen vor seiner Villa hielt.
Milo stürmte in Damons Arbeitszimmer, ohne anzuklopfen.
„Chef, wir haben ein Problem.“
Damon legte die Akte beiseite.
„Dann lösen Sie es.“
Milo zögerte.
„Es geht um Lily.“
Damon stand sofort auf.
„Was ist passiert?“
„Sie ist verschwunden.“
Für einen Moment hörte Damon nichts mehr.
Dann griff er nach seinem Mantel.
„Wann?“
„Vor ungefähr zwei Stunden. Ihre Mutter hat sie bei der Schule abgeholt, aber sie kamen nie zu Hause an. Das Auto wurde am Straßenrand gefunden. Die Türen waren offen.“
Damon starrte ihn an.
„Und Sie erzählen mir das erst jetzt?“
„Wir haben gerade erst davon erfahren.“
Damon ging an ihm vorbei.
„Finden Sie Elena. Finden Sie Lily. Und diesmal will ich keine Vermutungen. Ich will Gewissheit.“
***
Eine Stunde später erhielt Damon einen Anruf von einer unbekannten Nummer.
„Du hast etwas, das mir gehört“, sagte eine verzerrte Stimme.
Damon blieb mitten im Raum stehen.
„Wer spricht?“
„Jemand, der weiß, dass du deine Versprechen nicht immer halten kannst.“
Am anderen Ende erklang eine Kinderstimme.
„Damon?“
Lily.
„Lily, hör mir zu“, sagte er sofort. „Bist du verletzt?“
„Nein. Aber Mama ist nicht hier.“
Dann war die Stimme des Fremden wieder zu hören.
„Du hast bis Mitternacht Zeit, Kestrel. Bring die Unterlagen deines Bruders zum alten Bahnhof. Alle Originale. Keine Polizei.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Milo stand bereits neben Damon.
„Das kann nur jemand sein, der Zugang zu den alten Familienakten hat.“
Damon ging zum Safe an der Wand.
Darin lagen Dokumente, die seit Victors Verschwinden unangetastet geblieben waren. Verträge, alte Briefe und eine Liste von Namen, die Damon längst vergessen wollte.
Er zog eine einzelne Mappe heraus.
Auf dem Deckblatt stand:
**Kestrel-Familienvermögen – vertraulich.**
Doch bevor er die Mappe öffnen konnte, bemerkte er etwas Merkwürdiges.
Der Verschluss war beschädigt.
Jemand hatte den Safe bereits geöffnet.
Und aus der Mappe fehlte eine Seite.
***
Um 23:40 Uhr erreichte Damon den alten Bahnhof.
Er ging nicht allein hinein. Milo und zwei weitere Männer blieben in sicherer Entfernung, während Damon den großen Wartesaal betrat.
Unter einer flackernden Lampe stand ein Mann mit einem grauen Mantel.
Neben ihm saß Lily auf einer Bank.
Sie war blass und verängstigt, aber als sie Damon sah, sprang sie auf.
„Du bist gekommen!“
Damon ging auf sie zu.
Der Mann hob warnend die Hand.
„Nicht näher.“
Damon blieb stehen.
„Lass das Kind gehen.“
„Zuerst die Unterlagen.“
Damon hielt die Mappe hoch.
„Hier ist alles, was ich habe.“
Der Fremde lachte leise.
„Du hast keine Ahnung, was du da in der Hand hältst.“
„Dann erklär es mir.“
Der Mann zog einen alten Umschlag aus seiner Manteltasche und warf ihn auf die Bank.
„Dein Bruder hat nicht nur Geld gestohlen. Er hat herausgefunden, dass euer Vater vor seinem Tod einen geheimen Treuhandfonds eingerichtet hat. Der Fonds gehört nicht dir. Und er gehört auch nicht Victor.“
Damon schwieg.
„Wem gehört er?“
Der Fremde sah zu Lily.
„Ihr.“
Damon runzelte die Stirn.
„Das ist unmöglich.“
„Lily ist die rechtmäßige Erbin eines Vermögens, von dem deine Familie nie wollte, dass es öffentlich bekannt wird.“
Damon sah das Mädchen an.
Sie verstand offensichtlich nicht, worüber die Erwachsenen sprachen.
„Warum sollte mein Vater ihr etwas hinterlassen?“, fragte Damon.
„Weil Victor nicht ihr einziger Verwandter ist, der in dieser Geschichte eine Rolle spielt.“
Der Mann öffnete den Umschlag.
Darin lag eine alte Geburtsurkunde.
Und darunter ein Brief, dessen Unterschrift Damon sofort erkannte.
Die Unterschrift seines Vaters.
Damon las die ersten Zeilen.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das kann nicht stimmen“, flüsterte er.
„Doch“, antwortete der Fremde. „Dein Vater wusste, dass Victor eines Tages zurückkehren würde. Er wusste auch, dass du versuchen würdest, die Familie zusammenzuhalten. Deshalb hat er den Fonds einer Person anvertraut, die keiner von euch kontrollieren konnte.“
Damon blickte erneut auf die Urkunde.
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