*ich habe lange überlegt, ob ich dir schreiben soll. Ich weiß, dass wir uns voneinander entfernt haben. Vielleicht haben wir beide darauf gewartet, dass der andere den ersten Schritt macht.*

*Ich habe oft an Mama gedacht. Und an die Zeit, als wir noch alle zusammen am See lebten.*

*Meine Tochter Sophie fragt mich immer wieder, warum sie ihren Großvater kaum kennt. Ich wusste nie, was ich ihr antworten sollte.*

*Wenn du möchtest, würden wir dich gern besuchen. Nicht für lange. Nur für ein paar Tage.*

*Ich hoffe, du bist gesund.*

*Thomas.*

Der alte Mann las den Brief zweimal.

Dann setzte er sich an den Küchentisch und starrte lange auf das Papier.

Er hatte sich jahrelang daran gewöhnt, niemanden zu erwarten. Er hatte gelernt, allein zu essen, allein zu arbeiten und allein durch die langen Winterabende zu kommen.

Aber plötzlich wurde ihm bewusst, dass er vielleicht nicht nur die Einsamkeit akzeptiert hatte.

Vielleicht hatte er sich auch hinter ihr versteckt.

Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier.

Lange wusste er nicht, was er schreiben sollte.

Schließlich begann er:

*Lieber Thomas,*

*ich würde mich sehr freuen, euch zu sehen. Das Haus ist noch immer dasselbe, und der See wartet auf uns.*

*Ich habe inzwischen einen neuen Grund, jeden Morgen früh aufzustehen. Ich erzähle dir davon, wenn ihr hier seid.*

*In Liebe, Papa.*

Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag und brachte ihn noch am selben Nachmittag zur Post.

Als er zurückkam, setzte er sich auf die Veranda.

Der Wald lag still vor ihm.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Stille nicht leer an.

Sie fühlte sich an wie ein Anfang.

—

Zwei Wochen später fuhr ein Auto auf den Hof.

Der alte Mann stand bereits vor der Tür.

Als Thomas ausstieg, blieb er einen Moment stehen. Er wirkte unsicher, als wüsste er nicht, ob er seinen Vater umarmen oder ihm zuerst die Hand geben sollte.

Der alte Förster machte ihm die Entscheidung leicht.

Er ging auf seinen Sohn zu und schloss ihn in die Arme.

Keiner von beiden sprach sofort.

Dann kam die kleine Sophie um das Auto herumgelaufen.

„Bist du Opa?“, fragte sie.

Der alte Mann kniete sich vorsichtig hin.

„Das bin ich.“

Sie betrachtete ihn mit ernstem Gesicht.

„Papa sagt, du kennst alle Bäume im Wald.“

Der alte Förster lachte leise.

„Nicht alle. Aber ich kenne ziemlich viele.“

„Und kennst du auch Bären?“

Er warf Thomas einen kurzen Blick zu.

„Manchmal begegnet man ihnen.“

Sophie riss die Augen auf.

„Hast du schon einmal einen gerettet?“

Der alte Mann schwieg einen Moment.

Dann erzählte er ihnen von jenem frostigen Morgen, von der Bärin auf seiner Veranda und dem kleinen Jungen, dessen Pfote in einer Falle festgesteckt hatte.

Sophie hörte mit offenem Mund zu.

Als er fertig war, legte sie ihre kleine Hand auf seine.

„Dann hat die Bärenmama gewusst, dass du nett bist.“

Der alte Mann spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.

„Vielleicht hat sie einfach Hilfe gebraucht“, antwortete er. „Und vielleicht habe ich endlich einmal nicht weggesehen.“

Am Abend saßen sie gemeinsam am Kamin.

Thomas erzählte von seiner Arbeit. Sophie stellte unzählige Fragen über den Wald, und der alte Mann beantwortete jede einzelne, so gut er konnte.

Später, als das Kind bereits eingeschlafen war, saß Thomas noch eine Weile mit seinem Vater auf der Veranda.

„Ich hätte dich öfter besuchen sollen“, sagte er schließlich.

Der alte Mann blickte auf den dunklen See.

„Ich hätte dich öfter anrufen sollen.“

Thomas nickte.

Es gab vieles, worüber sie noch sprechen mussten. Alte Verletzungen verschwanden nicht einfach, nur weil man sich wieder gegenübersaß.

Aber sie hatten aufgehört, darauf zu warten, dass der andere den ersten Schritt machte.

Und das war genug für diesen Abend.

—

Am nächsten Morgen gingen Vater und Sohn gemeinsam am Waldrand spazieren.

Sie blieben auf dem sicheren Weg und sprachen über die Bäume, die Tiere und die Veränderungen, die der Winter hinterlassen hatte.

Plötzlich blieb Sophie, die mit ihnen gekommen war, stehen und zeigte auf eine Stelle im Schnee.

„Papa! Opa! Seht mal!“

Dort waren große Pfotenabdrücke zu erkennen.

Daneben lagen kleinere.

Der alte Förster betrachtete sie schweigend.

Die Bärin und ihr Junges waren in der Nacht durch die Gegend gezogen.

Er sah in Richtung der Bäume, konnte aber kein Tier erkennen.

Und das war gut so.

Er hoffte, dass die Bärin und ihr Junges ihren Weg durch den Wald fanden, ohne jemals wieder in eine Falle zu geraten.

Sophie nahm seine Hand.

„Glaubst du, sie erinnert sich an dich?“

Er überlegte.

„Das kann ich nicht wissen, mein Schatz. Wilde Tiere denken nicht unbedingt so über Begegnungen wie wir Menschen.“

„Aber du hast ihr geholfen.“

„Ja.“

Sophie lächelte.

„Dann war es trotzdem wichtig.“

Der alte Mann blieb stehen.

Er sah seine Enkelin an und nickte langsam.

„Ja“, sagte er. „Das war es.“