Er stellte das Holz ab und ging zum Fenster. Zunächst konnte er nichts erkennen. Dann bewegte sich etwas Großes am Rand der Veranda.

Sein Herz begann schneller zu schlagen.

Die Bärin war zurück.

Doch diesmal war sie allein.

Sie stand einige Meter vom Haus entfernt und blickte zur Tür. Ihr Fell war dunkel vom feuchten Schnee, und sie schien unruhig zu sein.

Der alte Mann öffnete die Tür nur einen Spalt und blieb im Schutz des Hauses.

„Was ist los, alte Freundin?“, murmelte er.

Die Bärin gab ein tiefes, kurzes Laut von sich. Dann drehte sie sich um, ging einige Schritte in Richtung Wald und blieb stehen.

Sie blickte zurück.

Der alte Mann runzelte die Stirn.

Er wusste, dass er einem wilden Bären nicht einfach folgen durfte. Er blieb auf der Veranda, beobachtete sie und griff zum Telefon, um einen Wildhüter zu kontaktieren.

Doch bevor er die Nummer wählen konnte, hörte er aus der Dunkelheit ein leises Geräusch.

Ein Fiepen.

Es kam aus dem Wald.

Die Bärin hob sofort den Kopf.

Und plötzlich verstand der alte Mann, dass sie nicht ohne Grund zurückgekommen war.

**Irgendwo zwischen den Bäumen brauchte ein weiteres Tier Hilfe.**

—

Am nächsten Morgen traf der Wildhüter Daniel bei dem alten Mann ein.

Daniel kannte den Wald gut und wusste, wie man sich in der Nähe von Bären verhielt. Als der Förster ihm von der Begegnung erzählte, hörte er aufmerksam zu.

„Vielleicht hat sie ein Problem mit ihrem Jungen“, sagte Daniel. „Vielleicht hat sie aber auch nur in der Nähe nach Nahrung gesucht. Wir sollten nichts hineininterpretieren.“

Der alte Mann nickte.

„Ich habe gestern Abend ein Fiepen gehört.“

Daniel wurde ernst.

„Dann informieren wir die zuständige Wildtierstation und untersuchen das Gebiet vorsichtig. Wir gehen nicht einfach auf die Bärin zu.“

Gemeinsam überprüften sie die Spuren rund um das Grundstück. Im frischen Schnee fanden sie große Abdrücke, die vom Waldrand zu einem schmalen Pfad führten. Daneben entdeckten sie kleinere Spuren.

Sie folgten ihnen nur so weit, wie es sicher und sinnvoll war, und markierten die Stelle für die Fachleute.

Einige Stunden später traf ein kleines Team der Wildtierstation ein. Die Mitarbeiter untersuchten das Gebiet und fanden schließlich hinter einem umgestürzten Baum ein junges Reh, das sich in einem Stück alter Drahtumzäunung verfangen hatte.

Das Tier lebte, war aber erschöpft.

Die Fachleute befreiten es vorsichtig und brachten es zur Untersuchung in ihre Station.

Der alte Förster stand etwas abseits und sah ihnen zu.

Er dachte an die Bärin.

Hatte sie das Reh bemerkt? War sie überhaupt der Grund gewesen, weshalb er am Abend zuvor das Fiepen gehört hatte?

Niemand konnte es wissen.

Vielleicht waren die Ereignisse nur zufällig zusammengefallen.

Doch der Fund zeigte ihm erneut, wie viel Schaden zurückgelassener Draht und verborgene Fallen im Wald anrichten konnten.

Daniel legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Wir werden das Gebiet gründlicher kontrollieren. Und wir werden dafür sorgen, dass die alten Fallenstellen dokumentiert werden.“

Der alte Mann nickte.

„Gut. Kein Tier sollte wegen etwas leiden müssen, das jemand achtlos zurückgelassen hat.“

—

In den folgenden Wochen arbeiteten der Förster, Daniel und die Wildtierstation zusammen.

Sie meldeten verdächtige Spuren, entfernten gefährliche Gegenstände nur dann selbst, wenn es sicher war, und ließen unbekannte Fallen von geschulten Fachleuten sichern. Schließlich gelang es den Behörden, einen Mann zu identifizieren, der unerlaubt Fallen im Gebiet aufgestellt hatte.

Der Fall wurde untersucht.

Der alte Mann musste bei den Ermittlungen aussagen. Es war anstrengend, immer wieder dieselben Fragen zu beantworten, doch er wusste, dass seine Beobachtungen wichtig waren.

Währenddessen wurde das Wetter milder.

Der Schnee begann zu schmelzen, und der See bekam am Ufer wieder dunkle Wasserflächen. Die ersten Vögel kehrten zurück.

Eines Morgens entdeckte der Förster am Rand einer Lichtung frische Bärenspuren.

Daneben lagen kleinere Abdrücke.

Er blieb stehen und betrachtete sie aus der Entfernung.

Das Jungtier war offenbar wieder mit seiner Mutter unterwegs.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Na, kleiner Kerl“, sagte er leise. „Du hast es also geschafft.“

Er wusste, dass er die beiden nicht suchen oder ihnen folgen sollte. Die Bärin hatte ihr Junges in die Freiheit zurückgebracht, und genau dort gehörten sie hin.

Er drehte sich um und ging nach Hause.

Doch als er am Nachmittag seine Post öffnete, fand er einen Brief, der ihn länger als alle anderen beschäftigte.

Er kam von seinem Sohn Thomas.

—

Thomas hatte seit fast drei Jahren nicht mehr geschrieben.

Nach dem Tod seiner Mutter hatten Vater und Sohn immer seltener miteinander gesprochen. Zunächst waren es nur kurze Telefonate gewesen. Dann waren Wochen vergangen, ohne dass einer von beiden den anderen anrief.

Schließlich hatte Thomas aufgehört, seine Besuche anzukündigen.

Der alte Mann hatte sich eingeredet, dass sein Sohn ein eigenes Leben führte und ihn nicht mehr brauchte.

Doch der Brief klang anders.

*Lieber Papa,*