„Doch“, sagte er plötzlich. „In dieser Angelegenheit habe ich mehr entschieden, als Sie sich vorstellen können.“
Stille.
Dann drehte er sich zur Tür.
„Sie werden von mir hören.“
„Bleiben Sie stehen!“
Er hielt inne, ohne sich umzudrehen.
„Fragen Sie Ihre Mutter, was in der Nacht des Einsatzes wirklich passiert ist“, sagte er. „Und fragen Sie sie, warum sie Ihnen nie erzählt hat, dass Ihr Vater kurz vor seinem Tod einen zweiten Bericht verfasst hat.“
Mir wurde kalt.
„Welchen zweiten Bericht?“
Brandt drehte den Kopf ein wenig zur Seite.
„Den Bericht, der offiziell nie existiert hat.“
Dann verließ er das Geschäft.
Ich hätte ihm folgen können. Doch Keller griff nach meinem Arm.
„Nicht!“
Draußen stieg Brandt in den Wagen. Bevor er die Tür schloss, sah er noch einmal zu mir hinüber.
Dann fuhr er davon.
Ich stand regungslos da.
Mein Vater hatte einen zweiten Bericht verfasst?
Meine Mutter hatte davon gewusst?
Und warum hatte Brandt so gesprochen, als sei die ganze Angelegenheit noch lange nicht vorbei?
***
Wir gingen durch den Hinterausgang in einen schmalen Hof. Ich ließ mir von Keller einen Ausweis zeigen und notierte seine Personalien. Er hieß Martin Keller, war siebenundsechzig Jahre alt und hatte früher als Kriminaltechniker gearbeitet.
Das überraschte mich.
Er war kein zufälliger Passant gewesen. Er hatte jahrelang mit der Polizei zusammengearbeitet.
„Warum sind Sie nie zur Polizei gegangen?“, fragte ich.
„Ich war bei der Polizei“, antwortete er. „Und genau deshalb wusste ich, dass es nicht genügt hätte, einfach irgendwo anzuklopfen und die Wahrheit zu erzählen.“
„Sie hätten sich an eine andere Dienststelle wenden können.“
„Das habe ich versucht.“
Er griff in seine Jacke und zog ein kleines, vergilbtes Foto hervor.
Darauf standen drei Männer vor einem Einsatzfahrzeug.
Mein Vater.
Martin Keller.
Und Friedrich Brandt.
Ich nahm das Foto und drehte es um.
Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Notiz:
**17. November – Wenn etwas schiefgeht, muss die Wahrheit ans Licht.**
Darunter befanden sich drei Initialen.
A. W.
Die Initialen meines Vaters.
„Was geschah am siebzehnten November?“, fragte ich.
Keller setzte sich auf eine niedrige Mauer. Er sah plötzlich älter aus als zuvor.
„Es gab damals eine Ermittlung gegen eine Gruppe, die gestohlene Beweismittel verschwinden ließ. Nicht irgendwelche Beweismittel. Es ging um Unterlagen, die mehrere schwere Straftaten miteinander verbanden. Ihr Vater hatte herausgefunden, dass jemand innerhalb der Dienststelle Informationen weitergab.“
„An wen?“
„An Menschen, die unbedingt verhindern wollten, dass diese Unterlagen auftauchten.“
„Und Brandt?“
Keller schwieg.
Ich kniete mich vor ihn.
„Herr Keller, mein Vater ist tot. Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, mit diesem Verlust zu leben. Wenn Sie etwas wissen, dann sagen Sie es.“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Ihr Vater hatte den Verdacht, dass Brandt beteiligt war. Aber er hatte noch keinen Beweis, den er offiziell vorlegen konnte. Deshalb fertigte er eine zweite Abschrift seiner Notizen an. Er vertraute sie mir an.“
„Und wo ist diese Abschrift?“
Keller blickte auf die Medaille.
„Das war nicht alles, was er mir gegeben hat.“
Er zog ein kleines, in Stoff eingewickeltes Päckchen aus seiner Innentasche.
Darin lag ein winziger Messingschlüssel.
„Ihr Vater sagte, falls ihm etwas zustößt, sollte ich diesen Schlüssel eines Tages seinem Kind übergeben. Nicht seiner Frau. Nicht seinen Kollegen. Seinem Kind.“
Ich starrte auf den Schlüssel.
„Warum erst jetzt?“
„Weil ich damals zu feige war.“
Seine Stimme brach.
„Nach dem Einsatz sagte man mir, Ihr Vater sei bei einem Schusswechsel ums Leben gekommen. Man erklärte mir, dass ich die Abläufe nicht infrage stellen dürfe. Kurz darauf wurde ich beschuldigt, vertrauliche Unterlagen falsch behandelt zu haben. Ich verlor meine Stelle. Meine Frau bekam anonyme Anrufe. Jemand stand nachts vor unserem Haus. Wir hatten eine kleine Tochter. Ich musste entscheiden, ob ich weiterkämpfen oder meine Familie schützen wollte.“
Er wischte sich über das Gesicht.
„Ich habe mich für meine Familie entschieden. Ich zog weg und schwieg. Doch jedes Jahr, an Ihrem Geburtstag, erinnerte ich mich daran, dass ich einem Kind versprochen hatte, die Wahrheit zurückzugeben.“
Ich sah auf den Schlüssel in meiner Hand.
„Was öffnet er?“
„Einen Schließfachschrank im alten Hauptbahnhof. Ihr Vater hat dort etwas hinterlegt.“
„Was genau?“
„Das weiß ich nicht. Er sagte nur, dass die Unterlagen dort sicherer wären als in jedem Polizeigebäude.“
Ich stand auf.
Jetzt wusste ich, was ich tun musste.
Doch bevor wir den Hof verlassen konnten, vibrierte mein Diensthandy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Zuerst hörte ich nur Atmen.
Dann eine Frauenstimme.
„Sind Sie der Sohn von Andreas Weber?“
„Wer ist da?“
„Mein Name ist Eva Sommer. Ich war damals im Krankenhaus, als man Ihren Vater eingeliefert hat.“
Mein Griff um das Telefon wurde fester.
„Was wissen Sie über seinen Tod?“
Die Frau schwieg einen Moment.
„Ich habe jahrelang geschwiegen. Aber ich habe gerade erfahren, dass Martin Keller wieder aufgetaucht ist. Wenn Sie die Wahrheit suchen, müssen Sie verstehen, dass Ihr Vater nicht das einzige Opfer war.“
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