„Dass nicht jeder Bericht die Wahrheit enthält. Und dass manche Menschen sehr viel Macht besitzen, wenn sie dafür sorgen wollen, dass niemand die richtigen Fragen stellt.“
Ich wollte ihn am Kragen packen und schütteln. Ich wollte, dass er mir endlich sagte, was er wusste.
Doch Rex stand plötzlich auf, stellte sich dicht neben den Alten und starrte zur Eingangstür.
Sein Körper war angespannt.
Dann hörte ich es.
Ein Motor lief draußen vor dem Geschäft.
Durch das Schaufenster sah ich einen dunklen Wagen, der direkt am Straßenrand stand. Die Scheiben waren getönt. Der Motor lief, obwohl niemand ein- oder ausstieg.
Der Alte wurde kreidebleich.
„Er ist es“, flüsterte er.
„Wer?“
„Der Mann, der damals den Einsatz geleitet hat.“
Ich sah genauer hin.
Die Fahrertür öffnete sich.
Ein großer Mann in einem dunklen Mantel stieg aus. Er trug eine Sonnenbrille, obwohl der Himmel bewölkt war. Mit ruhigen Schritten ging er auf das Geschäft zu.
Der alte Mann griff nach meinem Ärmel.
„Bitte. Sie dürfen ihm nicht sagen, dass ich Ihnen die Medaille gegeben habe.“
„Sie haben sie mir gerade selbst gezeigt!“
„Dann haben wir keine Zeit mehr.“
Ich hätte ihn festhalten und Verstärkung rufen sollen. Ich hätte die Situation nach Vorschrift behandeln müssen. Doch etwas in seinem Gesicht ließ mich innehalten.
Es war keine gewöhnliche Angst.
Es war die Angst eines Menschen, der viel zu lange geglaubt hatte, dass ihm niemand mehr helfen würde.
Ich nahm mein Funkgerät.
„Leitstelle, hier Streife 214. Ich benötige Unterstützung an meinem aktuellen Standort. Möglicher Zusammenhang mit einem ungeklärten Todesfall eines Polizeibeamten.“
Bevor ich den Satz beenden konnte, verstummte das Funkgerät.
Ein kurzes Knacken.
Dann nichts.
Ich versuchte es erneut.
„Leitstelle, hören Sie mich?“
Nur Rauschen.
Der Alte schloss die Augen.
„Er hat immer noch seine Leute.“
In diesem Moment öffnete sich die Ladentür.
Eine kleine Glocke über dem Eingang klingelte.
Der Mann im dunklen Mantel trat ein.
Er lächelte, als wäre er zufällig hierhergekommen, um eine Flasche Wasser zu kaufen.
Dann sah er mich.
Sein Lächeln verschwand für einen winzigen Augenblick.
„Kommissar Weber“, sagte er. „Was für ein Zufall.“
Ich kannte diesen Mann.
Natürlich kannte ich ihn.
Oberkommissar a. D. Friedrich Brandt. Mein ehemaliger Ausbilder. Ein Mann, der mich zu Beginn meiner Laufbahn unter seine Fittiche genommen hatte. Er hatte mir beigebracht, ruhig zu bleiben, Beweise zu sichern und niemals vorschnell über einen Menschen zu urteilen.
Er war sogar bei einer Gedenkveranstaltung für meinen Vater neben mir gestanden.
Und er hatte mir damals die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Dein Vater wäre stolz auf dich.“
Jetzt stand er vor mir und betrachtete die Medaille in meiner Hand.
„Wo haben Sie die denn her?“, fragte er.
Ich schloss die Finger darum.
„Das wollte ich gerade Sie fragen.“
Brandt blickte zum alten Mann.
Sein Gesicht blieb ruhig, doch seine Augen veränderten sich. Für einen Sekundenbruchteil sah ich etwas darin, das ich nie zuvor bei ihm bemerkt hatte.
Hass.
„Herr Keller“, sagte Brandt leise. „Ich dachte, Sie wären längst fortgezogen.“
Der Alte schluckte.
„Das haben Sie gehofft.“
Brandt seufzte, als wäre er enttäuscht über das Verhalten eines unvernünftigen Kindes.
„Sie hätten diese Geschichte begraben lassen sollen.“
„Ich habe sie nicht begraben“, erwiderte Keller. „Ich habe sie nur lange genug überlebt, um sie endlich erzählen zu können.“
Ich trat zwischen die beiden Männer.
„Schluss jetzt. Niemand verlässt diesen Laden, bevor ich weiß, was hier vor sich geht.“
Brandt hob langsam die Hände.
„Natürlich. Sie sind der zuständige Beamte.“
Er sagte es höflich.
Zu höflich.
Dann blickte er auf meine Uniform, auf mein Funkgerät und schließlich auf Rex.
„Ein guter Hund“, bemerkte er. „Ihr Vater hatte ebenfalls einen Diensthund. Erinnern Sie sich?“
Mein Herz schlug schneller.
Ich erinnerte mich.
Es gab ein altes Foto in der Schublade meiner Mutter. Mein Vater stand darauf vor einem Polizeigebäude, neben ihm ein kräftiger Schäferhund. Als Kind hatte ich geglaubt, der Hund sei nach dem Tod meines Vaters zu einer anderen Dienststelle gekommen.
„Was hat mein Vater mit diesem Mann zu tun?“, fragte ich.
Brandt sah mich lange an.
Dann sagte er: „Mehr, als Sie wissen sollten.“
Rex knurrte.
Nicht laut.
Aber tief genug, dass jeder im Laden es hören konnte.
Brandt blickte auf den Hund und machte einen kleinen Schritt zurück.
„Interessant“, murmelte er. „Sehr interessant.“
Da begriff ich etwas.
Rex hatte den alten Mann nicht angegriffen, weil er etwas Verbotenes bei sich trug.
Er hatte auf ihn reagiert, weil er die Aufregung, die Angst und vielleicht einen vertrauten Geruch wahrgenommen hatte. Hunde konnten vieles bemerken, was Menschen übersahen. Doch Rex hatte auch auf Brandt reagiert.
Und nun stand er zwischen uns, als wollte er verhindern, dass der Mann näher kam.
„Herr Brandt“, sagte ich, „ich möchte, dass Sie Ihre Hände sichtbar halten und mir erklären, warum Sie diesen Mann kennen.“
Brandt lachte kurz.
„Sie machen einen Fehler, Weber.“
„Das entscheiden nicht Sie.“
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