Bei der Erwähnung des Datums wurde sie kreidebleich.
„Der 17. März“, flüsterte sie.
„Du erinnerst dich daran?“
Nora nickte langsam.
„Ich hatte damals tatsächlich eine Mappe. Aber nicht, um deinen Vater zu erpressen. Ich hatte Unterlagen gefunden, die zeigten, dass jemand Geld aus einem Hilfsfonds für die Familien unserer Mitarbeiter abzweigte. Ich wollte dich warnen, weil ich wusste, dass dein Vater das Projekt persönlich beaufsichtigte.“
„Warum hast du mir nie davon erzählt?“
„Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme brach. „Ich rief dich an, aber dein Vater sagte mir, du seist in einer Besprechung. Als ich später zu deinem Büro ging, ließ man mich nicht hinein. Danach traf ich deinen Vater.“
Adrian setzte sich ihr gegenüber.
„Was hat er dir gesagt?“
Nora blickte auf ihre Hände.
„Er behauptete, du hättest die Unterlagen gesehen und entschieden, dass ich sie gestohlen hätte. Er sagte, du wolltest mich nie wiedersehen.“
Adrian schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ich habe diese Unterlagen nie gesehen.“
„Das weiß ich jetzt.“
Sie stand auf und ging zu einer kleinen Schachtel, die sie seit ihrer Rückkehr aus dem Park aufbewahrte. Darin lagen alte Fotos, Briefe und einige wenige Erinnerungsstücke aus ihrer Ehe.
Unter einem Stapel vergilbter Briefe fand sie einen gefalteten Zettel.
„Ich dachte, er wäre bedeutungslos“, sagte sie.
Adrian nahm ihn vorsichtig entgegen.
Es war eine Quittung für die Hinterlegung einer Dokumentenmappe bei einer unabhängigen Anwaltskanzlei. Darunter standen ein Datum und eine Aktennummer.
**17. März – Hinterlegung auf Anweisung von Richard Cole.**
Adrian starrte auf die Unterschrift.
Sein Vater hatte die Unterlagen nicht einfach verschwinden lassen. Er hatte sie jemandem übergeben.
Doch wem?
## Die Anwältin, die sich an alles erinnerte
Am nächsten Morgen rief Adrian die Kanzlei an, deren Name auf der Quittung stand. Das Unternehmen existierte noch immer, wenn auch unter einer neuen Leitung.
Eine ältere Anwältin namens Evelyn Shaw nahm seinen Anruf entgegen.
Als Adrian den Namen seines Vaters erwähnte, wurde ihre Stimme vorsichtig.
„Herr Cole, ich kann Ihnen ohne Prüfung der Akten keine Auskunft geben.“
„Es geht um meine ehemalige Frau und um Unterlagen aus einem Hilfsfonds.“
Wieder entstand eine Pause.
„Bitte kommen Sie heute Nachmittag persönlich vorbei“, sagte sie schließlich. „Und bringen Sie Nora mit.“
Als Adrian und Nora die Kanzlei betraten, wartete Evelyn bereits in einem kleinen Besprechungszimmer. Vor ihr lag eine graue Akte.
„Ich habe mich oft gefragt, ob jemand eines Tages danach suchen würde“, sagte sie.
Sie öffnete die Akte.
Darin befanden sich Kopien von Überweisungen, interne E-Mails und ein Bericht über Unregelmäßigkeiten bei dem Hilfsfonds. Mehrere Zahlungen waren über eine Firma abgewickelt worden, deren Eigentümer offiziell nicht bekannt war.
Doch auf einem Dokument stand ein Name.
Nicht Richard Cole.
Sondern **Daniel Mercer**, Adrians damaliger Finanzdirektor – und einer der Männer, denen Adrian am meisten vertraut hatte.
„Mercer verließ das Unternehmen kurz nach Noras Verschwinden“, sagte Evelyn. „Damals hieß es, er habe eine bessere Stelle angenommen. Aber diese Unterlagen legen nahe, dass er den Fonds über Jahre hinweg missbrauchte.“
Adrian las die Zahlen und Daten. Einige Überweisungen waren kurz vor Noras Besuch bei seinem Vater erfolgt.
„Warum hat mein Vater das vertuscht?“, fragte er.
Evelyn faltete die Hände.
„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber er hat dafür gesorgt, dass die Unterlagen nicht an die zuständigen Ermittler gelangten. Außerdem gibt es eine zweite Mappe, die wir nie erhalten haben.“
Nora hob den Kopf.
„Welche zweite Mappe?“
Evelyn zog ein weiteres Blatt aus der Akte.
„Laut diesem Vermerk sollte ein Originaldokument von einer Person abgeholt werden, die sich als Familienmitglied ausweisen konnte. Die Abholung wurde nie bestätigt.“
Adrian beugte sich vor.
„Wer sollte es abholen?“
Evelyn schob ihm das Blatt über den Tisch.
Unter der entsprechenden Zeile stand ein Name, den Adrian noch nie zuvor gehört hatte.
**Isabel Cole.**
Margaret war nicht die einzige Frau mit diesem Familiennamen.
Adrian sah Nora an. Sie war genauso verwirrt wie er.
„Wer ist Isabel Cole?“, fragte sie.
Evelyn schloss die Akte langsam.
„Das“, sagte sie, „ist die Frage, die Ihr Vater seit sieben Jahren verhindern wollte.“
## Der Anruf um Mitternacht
Noch am selben Abend erhielt Adrian einen Anruf von einer unbekannten Nummer.
„Du solltest aufhören, alte Akten zu durchwühlen“, sagte eine Männerstimme.
Adrian erkannte sie sofort.
Daniel Mercer.
„Wo bist du?“, fragte Adrian.
„Das spielt keine Rolle. Du musst nur verstehen, dass dein Vater nicht der Einzige war, der damals Entscheidungen getroffen hat.“
„Was weißt du über Isabel Cole?“
Am anderen Ende war ein leises, bitteres Lachen zu hören.
„Du weißt wirklich nichts, oder?“
„Dann erklär es mir.“
„Isabel war nicht irgendeine Verwandte. Sie war die Person, die den Hilfsfonds ursprünglich aufgebaut hatte. Sie wusste, wohin das Geld verschwand. Und sie hatte Beweise.“
Adrian richtete sich auf.
„Was ist mit ihr passiert?“
„Sie verschwand, bevor sie ihre Unterlagen übergeben konnte.“
„Verschwand wohin?“
Mercer antwortete nicht sofort.
Dann sagte er einen einzigen Satz:
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