Er nickte.

„Das Jungtier bewegt sich wieder. Ich glaube, es ist noch sehr erschöpft.“

„Gut. Halten Sie es weiterhin so, dass es nicht ins Wasser gerät. Wir kümmern uns um den Rest.“

Mara erklärte den Touristen, dass sie nicht versuchen sollten, das Rudel zu vertreiben oder die Tiere zu füttern.

„Das sind Wildtiere. Sie brauchen Abstand. Wir müssen verhindern, dass aus dieser Begegnung eine gefährliche Situation wird.“

Währenddessen hatte sich die graubraune Wölfin dem Ufer weiter genähert.

Sie blieb stehen und beobachtete das Jungtier.

Dann setzte sie sich.

Es war ein stiller Moment.

Der Mann konnte nicht wissen, was das Tier dachte. Aber er erkannte, dass die Wölfin offenbar aufmerksam auf jede Bewegung ihres Jungen reagierte.

Mara beobachtete die Szene mit einem Fernglas.

„Das ist möglicherweise die Mutter“, sagte sie leise zu ihrem Kollegen. „Wir müssen besonders vorsichtig sein.“

Die Rettungskräfte organisierten einen sicheren Rückweg für den Mann. Dabei wurde darauf geachtet, dass er nicht zwischen die Tiere und den Wald geriet.

Nach einigen angespannten Minuten erreichte er schließlich das Ufer.

Er setzte sich auf einen vorbereiteten Platz, während ein Mitarbeiter ihm half, sich aus der nassen Oberbekleidung zu befreien und ihn mit warmen Decken versorgte.

Das Wolfsjunge wurde von den Fachleuten übernommen.

Der Mann wollte sich gerade nach ihm erkundigen, als die Wölfin einen Schritt nach vorne machte.

Alle hielten den Atem an.

Doch sie kam nicht näher.

Sie blieb einfach stehen und sah zu ihrem Jungtier.

TEIL 5 – DAS WOLFSJUNGE ERKENNT SEINE FAMILIE

Die Wildtierbiologin untersuchte das Jungtier vorsichtig.

Es war stark ausgekühlt und erschöpft, zeigte aber wieder deutliche Reaktionen.

„Wir bringen es zur Untersuchung in die Station“, erklärte Mara. „Es braucht Wärme, Ruhe und eine fachkundige Kontrolle.“

Der Mann blickte besorgt auf das kleine Tier.

„Wird es wieder gesund?“

„Wir können noch nichts versprechen. Aber es hat eine gute Chance, wenn wir es jetzt richtig versorgen.“

Dann fügte sie hinzu:

„Und wir müssen herausfinden, wie wir es möglichst schnell wieder mit seinem Rudel zusammenbringen können. Wölfe sind soziale Tiere. Eine dauerhafte Trennung wäre nicht unser Ziel.“

Der Mann nickte.

Er hatte das Jungtier retten wollen, nicht es seiner Familie wegnehmen.

Die Touristen standen inzwischen etwas weiter entfernt. Einige hatten die Aufnahmen beendet und ihre Telefone eingesteckt.

Einer von ihnen trat vorsichtig zu dem Mann.

„Ich dachte wirklich, das war’s jetzt“, sagte er.

Der Mann blickte auf die Wölfe.

„Ich auch. Aber wir müssen verstehen, dass sie ihr Junges schützen wollten.“

Mara hörte das und nickte.

„Das Rudel hat auf eine ungewöhnliche Situation reagiert. Wir sollten daraus keine Geschichte machen, in der die Tiere plötzlich zahm werden oder Menschen als Freunde betrachten. Sie bleiben wilde Tiere. Aber wir können beobachten, wie eng ihre sozialen Bindungen sind.“

Sie erklärte, dass das Jungtier nach der Untersuchung in einem geeigneten, geschützten Bereich versorgt werden sollte, während das Team die Wiedervereinigung vorbereitete.

In den nächsten Stunden wurde das Tier sorgfältig überwacht.

Seine Körpertemperatur normalisierte sich langsam, und es begann wieder auf seine Umgebung zu reagieren.

Am Abend erhielt Mara eine wichtige Nachricht von einem Kollegen.

Das Rudel war in der Nähe geblieben.

Die Tiere hatten sich nicht weit vom Fluss entfernt und schienen weiterhin auf das Jungtier zu warten.

TEIL 6 – DIE WIEDERVEREINIGUNG

Am nächsten Morgen war der Himmel klar.

Der Schnee auf den umliegenden Bergen glitzerte im ersten Sonnenlicht. Der Fluss war noch immer kräftig, aber der Wasserstand begann langsam zu sinken.

Das Wildtierteam hatte einen geeigneten Ort für die Wiedervereinigung ausgewählt.

Er lag weit genug von den Wanderwegen entfernt und bot dem Rudel einen natürlichen Rückzugsbereich.

Der Mann, der das Jungtier gerettet hatte, durfte gemeinsam mit Mara aus sicherer Entfernung dabei sein.

Er war neugierig, aber auch nervös.

„Sind Sie sicher, dass das Rudel noch da ist?“, fragte er.

„Wir haben es heute früh gesehen“, antwortete Mara. „Wir werden die Situation beobachten und nur dann fortfahren, wenn es für das Jungtier und die erwachsenen Tiere sicher ist.“

Als die Mitarbeiter das Jungtier vorsichtig in den vorbereiteten Bereich brachten, wurde es plötzlich unruhig.

Es hob den Kopf.

Dann kam ein leises Fiepen.

Aus der Ferne antwortete ein Wolf.

Die graubraune Wölfin trat zwischen den Bäumen hervor.

Hinter ihr erschienen zwei weitere Tiere.

Der Mann hielt unwillkürlich den Atem an.

Die Wölfin blieb zunächst stehen. Sie beobachtete die Umgebung, bevor sie sich langsam dem Jungtier näherte.

Das kleine Tier bewegte sich auf sie zu.

Dann berührten sich ihre Nasen.

Es war nur ein kurzer Augenblick, aber für den Mann fühlte es sich an, als würde die ganze Anspannung der vergangenen Stunden von ihm abfallen.

Die Wölfin beschnupperte ihr Junges und blieb dicht bei ihm.

Ein zweiter Wolf kam näher und stellte sich daneben.

Das Rudel hatte sein Mitglied zurück.

Mara lächelte.

„Das ist genau das, worauf wir gehofft haben.“

Der Mann sagte nichts.

Er beobachtete nur, wie das Jungtier zwischen den erwachsenen Tieren verschwand.