TEIL 2 – DER AUGENBLICK, IN DEM DAS RUDEL NÄHER KAM

Der Mann stand regungslos im eiskalten Wasser.

Das Wolfsjunge lag in seinen Armen. Sein Fell war völlig durchnässt, und sein kleiner Kopf ruhte erschöpft an der Jacke des Mannes.

Vor ihm stand der größte Wolf des Rudels.

Seine Ohren waren aufgerichtet. Seine Augen ruhten auf dem Jungtier. Hinter ihm hatten sich weitere Wölfe verteilt. Einige standen am Ufer, andere beobachteten die Menschen am gegenüberliegenden Flussrand.

Die Touristen wagten kaum zu atmen.

„Beweg dich nicht!“, rief einer von ihnen dem Mann zu.

Doch der Mann hörte ihn kaum.

Er wusste, dass jede hastige Bewegung die Situation verschlimmern konnte. Deshalb blieb er ruhig und hielt das Jungtier so, dass es nicht erneut ins Wasser rutschte.

Dann geschah etwas Unerwartetes.

Das Wolfsjunge hob plötzlich den Kopf.

Ein leises Fiepen kam aus seiner Kehle.

Der große Wolf bewegte sich einen Schritt vorwärts.

Der Mann schloss für einen Moment die Augen.

„Ganz ruhig, Kleiner“, flüsterte er.

Doch statt ihn anzugreifen, blieb der Wolf stehen. Er senkte den Kopf und gab einen tiefen, kurzen Laut von sich.

Das Wolfsjunge antwortete.

Und plötzlich veränderte sich die gesamte Stimmung.

Ein zweiter Wolf trat aus dem Rudel hervor. Er war kleiner als der erste, hatte aber auffällige helle Stellen über den Augen.

Er bewegte sich vorsichtig in Richtung des Mannes und blieb direkt am Ufer stehen.

Der Mann verstand langsam.

Das Rudel wollte sein Junges zurück.

Aber es schien auch zu erkennen, dass er das Tier nicht festhielt, um ihm etwas anzutun.

Er blickte zu den Touristen.

„Ruft bitte die Wildtierstation an. Sagt ihnen, dass wir hier ein Wolfsrudel und ein erschöpftes Jungtier haben.“

Einer der Reisenden griff sofort zum Telefon.

Der Mann wusste, dass er keine eigenständige Annäherung an die erwachsenen Tiere riskieren durfte. Er musste eine Möglichkeit finden, das Jungtier sicher zu übergeben und sich selbst zurückzuziehen.

Doch der Fluss machte alles schwieriger.

TEIL 3 – EIN LAUT, DEN DER MANN NIEMALS VERGESSEN WÜRDE

Der große Wolf trat erneut näher.

Diesmal ging er nicht direkt auf den Mann zu, sondern bewegte sich langsam am Ufer entlang.

Seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Jungtier.

Dann kam ein weiterer Laut aus dem Wald.

Ein kurzes, hohes Heulen.

Der große Wolf hob sofort den Kopf.

Das Rudel reagierte beinahe gleichzeitig. Mehrere Tiere drehten ihre Ohren in dieselbe Richtung.

Der Mann blickte ebenfalls zum Wald.

Zwischen den dunklen Baumstämmen erschien eine weitere Gestalt.

Ein Wolf mit graubraunem Fell kam langsam aus dem Unterholz. Er bewegte sich vorsichtig und hielt sich zunächst hinter den anderen Tieren.

Der Mann bemerkte, dass der große Wolf seinen Platz veränderte und dem Neuankömmling Raum ließ.

Vielleicht war es die Mutter des Jungtiers.

Er konnte es nicht sicher wissen.

Doch das kleine Tier in seinen Armen begann plötzlich unruhig zu werden. Es hob den Kopf und gab erneut ein schwaches Fiepen von sich.

Der graubraune Wolf antwortete sofort.

Der Mann spürte, wie sich ihm der Hals zuschnürte.

„Da bist du ja“, flüsterte er.

In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er nicht einfach nur ein Tier aus einem Fluss gerettet hatte.

Er hatte ein Jungtier aus seiner Familie herausgehoben.

Und jetzt stand seine Familie direkt vor ihm.

Trotz der angespannten Situation empfand er keine Feindseligkeit gegenüber den Tieren. Er spürte vor allem, wie wichtig es war, ihnen jetzt Raum zu geben.

Am anderen Ufer rief einer der Touristen:

„Die Wildtierstation ist unterwegs! Sie haben gesagt, wir sollen Abstand halten und nichts weiter versuchen.“

Der Mann nickte.

„Gut. Sagt ihnen, dass das Jungtier noch bei mir ist.“

Dann bemerkte er etwas am Ufer.

Zwischen zwei großen Steinen lag ein Stück Holz, das vom Hochwasser mitgerissen worden war. Es bewegte sich langsam in der Strömung.

Der Mann wusste, dass er nicht versuchen durfte, sich selbst einen Weg durch das gefährliche Wasser zu suchen. Er wartete deshalb auf die Anweisungen der herbeigerufenen Fachleute.

Das Wolfsrudel blieb in der Nähe.

Keines der Tiere machte einen weiteren Schritt auf ihn zu.

TEIL 4 – DIE ENTSCHEIDUNG DER WILDTIEREXPERTEN

Nach einigen Minuten traf ein Team der örtlichen Wildtierstation ein.

Zwei Mitarbeiter stiegen aus ihrem Geländewagen. Sie hatten die Situation bereits über die Telefonate der Touristen eingeschätzt und wussten, dass ein Wolfsrudel am Fluss wartete.

Die Leiterin des Teams, eine erfahrene Wildtierbiologin namens Mara Keller, betrachtete zunächst die Umgebung.

„Wie lange hält er das Jungtier schon?“, fragte sie.

„Seit ungefähr zehn Minuten“, antwortete einer der Touristen. „Er hat es aus dem Wasser geholt.“

Mara sah zum Mann im Fluss.

„Wir müssen dafür sorgen, dass er sicher herauskommt. Aber niemand nähert sich den erwachsenen Wölfen.“

Sie sprach über ein Funkgerät mit ihren Kollegen und ließ die Situation aus mehreren Richtungen beobachten.

Der Mann hörte ihre Stimme vom Ufer.

„Mein Name ist Mara. Wir helfen Ihnen. Bitte bleiben Sie ruhig und warten Sie auf unsere Anweisungen.“