„Warum tun Sie das?“, fragte sie leiser.
Viktor blickte aus dem Fenster, als müsse er sich erst entscheiden, wie viel er erzählen wollte.
„Weil mir vor vielen Jahren jemand geholfen hat, als ich selbst nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Eine Frau, die kaum genug für sich selbst hatte, gab mir damals einen Teil ihres letzten Geldes. Ich habe sie nie wiedergesehen. Aber ich habe ihre Freundlichkeit nie vergessen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann dafür sorgen, dass andere Menschen nicht allein durch schwierige Zeiten gehen müssen.“
Alyna betrachtete die Unterlagen. Sie wollte ihm glauben, doch das Leben hatte ihr beigebracht, vorsichtig zu sein.
„Ich werde die Stiftung überprüfen“, sagte sie schließlich. „Und ich werde mit der Beratungsstelle sprechen. Aber ich nehme kein Geld an, bevor ich genau weiß, worauf ich mich einlasse.“
Viktor nickte anerkennend.
„Das ist vernünftig.“
Als Alyna das Café verließ, war sie noch immer unsicher. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte jemand ihr eine Möglichkeit gezeigt, ohne sie zu drängen oder ihr das Gefühl zu geben, versagt zu haben.
Sie ahnte nicht, dass der schwierigste Teil ihrer Geschichte noch bevorstand.
—
## Kapitel 3: Die Überweisung
Am nächsten Morgen wurde Alyna um 8:17 Uhr von ihrem Telefon geweckt.
Sie hatte kaum geschlafen. Die Begegnung mit Viktor ging ihr nicht aus dem Kopf, und sie hatte bis spät in die Nacht die Internetseite der Stiftung überprüft. Die Organisation schien tatsächlich zu existieren. Auch die Beratungsstelle hatte bestätigt, dass Viktor Hartmann zu ihren Unterstützern gehörte.
Dann klingelte ihr Telefon erneut.
Diesmal war es eine unbekannte Nummer.
„Guten Morgen, spreche ich mit Frau Alyna?“, fragte eine freundliche Frauenstimme.
„Ja, das bin ich.“
„Mein Name ist Schneider. Ich rufe von Ihrer Bank an. Wir möchten Sie über einen Zahlungseingang auf Ihrem Konto informieren.“
Alyna setzte sich abrupt auf.
„Einen Zahlungseingang? Von wem?“
„Es wurde eine Überweisung über 8.000 Euro veranlasst. Als Verwendungszweck ist eine Unterstützung für Familien in einer finanziellen Notlage angegeben. Wir möchten lediglich sicherstellen, dass die Transaktion von Ihnen erwartet wird.“
Alyna konnte zunächst nichts sagen.
Achttausend Euro.
Das war mehr Geld, als sie seit Jahren auf einmal gesehen hatte.
Doch ihre Freude wurde sofort von Misstrauen verdrängt.
„Ich habe keine solche Überweisung erwartet“, sagte sie. „Bitte geben Sie keine Kontodaten an Dritte weiter und sagen Sie mir, wie ich den Zahlungseingang sicher prüfen kann.“
Die Bankmitarbeiterin erklärte ihr die nächsten Schritte und bat sie, sich über die offizielle Banking-App einzuloggen. Alyna beendete das Gespräch und öffnete die App selbst.
Tatsächlich war eine Überweisung eingegangen.
Als Absender erschien der Name der Stiftung, die Viktor ihr am Vortag genannt hatte.
Alyna rief sofort die offizielle Nummer der Organisation an. Nach mehreren Weiterleitungen bestätigte eine Mitarbeiterin, dass für sie ein Unterstützungsantrag vorbereitet worden war. Doch die Zahlung hätte erst nach einem Beratungsgespräch und ihrer ausdrücklichen Zustimmung erfolgen sollen.
„Das kann nicht stimmen“, sagte Alyna. „Ich habe nichts unterschrieben.“
Die Mitarbeiterin versprach, den Vorgang zu prüfen und sich zurückzumelden.
Alyna legte auf und betrachtete den Kontostand. Die Summe war da, aber sie fühlte sich nicht erleichtert. Sie fühlte sich, als hätte jemand eine Tür geöffnet, hinter der sie noch nicht wusste, was auf sie wartete.
Sie rief Viktor an.
Er nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
„Frau Alyna? Ist etwas passiert?“
„Jemand hat mir achttausend Euro überwiesen. Angeblich von Ihrer Stiftung. Sie haben mir gestern ausdrücklich gesagt, dass ich nichts annehmen muss. Ich habe nichts unterschrieben. Was geht hier vor?“
Am anderen Ende wurde es still.
„Sie haben recht“, sagte Viktor schließlich. „Eine solche Überweisung hätte ohne Ihre Zustimmung nicht ausgelöst werden dürfen. Ich werde das sofort untersuchen lassen. Bitte geben Sie niemandem Ihre Zugangsdaten und überweisen Sie das Geld nicht an irgendein anderes Konto zurück. Lassen Sie zunächst Ihre Bank und die Stiftung den Vorgang prüfen.“
Seine Antwort beruhigte sie ein wenig, aber nicht genug.
„Ich möchte eine schriftliche Erklärung.“
„Die bekommen Sie.“
Noch bevor sie das Gespräch beenden konnte, klingelte es an ihrer Wohnungstür.
Alyna blickte durch den Türspion.
Draußen stand die ältere Dame aus dem Supermarkt.
Diesmal trug sie keinen verblichenen Umhang, sondern einen eleganten grauen Mantel. Ihr Haar war ordentlich frisiert, und in ihrer Hand hielt sie eine kleine Papiertüte.
Alyna öffnete die Tür nur einen Spalt.
„Guten Morgen, Liebes“, sagte die Frau. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Wie haben Sie meine Adresse gefunden?“
Die Frau senkte den Blick.
„Sie haben sie mir selbst gegeben, erinnerst du dich? Ich hatte dich um eine Adresse für meine Weihnachtskarte gebeten.“
Alyna erinnerte sich. Doch sie hatte nicht erwartet, dass die Frau so schnell wieder auftauchen würde.
„Kommen Sie bitte herein“, sagte sie schließlich.
Die ältere Dame trat ein und stellte die Papiertüte auf den Küchentisch. Darin lagen selbst gebackene Kekse und eine kleine Karte.
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