Plötzlich vibrierte ihr Handy. Es war eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Sie zögerte, bevor sie sie öffnete; ein seltsamer Schauer durchfuhr ihren Körper.

„Alyna, ich hoffe, du erinnerst dich an mich. Ich bin es, die Frau, der du heute im Laden geholfen hast. Ich wollte mich noch einmal bei dir bedanken, aber es gibt da etwas, das du wissen musst … Deine Freundlichkeit ist nicht unbemerkt geblieben. Der Mann, dem du die Schokolade gegeben hast, den du nicht gesehen hast, beobachtet dich schon seit einiger Zeit.“

Alyna spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als die Worte bei ihr ankamen. Die Nachricht ging weiter.

 

„Er hat deine Geschichte verfolgt – deine Kämpfe, deine Opfer. Und er möchte dir helfen. Ich kann dir nur sagen: Vertrau ihm. Er versteht dich. Verpass diese Chance nicht.“

Alynas Herz begann schneller zu schlagen. Wer war dieser Mann? Warum beobachteten sie sie? Unsicherheit lastete schwer auf ihr. War das ein grausamer Scherz oder vielleicht eine Gelegenheit, auf die sie schon die ganze Zeit gewartet hatte, ohne es zu ahnen?

Ihre Finger schwebten über dem Bildschirm ihres Handys, unsicher, was sie tun sollte. Die Wahrheit, wie nächtlicher Regen, fiel langsam um sie herum – und bald würde es unmöglich sein, sie zu ignorieren.

# Kapitel 2: Der Anruf, der alles veränderte

Alyna starrte auf die Nachricht, bis der Bildschirm ihres Handys dunkel wurde.

Ein Mann beobachtete sie? Er kannte ihre Sorgen, ihre Opfer und ihre Vergangenheit? Das klang nicht nach Hilfe. Es klang nach etwas, vor dem sie ihren Sohn schützen musste.

Sie schrieb der unbekannten Nummer zurück:

„Wer ist dieser Mann? Und woher haben Sie meine Telefonnummer?“

Die Antwort kam beinahe sofort.

„Morgen um zehn Uhr. Café Linden, gegenüber dem alten Bahnhof. Er wird dort sein. Bitte kommen Sie allein.“

Alyna legte das Handy auf den Tisch. Ihr erster Impuls war, die Nachricht zu löschen und alles zu vergessen. Doch dann fiel ihr Blick auf die Rechnungen neben dem Kühlschrank. Die Miete war seit zwei Wochen überfällig, die Stromrechnung lag ungeöffnet daneben, und in ihrer Geldbörse befanden sich gerade noch genug Scheine für das Essen der nächsten Tage.

Sie wollte niemandem etwas schuldig sein.

Aber sie wollte auch nicht, dass ihr Sohn unter ihrer finanziellen Not leiden musste.

Am nächsten Morgen brachte sie den Kleinen zu ihrer Nachbarin, Frau Keller, die sich bereit erklärte, einige Stunden auf ihn aufzupassen. Dann zog Alyna ihren einzigen ordentlichen Mantel an und machte sich auf den Weg zum Café.

Als sie eintrat, entdeckte sie sofort einen Mann am Fenster.

Er war ungefähr Mitte fünfzig, trug einen dunkelblauen Anzug und hatte silbernes Haar. Vor ihm stand eine Tasse Kaffee, die offenbar noch unberührt war. Als er Alyna bemerkte, erhob er sich höflich.

„Frau Alyna?“

Sie nickte vorsichtig.

„Mein Name ist Viktor Hartmann. Danke, dass Sie gekommen sind.“

„Sie sollen mich beobachten lassen haben“, sagte Alyna direkt. „Ich möchte wissen, warum.“

Viktor schien von ihrer Offenheit nicht überrascht.

„Das ist eine berechtigte Frage. Und ich werde Ihnen alles erklären. Aber zunächst möchte ich mich für das entschuldigen, was Ihnen Angst gemacht hat. Ich wollte nicht, dass Sie sich bedroht fühlen.“

„Dann erklären Sie es.“

Er deutete auf den freien Stuhl. Alyna setzte sich, ließ jedoch ihre Handtasche auf dem Schoß und behielt ihre Jacke an.

Viktor zog einen schmalen Umschlag aus seiner Aktentasche.

„Vor sechs Monaten habe ich eine Stiftung gegründet, die alleinerziehenden Eltern in schwierigen finanziellen Situationen hilft. Wir unterstützen sie bei Mietkosten, Kinderbetreuung und beruflicher Weiterbildung.“

Alyna verschränkte die Arme.

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Eine Sozialarbeiterin hat uns auf Ihre Situation aufmerksam gemacht. Sie arbeitet mit einer Beratungsstelle zusammen, die Familien unterstützt. Wir haben allerdings strenge Datenschutzregeln. Ich kenne keine privaten Einzelheiten, die Sie uns nicht selbst mitgeteilt haben oder die Sie öffentlich gemacht haben.“

Alyna runzelte die Stirn.

„Ich habe mich bei keiner Stiftung beworben.“

„Das stimmt. Sie wurden auch nicht ausgewählt, weil Sie jemand beobachtet hat. Ihre Hilfe gestern im Supermarkt hat mir lediglich gezeigt, dass ich Sie persönlich kennenlernen möchte. Ich hatte bereits vor, Ihnen über die Beratungsstelle ein Unterstützungsangebot zukommen zu lassen.“

„Sie waren also im Laden?“

„Ja. Ich war hinter Ihnen in der Schlange. Ich habe gesehen, wie Sie der älteren Dame geholfen haben. Aber ich möchte nicht, dass Sie glauben, Sie müssten dafür etwas zurückgeben.“

Alyna schwieg.

Die Erklärung klang vernünftig, doch sie war noch nicht bereit, einem Fremden zu vertrauen.

Viktor schob den Umschlag über den Tisch.

„Hier sind die Kontaktdaten der Stiftung, unsere offizielle Internetseite und die Nummer der Beratungsstelle. Sie können alles unabhängig überprüfen. Wenn Sie keine Unterstützung möchten, respektiere ich das.“

Alyna öffnete den Umschlag. Darin lag keine Geldsumme und kein Vertrag, den sie sofort unterschreiben sollte. Es waren Informationsblätter und ein Formular für ein freiwilliges Beratungsgespräch.

Zum ersten Mal seit Tagen lockerte sich die Anspannung in ihren Schultern ein wenig.