„Das ist unmöglich. Mein Vater hat mir immer erzählt, dass ich seine Tochter bin.“

„Er ist dein Vater“, sagte die Frau sanft. „Er hat dich großgezogen und geliebt. Aber er und deine Mutter waren nicht deine leiblichen Eltern.“

Isabella blickte auf den Anhänger in ihrer Hand.

Plötzlich ergaben viele kleine Erinnerungen einen neuen Sinn: die verschlossenen Kisten ihrer Mutter, die seltenen Besuche eines Fremden in ihrer Kindheit und die Tränen ihres Vaters, wenn Isabella nach ihrer Geburt gefragt hatte.

„Wer waren meine richtigen Eltern?“, fragte sie.

Die alte Frau beugte sich zu ihr.

„Deine Mutter war die Schwester des Königs. Und dein Vater war der jüngere Bruder des verstorbenen Königs.“

Isabella hielt den Atem an.

Sie war nicht nur die Frau des zukünftigen Königs.

Sie war eine verschollene Prinzessin – die Tochter eines Mannes, dessen Platz in der Thronfolge einst umstritten gewesen war.

Doch bevor Isabella eine weitere Frage stellen konnte, hörten sie Schritte vor der Kapelle.

Die alte Frau wurde kreidebleich.

„Du musst jetzt gehen! Niemand darf erfahren, dass ich mit dir gesprochen habe.“

„Aber wer verfolgt uns?“

Die Frau packte Isabellas Hand.

„Der Kanzler. Er war schon damals dabei.“

## Die Wahrheit vor dem ganzen Königreich

Am Morgen der Krönung war der große Thronsaal mit goldenen Bannern geschmückt. Adlige, Gesandte und Vertreter der Dörfer waren versammelt. Der Prinz stand vor dem Thron, während Isabella neben ihm auf den feierlichen Beginn wartete.

Dann trat der Kanzler vor.

„Bevor die Krone übergeben wird, muss eine Angelegenheit geklärt werden.“

Unruhe breitete sich im Saal aus.

Der König erhob sich.

„Was soll das bedeuten?“

„Es gibt Zweifel an der Herkunft von Prinzessin Isabella. Solange diese Zweifel bestehen, darf die Krönung nicht stattfinden.“

Ein Raunen ging durch die Menge.

Isabella sah den Prinzen an. Er nahm sofort ihre Hand.

„Ich werde sie nicht verlassen“, sagte er laut. „Was auch immer die Wahrheit ist, ich werde sie anhören.“

Der Kanzler hob das vergilbte Dokument.

„Dieses Schriftstück beweist, dass vor vielen Jahren ein Kind aus der königlichen Familie verschwunden ist. Wir müssen sicherstellen, dass Isabella nicht unter falschem Namen in unser Haus gekommen ist.“

Isabella trat nach vorn.

„Dann lasst uns die Wahrheit prüfen.“

Alle blickten sie überrascht an.

Sie zog den goldenen Anhänger hervor und legte ihn neben das Dokument.

Der König erkannte das Wappen augenblicklich. Seine Hände begannen zu zittern.

„Woher hast du das?“

„Von einer Frau, die meine Mutter kannte. Sie sagte mir, dass ich die Tochter deiner Schwester bin.“

Der König schloss für einen Moment die Augen.

Dann trat er langsam auf Isabella zu.

„Ich habe meine Schwester und ihr Kind viele Jahre lang gesucht“, sagte er mit gebrochener Stimme. „Ich glaubte, beide für immer verloren zu haben.“

Er nahm den Anhänger und drehte ihn um. Auf der Rückseite befand sich eine winzige Gravur, die nur die engsten Mitglieder der Familie kannten.

Es war ein Versprechen, das die Geschwister als Kinder miteinander geteilt hatten.

Der König wandte sich zum Kanzler.

„Du wusstest davon.“

Der Kanzler versuchte zu antworten, doch in diesem Moment öffneten sich die Türen des Thronsaals.

Zwei königliche Wachen führten die alte Frau herein. Hinter ihnen folgten mehrere Ermittler, die seit der vergangenen Nacht das Archiv untersucht hatten.

Einer der Ermittler übergab dem König einen weiteren Brief.

„Eure Majestät, wir haben das Originaldokument gefunden. Das Schriftstück des Kanzlers wurde verändert. Außerdem belegen mehrere alte Aufzeichnungen, dass er damals Zugang zu den Räumen hatte, in denen das Kind versteckt worden war.“

Der Kanzler verlor jede Farbe im Gesicht.

„Das ist eine Lüge!“, rief er.

Doch die alte Frau trat vor.

„Nein. Ich war dabei. Ihr habt damals befohlen, das Kind aus dem Palast zu bringen, weil Ihr verhindern wolltet, dass es eines Tages Ansprüche auf den Thron erheben könnte.“

Ein entsetztes Murmeln ging durch den Saal.

Der König sah den Mann an, dem er jahrzehntelang vertraut hatte.

„Du hast meine Familie verraten.“

Der Kanzler wurde von den Wachen aus dem Saal geführt, während die Ermittlungen gegen ihn begannen.

Isabella stand still. Sie hatte endlich erfahren, woher sie kam, doch die Wahrheit brachte keine einfache Freude mit sich. Sie dachte an die Menschen, die sie großgezogen hatten, und daran, dass ihre Liebe dadurch nicht weniger wertvoll wurde.

Der Prinz trat zu ihr.

„Du musst nichts beweisen“, sagte er leise. „Du bist für mich dieselbe Isabella wie gestern.“

Sie lächelte unter Tränen.

„Und du bist für mich derselbe Mann, der mich damals nicht nach meinem Aussehen beurteilt hat.“

Der König trat vor die versammelten Gäste.

„Heute wird nicht nur mein Sohn gekrönt. Heute kehrt auch meine Nichte in ihre Familie zurück. Und ich wünsche mir, dass dieses Königreich sie nicht wegen ihres Blutes ehrt, sondern wegen der Güte, die sie jeden Tag gezeigt hat.“

Der Saal erhob sich.

Doch dann hob Isabella die Hand.

„Eure Majestät, ich möchte eine Bitte äußern.“