Doch vielleicht war dieser Tag bereits gekommen.
Er legte den Brief in seine Tasche und blickte auf die Uhr.
Dann griff er nach dem Autoschlüssel.
Der Bettler von der Bushaltestelle war verschwunden.
An seiner Stelle stand ein Mann, dessen Entscheidungen ganze Unternehmen bewegen konnten.
Doch für Mateo Salgado zählte in diesem Augenblick nur eines:
Drei Kinder mussten geschützt werden.
Und die Wahrheit, die ihre Mutter hinterlassen hatte, durfte nicht länger verborgen bleiben.
### Die Ankunft in Mexiko-Stadt
Als der Bus schließlich die Hauptstadt erreichte, war es bereits später Nachmittag.
Die Straßen waren voller hupender Autos, Menschen eilten über Kreuzungen, und die riesigen Gebäude schienen Fernando und seine Geschwister beinahe zu verschlucken.
Daniel hielt Lucías Hand so fest, dass seine Finger weiß wurden.
„Hier sind viel zu viele Menschen“, flüsterte er.
„Wir bleiben zusammen“, versicherte sie ihm.
Fernando zog das Notizbuch aus der Tasche und überprüfte Elenas Adresse.
Die Straße lag in einem Viertel, das sie nicht kannten. Sie würden öffentliche Verkehrsmittel nehmen müssen, und ohne ihr Erspartes konnten sie sich keine Fehler leisten.
Doch zuerst wollten sie den Mann mit dem silbernen Ring finden.
Sie gingen durch die Bahnhofshalle, vorbei an kleinen Geschäften und überfüllten Bänken.
„Wie sollen wir ihn erkennen?“, fragte Lucía.
Fernando sah sich um.
„Mateo sagte, wir sollen nach einem Mann mit einem silbernen Ring suchen. Mehr wissen wir nicht.“
Sie warteten einige Minuten.
Dann bemerkte Daniel einen Mann am Ende der Halle.
Er trug einen dunklen Anzug und hielt eine Zeitung in der Hand. An seiner rechten Hand glänzte ein silberner Ring.
„Da!“, flüsterte Daniel.
Fernando folgte seinem Blick.
Der Mann sah in ihre Richtung, faltete die Zeitung zusammen und kam langsam auf sie zu.
„Ihr seid die Ramírez-Kinder?“, fragte er.
Fernando stellte sich schützend vor seine Geschwister.
„Wer will das wissen?“
Der Fremde lächelte höflich.
„Mein Name ist Andrés. Mateo hat mich gebeten, nach euch Ausschau zu halten.“
„Woher wissen wir, dass Sie wirklich für ihn arbeiten?“, fragte Lucía.
Andrés nickte, als hätte er genau diese Frage erwartet.
Er zog ein kleines Stück Papier aus seiner Jackentasche. Darauf stand dieselbe Telefonnummer, die Mateo ihnen hinterlassen hatte, zusammen mit einem kurzen Satz:
„Drei Kinder. Ein Versprechen. Keine Fragen am Bahnhof.“
Fernando betrachtete die Nachricht.
Es war zumindest ein Hinweis darauf, dass Andrés Mateo kannte.
„Was passiert jetzt?“, fragte er.
„Jetzt bringe ich euch an einen sicheren Ort. Dort könnt ihr essen, euch ausruhen und entscheiden, wie ihr weiter vorgehen möchtet.“
Fernando zögerte.
„Wir müssen Elena finden.“
Andrés’ Gesicht veränderte sich kaum, doch für einen kurzen Augenblick glaubte Fernando, Besorgnis in seinen Augen zu erkennen.
„Elena?“, wiederholte der Mann.
Lucía trat neben ihren Bruder.
„Sie ist eine Freundin unserer Mutter. Wir glauben, dass sie uns helfen kann.“
Andrés schwieg.
Dann fragte er vorsichtig:
„Hat eure Mutter euch jemals von Mateo Salgado erzählt?“
Fernando schüttelte den Kopf.
„Nein. Warum?“
Andrés sah die Geschwister lange an.
„Weil eure Mutter und Mateo sich sehr gut kannten.“
Er holte tief Luft.
„Und weil er derjenige war, der die Behandlung eurer Mutter damals bezahlen wollte.“
Fernando erstarrte.
„Was?“
Lucía wurde kreidebleich.
„Unsere Mutter konnte sich die Medikamente kaum leisten. Wir mussten manchmal auf Essen verzichten, um sie zu bezahlen.“
„Ich weiß“, antwortete Andrés leise.
„Nein“, sagte Fernando. „Sie wissen gar nichts! Wenn dieser Mann unserer Mutter helfen wollte, warum hat er dann nichts getan? Warum ist sie trotzdem gestorben?“
Andrés senkte den Blick.
„Das kann ich euch nicht am Bahnhof erklären.“
Fernando machte einen Schritt zurück.
All die Jahre hatten sie geglaubt, ihre Mutter sei gestorben, weil ihre Familie arm gewesen war und niemand ihnen helfen konnte.
Nun stand plötzlich ein Fremder vor ihnen und behauptete, jemand habe ihnen helfen wollen.
Doch warum war diese Hilfe niemals bei ihnen angekommen?
Und wer hatte dafür gesorgt, dass sie nichts davon erfuhren?
Andrés blickte auf die drei Geschwister.
„Ich verspreche euch, dass ihr Antworten bekommen werdet. Aber zuerst müssen wir verhindern, dass euer Vater euch findet.“
Fernando wollte widersprechen.
Da vibrierte sein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Er nahm den Anruf entgegen.
„Hallo?“
Zunächst hörte er nur Atemgeräusche.
Dann ertönte die Stimme seines Vaters.
„Fernando.“
Der Junge erstarrte.
„Wo bist du?“, fragte Ernesto.
Fernando sagte kein Wort.
„Du glaubst, du kannst vor mir weglaufen?“, fuhr sein Vater fort. „Ich weiß, dass du in Mexiko-Stadt bist.“
Lucía griff nach Fernandos Arm.
Daniel begann erneut zu zittern.
Ernesto lachte leise.
„Und ich weiß auch, wen du suchst.“
Die Verbindung knackte.
Dann sprach sein Vater einen Namen aus, der Fernando den Boden unter den Füßen wegzog.
„Elena.“
Der Anruf brach ab.
Fernando blickte auf sein Telefon.
Sein Vater wusste nicht nur, wohin sie gefahren waren.
Er wusste auch, wen sie finden wollten.
Andrés wurde plötzlich ernst.
„Wir müssen sofort gehen.“
„Warum?“, fragte Lucía.
Der Mann sah sich in der Bahnhofshalle um.
Am anderen Ende des Raumes stand ein Mann mit einer dunklen Kappe.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



