Offensichtlich lebte er auf der Straße.
„Lassen Sie die Kinder in Ruhe“, sagte er ruhig.
Ernesto musterte ihn verächtlich.
„Verschwinde, alter Bettler. Das geht dich nichts an.“
Der Mann rührte sich nicht.
„Vielleicht nicht. Aber ich sehe drei Kinder, die Angst haben, und einen Erwachsenen, der sie vor allen Leuten einschüchtert.“
Ein Murmeln ging durch die Wartenden.
Ernesto sah sich um. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass jemand widersprechen würde.
„Das sind meine Kinder!“
„Dann sollten Sie sich auch wie ein Vater verhalten.“
Für einen Moment schien Ernesto die Beherrschung zu verlieren. Doch als er bemerkte, dass inzwischen mehrere Menschen ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hatten, wich er zurück.
„Das ist noch nicht vorbei, Fernando!“, rief er. „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“
Dann drehte er sich um und verschwand in der Menge.
Fernando stand wie erstarrt da.
Der Fremde wandte sich den Geschwistern zu.
„Alles in Ordnung?“
Fernando nickte, obwohl seine Knie zitterten.
„Danke, Señor. Sie hätten sich nicht einmischen müssen.“
Der Mann lächelte schwach.
„Manchmal muss man sich einmischen, gerade wenn alle anderen wegsehen.“
Dann blickte er auf Daniels verweintes Gesicht.
„Habt ihr schon gefrühstückt?“
Lucía schüttelte den Kopf.
Der Fremde öffnete eine kleine Stofftasche und holte drei in Papier gewickelte Tacos heraus.
„Nehmt sie. Ich habe heute Morgen mehr bekommen, als ich brauche.“
Fernando zögerte.
„Wir können sie nicht einfach annehmen.“
„Natürlich könnt ihr das.“
„Aber Sie brauchen das Essen doch selbst.“
Der Mann sah ihn mit überraschend klaren Augen an.
„Junger Mann, Stolz ist etwas Gutes. Aber lasst niemals zu, dass euer Stolz euch daran hindert, Hilfe anzunehmen.“
Fernando nahm das Essen schließlich entgegen.
„Wie heißen Sie?“
Der Fremde hielt kurz inne.
„Man nennt mich Mateo.“
Er sagte nicht mehr.
Und doch hatte Fernando das seltsame Gefühl, dass dieser Mann viel mehr über das Leben wusste, als seine zerschlissene Kleidung vermuten ließ.
### Eine Fahrt mit unerwarteten Folgen
Als der Bus einfuhr, stiegen die drei Geschwister ein. Mateo blieb an der Haltestelle zurück.
Fernando bezahlte die Fahrkarten und führte Daniel zu einem Platz am Fenster. Lucía setzte sich daneben, während Fernando auf dem Sitz gegenüber Platz nahm.
Durch die Scheibe sah er Mateo, der seinen Einkaufswagen an den Straßenrand schob.
Der alte Mann hob eine Hand zum Abschied.
Fernando erwiderte die Geste.
Dann setzte sich der Bus in Bewegung.
Erst als die Straßen von Santa María Atzompa hinter ihnen verschwanden, begann Daniel wieder normal zu atmen.
„Glaubst du, Papa findet uns?“, fragte er.
Fernando sah auf das kleine Notizbuch in seiner Hand. Darin standen Elenas letzte bekannte Adresse und eine Telefonnummer, die möglicherweise längst nicht mehr gültig war.
„Ich weiß es nicht.“
„Und wenn Elena uns nicht helfen will?“, fragte Lucía.
Fernando blickte aus dem Fenster. Die Landschaft zog vorbei, und mit jedem Kilometer entfernten sie sich weiter von dem einzigen Ort, den sie je ihr Zuhause genannt hatten.
„Dann suchen wir eine andere Lösung.“
„Und wenn wir keine finden?“
Er sah seine Schwester an.
„Dann suchen wir weiter.“
Lucía nickte. Sie wusste, dass es kein Versprechen auf Sicherheit war. Aber es war ein Versprechen, dass sie nicht aufgegeben würden.
Nach ungefähr einer Stunde hielt der Bus an einer Raststätte. Einige Fahrgäste stiegen aus, um etwas zu essen oder sich die Beine zu vertreten.
Fernando nutzte die Gelegenheit, um nach seinem Geld zu sehen.
Er erstarrte.
Das kleine Bündel Pesos, das er in der Innentasche seines Rucksacks aufbewahrt hatte, war verschwunden.
Er durchsuchte das Fach ein zweites Mal.
Nichts.
„Was ist los?“, fragte Lucía.
Fernando antwortete nicht.
Er kontrollierte die anderen Taschen, das Notizbuch und sogar die kleine Seitentasche, in der Daniel seinen Stoffhund aufbewahrte.
Das Geld war weg.
Fast 7.000 Pesos.
Alles, was er in Monaten harter Arbeit gespart hatte.
„Nein … nein, das kann nicht sein.“
Lucía wurde blass.
„Vielleicht ist es beim Einsteigen herausgefallen?“
„Ich hatte es ganz sicher hier.“
Fernando blickte zur Bustür. Einige Menschen liefen über den Parkplatz. Ein Mann in einer dunklen Kappe stieg gerade in einen anderen Bus.
„Ich muss es verloren haben“, sagte Fernando, doch er glaubte seinen eigenen Worten nicht.
Der Fahrer rief, dass die Pause vorbei sei.
Die Geschwister stiegen wieder ein.
Ohne das Geld würde ihre Reise zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden. Sie mussten Elena finden, bevor die letzten Pesos für Essen und weitere Fahrkarten aufgebraucht waren.
Fernando presste die Lippen zusammen.
Er durfte jetzt nicht zusammenbrechen.
Nicht vor Lucía.
Nicht vor Daniel.
Doch als er sich wieder auf seinen Platz setzte, entdeckte er etwas auf dem Sitz neben sich.
Ein gefaltetes Stück Papier.
Es war klein, sauber und offenbar absichtlich dort zurückgelassen worden.
Fernando öffnete es.
Darauf stand in ordentlicher Handschrift:
„Wenn ihr in Mexiko-Stadt ankommt, geht nicht zuerst zu Elena. Sucht den Mann mit dem silbernen Ring am Hauptbahnhof. Sagt ihm, dass Mateo euch geschickt hat.“
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