„Das kann nicht stimmen“, flüsterte die Rothaarige. „Onkel Friedrich hat uns doch geholfen, nachdem du verschwunden bist. Er hat uns bei der Suche unterstützt. Er hat sogar die Polizei begleitet!“
„Genau deshalb war es so schwer, die Wahrheit zu erkennen“, antwortete ihr Vater. „Er wusste, welche Fragen gestellt wurden. Und er wusste auch, welche Antworten er vermeiden musste.“
Der Jäger senkte den Kopf.
„Was hatte dein Bruder damit zu tun?“, fragte er.
Der Förster setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Seine Stimme klang müde, aber entschlossen.
„Vor drei Jahren entdeckte ich, dass mehrere Grundstücksdokumente verändert worden waren. Ein Teil des Waldes sollte plötzlich jemand anderem gehören. Ich fand heraus, dass mein Bruder davon profitieren würde.“
Die Blondine schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber warum sollte er so etwas tun?“
„Er hatte hohe Schulden. Er glaubte, mit dem Verkauf des Grundstücks alles lösen zu können. Als ich ihn zur Rede stellte, versprach er, die Unterlagen zurückzunehmen. Doch am nächsten Tag verschwand ich.“
Der Vater machte eine kurze Pause.
„Ich war damals nicht tot. Ich hatte mich in einer abgelegenen Unterkunft versteckt, nachdem ich erfahren hatte, dass meine Nachrichten nicht mehr sicher waren. Ich wollte Beweise sammeln und verhindern, dass meine Familie hineingezogen wurde.“
„Und warum hast du uns nicht angerufen?“, fragte die Jüngste mit tränenerfüllter Stimme.
Der Förster sah sie lange an.
„Das war mein größter Fehler. Ich dachte, ich würde euch schützen. Aber ich habe euch damit drei Jahre voller Angst und Ungewissheit zugemutet.“
Er zog einen weiteren Umschlag hervor.
Darin befanden sich Kopien alter Verträge, Briefe und ein Dokument mit Friedrichs Unterschrift.
Der Jäger betrachtete es aufmerksam.
„Das ist der Grund, warum ich damals geschwiegen habe“, sagte er schließlich. „Friedrich hatte mir versprochen, dass alles geklärt würde. Er behauptete, dein Vater habe die Unterlagen selbst verändert. Ich glaubte ihm nicht vollständig, aber ich wollte keinen Streit.“
„Du hättest uns die Wahrheit sagen müssen“, erwiderte die Rothaarige.
„Ja“, antwortete der Jäger. „Und ich werde mich meiner Verantwortung stellen.“
Plötzlich vibrierte das Telefon der ältesten Tochter.
Eine Nachricht erschien auf dem Display.
„Geht sofort nach Hause. Wir müssen reden. – Friedrich“
Die drei Schwestern sahen sich erschrocken an.
„Woher weiß er, dass wir hier sind?“, fragte die Jüngste.
Der Vater stand langsam auf.
„Weil er euch vermutlich schon länger beobachtet hat. Nicht unbedingt persönlich. Vielleicht hat er jemanden beauftragt, nach mir zu suchen.“
Die Blondine steckte das Telefon weg.
„Dann gehen wir zur Polizei.“
„Das ist richtig“, sagte der Förster. „Aber diesmal nehmen wir alle Unterlagen mit. Keine heimlichen Absprachen mehr.“
Der Jäger nickte.
„Ich werde ebenfalls aussagen. Auch wenn ich damit zugeben muss, dass ich drei Jahre lang geschwiegen habe.“
Noch am selben Abend übergaben sie die Dokumente den Ermittlern. Die Beamten nahmen ihre Aussagen auf und prüften die Unterlagen. Niemand durfte vorschnell verurteilt werden, doch die Hinweise reichten aus, um die alten Vorgänge erneut zu untersuchen.
Am nächsten Morgen erhielten die Schwestern einen Anruf.
Friedrich hatte sich selbst bei der Polizei gemeldet.
Er behauptete, alles sei ein Missverständnis gewesen. Doch als man ihm die Dokumente vorlegte, änderte sich seine Geschichte mehrfach.
Schließlich gab er zu, die Grundstücksunterlagen verändert und den Verdacht bewusst auf den Jäger gelenkt zu haben. Er hatte auch gewusst, dass sein Bruder noch lebte. Aus Angst vor den Konsequenzen hatte er dessen Rückkehr verhindert und der Familie eingeredet, jede weitere Suche sei sinnlos.
Doch eine Frage blieb offen:
Warum hatte der Förster ausgerechnet drei Jahre gewartet, bevor er zurückkehrte?
Einige Tage später saßen die drei Schwestern mit ihrem Vater im Wohnzimmer des alten Familienhauses. Der Förster legte ein kleines Fotoalbum auf den Tisch.
„Ich möchte euch noch etwas zeigen.“
Auf dem ersten Bild waren die Schwestern als Kinder zu sehen. Auf dem nächsten stand ihre Mutter neben dem alten Forsthaus.
Die jüngste Tochter lächelte traurig.
„Ich vermisse sie.“
„Ich auch“, sagte ihr Vater. „Und genau deshalb wollte ich zurückkommen, bevor noch mehr Zeit vergeht.“
Er öffnete die letzte Seite des Albums. Dort steckte ein Brief ihrer verstorbenen Mutter.
Die älteste Tochter nahm ihn vorsichtig heraus und begann zu lesen.
Meine drei Mädchen, wenn ihr diesen Brief eines Tages gemeinsam lest, dann hoffe ich, dass ihr gelernt habt, einander zuzuhören. Familie bedeutet nicht, niemals Fehler zu machen. Familie bedeutet, die Wahrheit nicht länger zu verstecken und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Unter dem Brief stand ein zusätzlicher Satz, der offenbar später hinzugefügt worden war:
Und fragt euren Vater, was er damals mit dem vierten Schlüssel gemacht hat.
Die drei Schwestern blickten gleichzeitig auf.
„Welchen vierten Schlüssel?“, fragte die Blondine.
Der Förster wurde plötzlich still.
Dann stand er auf, ging zu einem alten Schrank und holte eine kleine Holzkiste hervor.
Darin lagen drei Schlüssel.
Er betrachtete sie lange.
„Ich dachte, den vierten hätte ich für immer verloren“, sagte er leise.
„Was öffnet er?“, fragte die Jüngste.
Ihr Vater sah sie ernst an.
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