„Du bist endlich da“, wiederholte die junge Frau mit dem bunten Kopftuch.

Der Jäger wich einen Schritt zurück. Sein Blick wanderte von der Rothaarigen zur Blondine. Keine der drei Frauen schien Angst vor ihm zu haben. Im Gegenteil: Sie betrachteten ihn, als hätten sie jeden seiner Schritte vorausgesehen.

„Ich kenne euch nicht“, sagte er scharf. „Nehmt die Hände von mir!“

Die Rothaarige trat näher. In ihrer Hand hielt sie ein altes, vergilbtes Foto.

„Sieh genau hin. Vielleicht erinnerst du dich jetzt.“

Der Jäger blickte auf das Bild. Darauf waren vier Menschen zu sehen: drei junge Frauen und ein Mann in Jagdkleidung. Das Foto musste mindestens zwanzig Jahre alt sein.

Plötzlich verlor er die Farbe im Gesicht.

„Woher habt ihr das?“

„Das ist die Frage, die wir dir seit drei Jahren stellen wollten“, antwortete die Blondine.

Die Frau mit dem Kopftuch hob langsam den Kopf.

„Vor drei Jahren verschwand unser Vater in diesem Wald. Er war Förster und kannte jeden einzelnen Pfad. An jenem Tag wollte er nach Hause kommen. Doch er kam nie zurück.“

Der Jäger schwieg.

„Die Polizei fand später seine Jacke“, fuhr sie fort. „Daneben lagen Spuren, die darauf hindeuteten, dass er hier jemandem begegnet war. Und weißt du, was wir in seiner Jackentasche fanden?“

Sie zog einen kleinen Metallanhänger hervor.

Der Jäger starrte darauf. Er erkannte ihn sofort.

Es war sein eigener Anhänger.

„Das kann nicht sein“, flüsterte er.

Die Rothaarige verschränkte die Arme.

„Doch. Unser Vater hatte ihn offenbar bei sich. Und bevor du jetzt behauptest, du hättest ihn nie gesehen, solltest du wissen, dass wir noch etwas gefunden haben.“

Die Blondine öffnete eine alte Ledertasche und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus. Es war ein Brief, dessen Ecken vom Regen beschädigt waren.

Darauf stand nur ein Satz:

Wenn mir etwas zustößt, sucht nach dem Mann, der den silbernen Anhänger trägt.

Der Jäger schloss die Augen.

„Ich wollte nicht, dass es so endet“, sagte er schließlich.

Die drei Frauen erstarrten.

„Was meinst du damit?“, fragte die Jüngste.

Er atmete tief durch. Dann erzählte er, dass er vor drei Jahren tatsächlich mit ihrem Vater im Wald gewesen war. Beide hatten einen Streit gehabt. Ihr Vater hatte ihn beschuldigt, eine alte Grenzmarkierung absichtlich versetzt zu haben, um sich ein Stück Land anzueignen.

Der Jäger hatte die Anschuldigung bestritten. Es war zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Danach war der Förster allein weitergegangen.

„Ich habe ihn nicht getötet“, sagte der Mann mit brüchiger Stimme. „Aber ich habe damals etwas verschwiegen.“

„Was?“, fragte die Rothaarige.

Er zeigte auf einen schmalen Pfad hinter den Bäumen.

„Euer Vater hatte entdeckt, dass jemand heimlich alte Grundstücksdokumente verändert hatte. Er wollte am nächsten Morgen zur Polizei gehen. Ich hatte Angst, dass man auch mich verdächtigen würde. Deshalb habe ich geschwiegen.“

Die Frauen sahen einander an.

„Und warum hast du drei Jahre gebraucht, um das zu sagen?“, fragte die Blondine.

Der Jäger antwortete nicht sofort.

Dann zog er einen zerknitterten Zettel aus seiner Jackentasche.

„Weil ich vor wenigen Tagen einen Brief bekommen habe. Ohne Absender. Darin stand, dass ich an diesem Ort die Wahrheit erfahren würde.“

Die junge Frau nahm den Zettel entgegen. Als sie ihn las, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Auf der Rückseite stand eine Adresse.

Es war die Adresse eines alten Forsthauses, das seit Jahren leer stehen sollte.

„Das ist unmöglich“, flüsterte sie. „Dort wurde unser Vater zuletzt gesehen.“

In diesem Moment ertönte hinter ihnen ein Knacken.

Alle vier drehten sich um.

Zwischen den Bäumen stand ein älterer Mann. Er trug eine abgenutzte Forstjacke und stützte sich auf einen Stock.

Die jüngste Frau ließ das Foto fallen.

„Papa?“

Der Mann hob langsam den Kopf.

„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte er leise.

Die drei Schwestern liefen auf ihn zu. Doch bevor sie ihn erreichen konnten, hob er die Hand.

„Wartet. Bevor ihr mich umarmt, müsst ihr etwas verstehen.“

Sein Blick wanderte zum Jäger.

„Dieser Mann ist nicht der Einzige, der euch etwas verschwiegen hat.“

Die Frauen blieben stehen.

Der alte Förster griff in seine Jacke und zog einen zweiten Brief hervor.

„Ich habe drei Jahre lang darauf gewartet, dass ihr alle zusammenkommt. Denn die Wahrheit über mein Verschwinden betrifft nicht nur den Jäger. Sie betrifft unsere ganze Familie.“

Er reichte seiner ältesten Tochter den Brief.

Als sie die ersten Zeilen las, begann ihre Hand zu zittern.

Denn darin stand der Name eines Menschen, dem die drei Schwestern seit ihrer Kindheit vertraut hatten.

Und genau dieser Mensch hatte ihnen all die Jahre erzählt, ihr Vater sei für immer verschwunden.

Doch warum hatte er gelogen – und was hatte er mit dem geheimnisvollen Forsthaus zu tun?

Die älteste Tochter las den Namen noch einmal.

Dann hob sie langsam den Blick.

„Onkel Friedrich?“

Der alte Förster nickte schwer.

„Ja. Mein eigener Bruder.“

Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur der Wind bewegte die Äste über ihren Köpfen.