„Doña Gertrudis ließ Inés’ Briefe kontrollieren. Zwei davon wurden mir gegeben, damit ich sie nicht zur Post brachte.“
Sebastián erstarrte.
„Briefe an wen?“
„An Sie, Don Sebastián.“
Für einen Moment war nur das Ticken der Uhr zu hören.
„Wo sind sie?“
„Ich weiß es nicht. Doña Gertrudis hat sie an sich genommen.“
Sebastián öffnete eine Schublade und zog die Briefe hervor, die seine Mutter ihm während seiner Reise geschickt hatte.
„Sie schrieb mir regelmäßig. Warum sollte sie gleichzeitig verhindern, dass meine Frau mir schreibt?“
Ramiro antwortete nicht.
Doch in diesem Schweigen begann Sebastián zu verstehen, dass es nicht nur um verletzten Stolz oder eine grausame Schwiegermutter ging.
Jemand hatte systematisch dafür gesorgt, dass er nur eine Seite der Geschichte hörte.
Und dieser Jemand war seine eigene Mutter.
—
Nach dem Gespräch ging Sebastián in das Zimmer, das Inés vor ihrer Heirat als Nähzimmer benutzt hatte.
Es lag am Ende des Korridors, weit entfernt von den großen Salons, in denen Doña Gertrudis ihre Gäste empfing. Früher hatte Inés dort Stoffe zugeschnitten, Kleider ausgebessert und kleine bestickte Taschentücher hergestellt.
Jetzt wirkte der Raum verlassen.
Auf dem Tisch lagen Garnrollen und eine halb fertige Stickerei. In der Ecke stand eine kleine Truhe aus dunklem Holz, die Sebastián noch nie zuvor gesehen hatte.
Er wollte gerade die Tür schließen, als Petra hinter ihm erschien.
„Don Sebastián, bitte erschrecken Sie nicht.“
„Was ist das?“
Petra sah zur Truhe.
„Die persönlichen Sachen von Doña Inés.“
„Warum stehen sie hier?“
„Doña Gertrudis ließ sie aus dem Schlafzimmer bringen. Sie sagte, Ihre Frau brauche keinen Platz für Dinge, die sie nicht mehr benutzen dürfe.“
Sebastián starrte sie an.
„Sie durfte ihre eigenen Sachen nicht behalten?“
Petra schüttelte den Kopf.
„Nicht ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.“
Er musste sich beherrschen, um nicht sofort zu seiner Mutter zu gehen.
Stattdessen kniete er sich vor die Truhe. Der Schlüssel steckte noch im Schloss.
Als er den Deckel hob, fand er sorgfältig zusammengelegte Kleider, ein kleines Gebetbuch, ein Band mit den Initialen ihrer verstorbenen Mutter und mehrere Briefe.
Die Briefe waren mit einem blauen Band zusammengebunden.
Auf dem obersten stand sein Name.
Sebastián setzte sich auf den Boden und begann zu lesen.
Der erste Brief war vor sechs Wochen geschrieben worden.
*Mein lieber Sebastián,*
*ich hoffe, dass deine Reise gut verläuft. Heute Morgen war mir etwas übel, und Petra bestand darauf, dass ich mich ausruhe. Deine Mutter sagte, ich solle aufstehen und ihr bei der Arbeit helfen. Ich möchte keinen Streit verursachen, deshalb versuche ich, ihr entgegenzukommen.*
Der zweite Brief war kürzer.
*Sebastián, ich vermisse dich. Ich weiß nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe. Deine Mutter ist der Meinung, dass ich mich als Ehefrau nicht richtig verhalte. Ich bemühe mich, alles zu lernen, was von mir erwartet wird.*
Beim dritten Brief zitterten Sebastián die Hände.
*Mein lieber Mann,*
*ich habe heute erfahren, dass ich schwanger bin. Ich wollte es dir persönlich sagen, aber ich weiß nicht, wann du zurückkehren wirst. Ich bin glücklich und zugleich ängstlich. Ich wünschte, du wärst hier.*
Der Brief war nie geöffnet worden.
Sebastián las ihn ein zweites Mal.
Dann ein drittes.
Er dachte an Inés, die mit verletzten Händen am Küchentisch gestanden hatte, während seine Mutter ihr kalte Bohnen vorsetzte. An die blauen Flecken an ihren Füßen. An die Angst in ihren Augen, als sie gefragt hatte, ob Doña Gertrudis am nächsten Tag wieder böse sein würde.
Und an das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug.
Seine Mutter hatte nicht nur seine Frau gedemütigt.
Sie hatte ihm auch die Möglichkeit genommen, in einer der wichtigsten Zeiten ihres Lebens für sie da zu sein.
Unter den Briefen lag ein weiteres Blatt, das nicht von Inés geschrieben worden war.
Es war eine kurze Notiz in der Handschrift seiner Mutter.
*Wenn Sebastián zurückkehrt, muss diese Angelegenheit beendet sein, bevor er etwas erfährt.*
Darunter stand ein Datum.
Es lag nur wenige Tage zurück.
Sebastián erhob sich langsam.
Nun hatte er keinen Zweifel mehr, dass die Drohung seiner Mutter nicht bloß ein Ausbruch von Zorn gewesen war.
Sie hatte etwas verbergen wollen.
Und sie war bereit gewesen, ihre eigene Schwiegertochter dafür leiden zu lassen.
—
Als Sebastián das Schlafzimmer betrat, saß Inés am Fenster. Petra hatte ihr ein Frühstück gebracht, das sie kaum angerührt hatte.
Er legte die Briefe auf den Tisch.
Inés wurde sofort blass.
„Du hast sie gefunden.“
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du mir geschrieben hast?“
Sie sah ihn ungläubig an.
„Ich dachte, du hättest sie gelesen.“
„Ich habe keinen einzigen davon erhalten.“
Inés blickte auf die Briefe. Dann schloss sie die Augen.
„Ich habe wochenlang geglaubt, du wolltest nicht antworten.“
Sebastián setzte sich vor sie.
„Inés, ich schwöre dir, ich wusste nichts davon.“
„Deine Mutter sagte, du hättest ihr geschrieben, dass ich dich mit meinen Sorgen nicht belästigen solle.“
Er hob den Kopf.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



