Er habe gesagt, dass er die Vollmachten in mehreren Unternehmen ändern und Maksim nach festgestellten finanziellen Unregelmäßigkeiten von der Leitung mehrerer Firmen absetzen wolle.

Irina zufolge sollte der Termin beim Notar sieben Tage später stattfinden, doch dann war Grigori plötzlich nahezu vollständig bewegungsunfähig geworden.

Der Familie war erklärt worden, die Ursache sei eine rasch fortschreitende neurologische Komplikation, obwohl Irina nie ein abschließendes unabhängiges Gutachten gezeigt worden war.

Sie hatte mehrfach verlangt, ihren Bruder in eine Klinik zu bringen, doch Maksim behauptete, der Transport sei lebensgefährlich und widerspreche Grigoris eigenem Willen.

Nun bewegte der Mann, der angeblich eine Krankenhauseinweisung abgelehnt hatte, kaum noch seine Augen und bat mich persönlich darum, einen unabhängigen Arzt und seine Schwester zu kontaktieren.

Irina sagte, sie werde sofort Professor Melnyk kontaktieren und den ersten verfügbaren Flug nehmen, ohne Maksim vorher über ihre Ankunft zu informieren.

Vierzig Minuten später rief mich der Professor selbst an und bat mich, Grigoris Zustand zu beschreiben, ohne Vermutungen über die Ursachen dessen anzustellen, was im Haus geschah.

Ich schilderte die Veränderungen seines Bewusstseins, seiner Atmung und seiner Bewegungen sowie die Zeiten, zu denen sich sein Zustand verschlechterte, woraufhin der Arzt sagte, ich solle bei jedem weiteren Vorfall sofort den Rettungsdienst rufen.

Er erklärte außerdem, dass ein Patient mit plötzlich auftretender Bewegungslosigkeit und Atemproblemen unabhängig untersucht werden müsse, besonders wenn die Medikamentengeschichte unklar sei.

Um zehn Uhr morgens teilte Maksim dem Personal mit, dass Doktor Boiko nach dem Mittag erneut kommen werde, und bat darum, den Patienten vorher nicht zu stören.

Ich nickte, wusste jedoch bereits, dass Professor Melnyk ein mobiles medizinisches Team schickte, um Grigoris Zustand noch vor diesem Besuch offiziell zu beurteilen.

Das Team traf um halb zwölf ein, doch der Sicherheitsdienst weigerte sich zunächst, die Ärzte ohne Bestätigung von Maksim oder Doktor Boiko einzulassen.

Daraufhin setzte sich der Professor mit dem Hausverwalter in Verbindung und erklärte, dass er auf Wunsch einer nahen Verwandten und aufgrund einer möglichen medizinischen Gefährdung handle.

Der Streit dauerte mehrere Minuten, bis Grigori selbst die Augen öffnete und auf eine einfache Frage des eingetroffenen Neurologen mit einem Blinzeln antwortete.

Danach verlangte der Arzt eine umfassende Beurteilung von Grigoris Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, und eine vorübergehende Einstellung aller nicht dringenden Eingriffe, bis die Verordnungen durch Spezialisten geklärt seien.

Maksim erschien wenige Minuten später und begann laut zu behaupten, fremde Ärzte würden einen sterbenden Menschen wegen eines Familienstreits unnötigem Stress aussetzen.

Doch Grigori öffnete erneut die Augen und beantwortete die Frage, ob er im Krankenhaus untersucht werden wolle, mit einem deutlichen Blinzeln.

Der Arzt dokumentierte die Reaktion in Anwesenheit zweier Zeugen, woraufhin entschieden wurde, den Patienten zur dringenden unabhängigen Untersuchung in eine Klinik zu bringen.

Maksim versuchte, eine Vollmacht vorzuzeigen, die ihm angeblich erlaubte, medizinische Entscheidungen zu treffen, doch der hinzugekommene Jurist des Krankenhauses verlangte, deren Gültigkeit gesondert überprüfen zu lassen.

Während der Streit weiterging, begann sich Grigoris Zustand erneut zu verschlechtern, und die Ärzte beschlossen, keine weitere Zeit mit familienrechtlichen Auseinandersetzungen am Krankenbett zu verlieren.

Ich fuhr zusammen mit Lewtschuk ins Krankenhaus, weil Irina mich gebeten hatte, nach allem, was geschehen war, nicht allein im Haus zu bleiben.

Einige Stunden später teilten die unabhängigen Ärzte mit, dass Grigoris Zustand tatsächlich nicht mit dem einfachen Szenario eines unvermeidbaren natürlichen Sterbeprozesses übereinstimmte.

Sie fanden Hinweise auf eine Medikamenteneinwirkung, die eine toxikologische Untersuchung erforderte, warnten die Familie jedoch ausdrücklich davor, vor Vorliegen der Laborergebnisse voreilige Anschuldigungen zu erheben.

Nicht ich rief die Polizei, sondern der diensthabende Arzt, denn die Kombination aus einem unbekannten Medikament, fragwürdiger medizinischer Dokumentation und einer möglichen Gefährdung erforderte eine offizielle Untersuchung.

Die Ermittler baten mich, Boikos Besuche, die weiße Packung, Maksims Worte und Grigoris Reaktionen nach jedem von mir beobachteten Vorfall detailliert zu schildern.

Ich wiederholte ausschließlich das, was ich selbst gesehen hatte, und bezeichnete niemanden als Mörder, denn ein Verdacht ist noch kein Beweis für Schuld.

Die Polizei erhielt die Genehmigung, medizinische Unterlagen, Aufnahmen der Hauskameras und Besucherprotokolle zu sichern, um die Abfolge der Besuche und Verordnungen der letzten Wochen zu überprüfen.

Gerade die Kameras zeigten das erste Detail, das zuvor niemandem aufgefallen war: Boiko war deutlich häufiger gekommen, als es im Protokoll der Arztbesuche vermerkt war.

Einige Besuche fanden spätabends über die Dienstgarage statt, wo Maksim den Arzt persönlich empfing und ihn nach oben führte, ohne dass der Sicherheitsdienst den Besuch registrierte.

Die Aufnahmen zeigten außerdem, dass Maksim nach mehreren dieser Besuche bei einem Bestattungsunternehmen anrief und die vorläufige Organisation der Trauerfeier besprach.

Ein solcher Anruf allein bewies kein Verbrechen, denn Angehörige bereiten sich manchmal tatsächlich im Voraus auf den unvermeidbaren Tod eines schwer kranken Menschen vor.

Doch ein Gespräch erwies sich als besonders wichtig: Maksim fragte, ob nach Ausstellung der erforderlichen Unterlagen möglichst schnell eine nicht öffentliche Einäscherung durchgeführt werden könne.

Die Ermittler zogen öffentlich keine Schlussfolgerungen, forderten jedoch Nachrichtenverläufe, Finanzunterlagen und Informationen über den Notartermin an, den Grigori vor seiner Erkrankung geplant hatte.