Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Als die Wärterin Emma an der Schulter packte, wich diese nicht zurück. Sie sah der Frau direkt in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme:

„Nehmen Sie Ihre Hand von mir.“

Victoria lachte verächtlich.

„Du glaubst tatsächlich, du könntest hier bestimmen, was passiert?“

Emma antwortete nicht sofort. Sie richtete lediglich ihre Jacke und blickte zu den anderen Frauen, die schweigend an ihren Tischen saßen.

Niemand wagte es, sich einzumischen.

Victoria genoss diesen Augenblick. Für sie war die Angst der anderen ein Beweis dafür, dass sie weiterhin die Kontrolle hatte.

„Na los!“, rief sie. „Hat hier irgendjemand etwas zu sagen?“

Stille.

Dann hob eine ältere Gefangene langsam den Kopf.

„Lass sie in Ruhe, Victoria.“

Alle drehten sich zu ihr um.

Es war Margaret, eine Frau, die bereits seit acht Jahren im Gefängnis saß. Normalerweise vermied sie jeden Streit und versuchte, möglichst unauffällig zu bleiben.

Victoria verzog das Gesicht.

„Habe ich dich gefragt?“

Margaret senkte zunächst den Blick. Doch diesmal schwieg sie nicht.

„Nein. Aber ich habe lange genug zugesehen.“

Victoria stellte ihren Teller ab.

„Du solltest besser aufpassen, was du sagst.“

Emma beobachtete die Szene aufmerksam. Sie hatte nicht erwartet, dass jemand ihretwegen den Mut aufbringen würde, Victoria zu widersprechen.

Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Eine zweite Gefangene stand auf.

Danach eine dritte.

Schließlich erhoben sich mehrere Frauen gleichzeitig von ihren Plätzen.

Victoria blickte ungläubig durch den Raum.

„Was soll das werden? Setzt euch sofort hin!“

Doch niemand bewegte sich.

Zum ersten Mal seit langer Zeit schien Victoria nicht zu wissen, was sie sagen sollte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine Aufseherin trat ein und bemerkte sofort die angespannte Stimmung.

„Was ist hier los?“

Victoria antwortete schneller als alle anderen.

„Diese Neue verursacht Ärger. Sie weigert sich, die Regeln zu befolgen.“

Emma schüttelte den Kopf.

„Ich habe mich lediglich geweigert, mich beleidigen und erniedrigen zu lassen.“

Die Aufseherin blickte von Emma zu Victoria.

„Gibt es dafür Zeugen?“

Margaret hob die Hand.

„Ja. Wir alle haben gesehen, was passiert ist.“

Victoria drehte sich wütend zu ihr um.

„Du solltest dich da heraushalten!“

„Nein“, antwortete Margaret. „Genau das habe ich viel zu lange getan.“

Die Aufseherin forderte alle auf, ihre Aussagen einzeln zu schildern. Dabei stellte sich heraus, dass Victorias Verhalten keineswegs ein Einzelfall war.

Mehrere Frauen berichteten von absichtlich weggenommenen Mahlzeiten, ungerechter Behandlung und wiederholten Einschüchterungen.

Eine Gefangene erzählte sogar, dass sie sich monatelang nicht getraut hatte, eine Beschwerde einzureichen, weil Victoria ihr danach das Leben schwer gemacht hatte.

Die Aufseherin machte sich sorgfältig Notizen.

Victoria hingegen wurde immer unruhiger.

„Das ist lächerlich!“, rief sie. „Diese Frauen haben sich alle gegen mich verschworen!“

Doch diesmal glaubte ihr niemand mehr einfach so.

Am nächsten Morgen wurde Victoria zu einem Gespräch mit der Gefängnisleitung gebracht. Ihr Verhalten sollte offiziell überprüft werden. Außerdem wurden die Vorwürfe gegen sie dokumentiert und weitere Befragungen angekündigt.

Emma saß währenddessen allein an ihrem Tisch.

Margaret setzte sich neben sie.

„Du weißt gar nicht, was du gestern ausgelöst hast“, sagte sie leise.

Emma blickte sie an.

„Ich wollte nur in Ruhe gelassen werden.“

Margaret lächelte schwach.

„Genau das wollten wir alle. Aber irgendwann hatten wir vergessen, dass wir überhaupt das Recht haben, es auszusprechen.“

Emma schwieg einen Moment.

Dann fragte sie:

„Warum hat sich vorher niemand gewehrt?“

Margaret betrachtete ihre Hände.

„Weil Victoria uns eingeredet hatte, dass wir allein sind. Jede dachte, sie wäre die Einzige, die sich vor ihr fürchtet.“

In den folgenden Tagen veränderte sich die Atmosphäre im Gefängnis langsam. Die Frauen begannen, Vorfälle zu melden, einander zuzuhören und sich gegenseitig zu unterstützen.

Auch die Gefängnisleitung kündigte an, die bisherigen Beschwerden genauer zu untersuchen und die Aufsicht im Speisesaal zu verstärken.

Doch Emma wusste noch immer nicht, warum Victoria sie von Anfang an so besonders ins Visier genommen hatte.

Dann, eines Nachmittags, wurde sie zum Büro der Gefängnisleitung gerufen.

Dort saß eine Mitarbeiterin mit einer dünnen Akte vor sich.

„Emma, wir haben Ihre Aufnahmeunterlagen noch einmal überprüft“, sagte sie.

„Gibt es ein Problem?“

Die Frau zögerte.

„Es gibt etwas, das Sie über Victoria wissen sollten.“

Emma runzelte die Stirn.

„Was denn?“

Die Mitarbeiterin öffnete die Akte und zeigte ihr ein altes Dokument.

Darauf stand ein Name, den Emma seit Jahren nicht mehr gehört hatte.

Es war der Name ihres verstorbenen Bruders.

Emma wurde blass.

„Warum steht sein Name in Victorias Akte?“

Die Mitarbeiterin atmete tief durch.

„Weil Victoria Ihren Bruder offenbar schon lange vor Ihrer Ankunft kannte.“

Emma starrte auf das Dokument.

Plötzlich ergaben Victorias ungewöhnliches Interesse, ihre Provokationen und ihr Verhalten einen ganz anderen Sinn.

Doch bevor die Mitarbeiterin weitersprechen konnte, klopfte es an der Tür.

Eine Aufseherin trat ein.

„Entschuldigung. Victoria möchte dringend mit Emma sprechen.“

Emma stand langsam auf.

„Was will sie von mir?“

Die Aufseherin antwortete nur: