Doch dann entdeckte sie auf der letzten Seite einen Namen.
Einen Namen, den sie seit ihrer Kindheit kannte.
Den Namen ihres Vaters.
Sie wurde blass.
„Sir … warum steht der Name meines Vaters hier?“
Rashid schloss für einen Moment die Augen.
„Weil Ihr Vater und ich uns vor vielen Jahren kannten.“
Amina schüttelte langsam den Kopf.
„Das verstehe ich nicht. Mein Vater hat uns verlassen, als ich noch klein war. Meine Mutter hat nie gern über ihn gesprochen. Ich dachte immer, er wollte nichts mehr mit uns zu tun haben.“
Rashid sah sie ernst an.
„Vielleicht hat Ihre Mutter Ihnen nur das erzählt, was sie damals selbst wusste.“
„Was bedeutet das?“
Er deutete auf den Brief.
„Ihre Großmutter hat mir damals etwas anvertraut. Sie sagte, dass es eine Wahrheit über Ihren Vater gibt, die eines Tages ans Licht kommen muss. Sie wollte allerdings nicht, dass ich sie ohne einen bestimmten Anlass erzähle.“
Amina blickte wieder auf das Papier.
„Und was ist diese Wahrheit?“
Rashid atmete tief durch.
„Bevor ich Ihnen alles erkläre, müssen Sie wissen, dass Ihr Vater damals nicht einfach verschwunden ist. Er hatte einen Grund, den er offenbar niemandem erklären konnte.“
Amina spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Lebt er noch?“
Rashid schwieg.
Dieses Schweigen war schlimmer als jede Antwort.
„Bitte, Sir“, flüsterte sie. „Ich möchte nur wissen, was mit meinem Vater passiert ist.“
Rashid öffnete den Brief und las die letzten Zeilen noch einmal.
Dann schob er ihr ein weiteres Dokument entgegen.
„Amina, ich habe Ihnen heute Morgen eine Frage gestellt, weil ich wissen wollte, ob Sie gut geschlafen haben. Aber jetzt muss ich Sie etwas ganz anderes fragen.“
Sie sah ihn an.
„Was denn?“
„Hat Ihre Mutter jemals den Namen eines Mannes namens Karim erwähnt?“
Amina erstarrte.
Karim.
Diesen Namen hatte sie tatsächlich schon einmal gehört. Ihre Großmutter hatte ihn in ihren letzten Lebensjahren gelegentlich erwähnt, doch sobald Amina nachfragte, wechselte sie das Thema.
„Ja“, antwortete sie langsam. „Meine Großmutter hat diesen Namen manchmal gesagt. Sie meinte, ich würde eines Tages verstehen, warum er wichtig ist.“
Rashid nickte.
„Karim war Ihr Vater.“
Amina hielt sich den Mund zu.
„Aber warum steht dann auf diesem Dokument, dass er vor all den Jahren eine Verbindung zu Ihrer Familie hatte?“
Rashid sah sie lange an.
„Weil Ihr Vater damals nicht nur mein Freund war. Er war derjenige, der meiner Familie in einer sehr schwierigen Zeit geholfen hat. Und kurz bevor er verschwand, übergab er Ihrer Großmutter etwas, das sie bis zu ihrem Tod aufbewahrte.“
„Was war es?“
Rashid deutete auf den Umschlag.
„Das steht in dem Brief. Aber es gibt noch eine zweite Sache, die Sie wissen müssen.“
Er griff in die Schublade und holte einen kleinen Schlüssel hervor.
„Ihre Großmutter bat mich, diesen Schlüssel eines Tages Ihnen zu geben. Sie sagte, dass Sie damit etwas öffnen können, das Ihre Mutter seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat.“
Amina betrachtete den Schlüssel.
An seinem kleinen Anhänger war ein Zeichen eingraviert, das sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Wo führt dieser Schlüssel hin?“, fragte sie.
Rashid antwortete mit leiser Stimme:
„Zu einem Schließfach in der alten Bank am Bahnhof. Und ich vermute, dass sich darin die Antwort auf all Ihre Fragen befindet.“
Amina sah auf den Schlüssel, dann auf das Foto ihrer Großmutter.
Noch am Morgen hatte sie geglaubt, sie würde ihre Arbeit verlieren, weil sie vor Erschöpfung im Bett ihres Arbeitgebers eingeschlafen war.
Jetzt stand sie vor einer Wahrheit, die ihre gesamte Familiengeschichte verändern könnte.
Doch als sie den Brief ein zweites Mal öffnete, entdeckte sie ganz unten eine zusätzliche handschriftliche Zeile.
Sie las sie leise vor:
„Wenn Amina diesen Brief eines Tages erhält, darf sie vor allem einem Menschen nicht vertrauen: demjenigen, der behauptet, Karim sei freiwillig gegangen.“
Amina hob erschrocken den Kopf.
„Sir … wer hat meiner Großmutter gesagt, dass mein Vater freiwillig gegangen ist?“
Rashid wurde blass.
Dann flüsterte er:
„Der Mann, der damals als Letzter mit Ihrem Vater gesprochen hat, arbeitet noch immer für meine Familie.“
**Und in diesem Moment klopfte es plötzlich an der Tür.**
Der Haushaltsleiter trat ein, sah den offenen Brief auf dem Tisch und verlor augenblicklich die Farbe aus seinem Gesicht.
„Sir …“, stammelte er. „Woher haben Sie dieses Dokument?“
Rashid stand langsam auf.
„Das“, sagte er mit ernster Stimme, „ist genau die Frage, die ich Ihnen stellen wollte.“
Amina blickte zwischen den beiden Männern hin und her.
Denn plötzlich wurde ihr klar, dass der Mann, der ihre Großmutter kannte, vielleicht auch derjenige war, der die Wahrheit über ihren Vater all die Jahre verborgen gehalten hatte.
**Fortsetzung folgt … 😱😨👇**
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