Er wusste, dass er sich nicht länger hinter Ausreden verstecken konnte.
—
## Das kleine Foto, das alles veränderte
Während Rashid die Unterlagen durchging, wartete Amina in einem kleinen Aufenthaltsraum. Sie hatte eine Tasse Tee vor sich stehen, konnte aber kaum davon trinken.
Sie dachte ständig darüber nach, was am nächsten Tag passieren würde.
Vielleicht war Rashid nur freundlich gewesen, weil Gäste im Haus waren. Vielleicht würde er seine Meinung ändern, sobald er wieder über den Vorfall nachdachte.
Schließlich hatte sie eine Grenze überschritten, die für alle Angestellten eindeutig gewesen war.
Als sie ihre Tasche öffnete, um ein Taschentuch herauszunehmen, fiel ein kleines, abgenutztes Foto heraus.
Sie hob es auf und strich vorsichtig über die Oberfläche.
Auf dem Bild waren ihre Mutter und ihre Großmutter zu sehen. Es war eines der wenigen Familienfotos, die sie noch besaß.
„Amina?“
Sie erschrak und drehte sich um.
Rashid stand in der Tür.
„Entschuldigen Sie, Sir.“
„Sie müssen sich nicht jedes Mal entschuldigen, wenn ich einen Raum betrete.“
Er bemerkte das Foto in ihrer Hand.
„Darf ich fragen, wer darauf zu sehen ist?“
Amina lächelte schwach.
„Meine Mutter und meine Großmutter. Das Foto ist schon sehr alt. Meine Großmutter ist vor einigen Jahren gestorben.“
„Und Ihre Mutter?“
Das Lächeln verschwand aus Aminas Gesicht.
„Sie ist krank, Sir. Seit einiger Zeit geht es ihr nicht besonders gut. Die Behandlung ist teuer, aber ich versuche, so viel wie möglich zu bezahlen. Mein kleiner Bruder geht noch zur Schule. Deshalb möchte ich meine Arbeit nicht verlieren.“
Rashid setzte sich ihr gegenüber.
„Warum haben Sie mir das nie erzählt?“
Amina legte das Foto vorsichtig auf den Tisch.
„Weil ich nicht möchte, dass jemand Mitleid mit mir hat. Ich habe mich um diese Stelle beworben, weil ich arbeiten wollte. Ich möchte mein Geld ehrlich verdienen und meine Familie unterstützen. Mehr nicht.“
Rashid schwieg einen Moment.
Er hatte in seinem Leben viele Menschen kennengelernt, die ihm schmeichelten, um Geld oder Vorteile zu bekommen. Amina hingegen hatte nicht einmal versucht, ihre persönliche Situation auszunutzen.
Sie hatte lediglich ihre Arbeit erledigt.
Oft sogar mehr, als von ihr verlangt worden war.
„Ihre Mutter kann stolz auf Sie sein“, sagte er schließlich.
Amina blickte überrascht auf.
„Danke, Sir.“
Rashid betrachtete das Foto noch einmal.
Dabei veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Er beugte sich ein wenig vor.
„Amina, wie hieß Ihre Großmutter?“
„Fatima Hassan.“
Rashid erstarrte.
Für einige Sekunden schien er nicht einmal zu atmen.
„Fatima Hassan?“, wiederholte er leise.
Amina nickte.
„Ja, Sir. Kannten Sie sie?“
Rashid antwortete nicht sofort. Er nahm das Foto vorsichtig in die Hand und betrachtete das Gesicht der älteren Frau.
Dann stand er auf und ging langsam zu seinem Schreibtisch.
„Das kann kein Zufall sein“, murmelte er.
—
## Der Umschlag aus einer längst vergangenen Zeit
Rashid öffnete eine verschlossene Schublade, die er nur selten benutzte.
Darin lagen alte Dokumente, einige vergilbte Briefe und mehrere Familienfotos. Er nahm ein Bild heraus, das offenbar viele Jahre alt war.
Darauf stand ein junger Rashid neben einer älteren Frau.
Amina erkannte sie sofort.
„Das ist meine Großmutter!“
Rashid nickte.
„Ja. Ich habe sie vor vielen Jahren kennengelernt. Damals war ich noch nicht der Mann, den Sie heute kennen. Meine Familie befand sich in einer schwierigen Situation, und Ihre Großmutter hat uns geholfen.“
Er setzte sich wieder.
„Sie war eine außergewöhnliche Frau. Sie hatte selbst nicht viel, aber sie fand immer einen Weg, anderen Menschen zu helfen. Ich habe ihr damals versprochen, dass ich ihre Güte niemals vergessen werde.“
Amina betrachtete das alte Foto mit großen Augen.
„Meine Großmutter hat nie davon erzählt.“
„Vielleicht wollte sie nicht, dass jemand etwas von ihr erwartet. Sie half Menschen, weil sie es für richtig hielt.“
Rashid öffnete eine weitere Schublade und holte einen cremefarbenen Umschlag hervor.
Das Papier war an den Rändern vergilbt. Auf der Vorderseite stand eine handgeschriebene Notiz.
Amina erkannte die Schrift sofort.
Es war die Handschrift ihrer Großmutter.
Ihre Finger begannen zu zittern.
„Woher haben Sie diesen Brief?“
Rashid legte ihn behutsam vor sie.
„Ihre Großmutter hat ihn mir vor vielen Jahren anvertraut. Sie bat mich, ihn erst dann weiterzugeben, wenn eines Tages ein bestimmter Mensch aus ihrer Familie vor mir stehen würde.“
Amina sah ihn ungläubig an.
„Und dieser Mensch bin ich?“
„Ich glaube schon.“
„Aber warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?“
Rashid senkte den Blick.
„Weil ich nicht wusste, wo Sie waren. Ich wusste nicht einmal, ob Sie noch in dieser Stadt lebten. Und ich hatte keinen Grund zu vermuten, dass ausgerechnet Sie eines Tages in meinem Anwesen arbeiten würden.“
Amina nahm den Umschlag.
Sie öffnete ihn langsam, als hätte sie Angst, das alte Papier könnte zwischen ihren Fingern zerbrechen.
Darin befanden sich mehrere Seiten.
Auf der ersten Seite stand der Name ihrer Großmutter. Auf der zweiten Seite wurde eine Geschichte erwähnt, von der Amina noch nie gehört hatte.
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