„Weil Elena mich vor ihrem Verschwinden gebeten hat, einen Brief aufzubewahren. Sie sagte, ich solle ihn erst übergeben, wenn ein bestimmtes Ereignis eintreten würde.“

„Welches Ereignis?“

Thomas blickte zu Sofia.

„Wenn Victor eines Tages einem Kind aus Ihrer Familie sein Vertrauen schenken würde.“

Claire konnte kaum glauben, was sie hörte.

***

Eine Stunde später saßen Victor, Claire, Sofia und Thomas im großen Wohnzimmer der Villa.

Victor hielt das alte Foto in den Händen.

„Woher haben Sie das?“, fragte er.

„Elena hat es mir gegeben“, antwortete Thomas. „Zusammen mit diesem Brief.“

Victor öffnete den Umschlag vorsichtig.

Die Handschrift seiner Schwester war unverkennbar.

*„Victor, wenn du diesen Brief liest, bedeutet das, dass ich dich nicht rechtzeitig erreichen konnte. Ich habe damals nicht freiwillig unsere Familie verlassen. Ich musste eine Entscheidung treffen, um jemanden zu schützen, der mir sehr wichtig war.“*

Victor las die Zeilen mehrmals.

„Wen wollte sie schützen?“, fragte er.

Thomas sah Claire an.

„Ihre Mutter wusste mehr darüber als jeder andere. Sie hat Elena damals geholfen.“

Claire schüttelte ungläubig den Kopf.

„Meine Mutter hat mir nie davon erzählt.“

„Vielleicht wollte sie dich aus allem heraushalten“, sagte Thomas.

Victor blätterte weiter.

Auf der nächsten Seite stand ein Name.

**Claire.**

„Warum steht Ihr Name in dem Brief?“, fragte Victor.

Claire wurde blass.

„Ich war damals noch ein Kind. Ich kann mich kaum an diese Zeit erinnern.“

Thomas nickte.

„Ihre Mutter hat Elena damals geholfen, wichtige Unterlagen aufzubewahren. Es ging um eine Angelegenheit innerhalb der Familie Moretti. Elena hatte herausgefunden, dass jemand versuchte, das Vermögen Ihrer Familie auf unrechtmäßige Weise zu kontrollieren.“

Victor blickte auf.

„Wer?“

Thomas zögerte.

„Das weiß ich nicht mit Sicherheit. Aber Elena schrieb, dass sie niemandem mehr vertrauen konnte. Nicht einmal den Menschen, die täglich an Ihrer Seite standen.“

Victor dachte sofort an Mark.

Doch dann entdeckte er am Ende des Briefes eine weitere Zeile.

*„Und Victor, bitte vergiss nicht: Unsere Mutter hat vor ihrem Tod ein Versprechen gegeben. Eines, das du eines Tages erfüllen musst.“*

Victor legte den Brief langsam auf den Tisch.

„Was für ein Versprechen?“

Thomas zog einen zweiten, kleineren Umschlag hervor.

„Diesen sollte ich Ihnen nur geben, wenn Sie den ersten gelesen haben.“

Auf der Vorderseite stand:

**„Für meinen Bruder Victor – und für das Mädchen, das eines Tages die Wahrheit ans Licht bringen wird.“**

Sofia zeigte auf den Umschlag.

„Steht da mein Name?“

Victor sah das Kind an und nickte.

„Nein, Sofia. Aber vielleicht hat deine Tante damals gehofft, dass jemand wie du eines Tages helfen würde.“

Er öffnete den Umschlag.

Darin lag ein Foto von Elena, Victor und ihrer Mutter. Auf der Rückseite befand sich eine handschriftliche Notiz:

*„Das Geheimnis liegt nicht in der Villa. Es liegt dort, wo unsere Familie vor zwölf Jahren Abschied genommen hat.“*

Victor kannte diesen Ort sofort.

Das alte Sommerhaus seiner Mutter.

Doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte sein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Er nahm ab.

Zunächst hörte er nur Atemgeräusche. Dann erklang eine Frauenstimme, die er seit zwölf Jahren nicht mehr gehört hatte.

„Victor?“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Elena?“

„Ja. Bitte hör mir zu. Du darfst niemandem erzählen, dass wir gesprochen haben.“

Victor stand langsam auf.

„Wo bist du? Warum bist du damals verschwunden?“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

Dann sagte Elena einen Satz, der Victor völlig aus der Fassung brachte:

„Mark war nicht der Einzige, der dich verraten hat. Und wenn du wissen willst, warum ich damals gehen musste, musst du Claire und Sofia zuhören.“

Claire blickte erschrocken auf.

Sofia nahm die Hand ihrer Mutter.

Victor wollte gerade eine weitere Frage stellen, als Elena leise flüsterte:

„Und vor allem: Lass Sofia niemals allein mit dem Mann, der morgen zu dir kommen wird.“

Die Verbindung brach ab.

Victor starrte auf sein Telefon.

Denn er wusste genau, wer morgen in der Villa erwartet wurde.

**Sein eigener Onkel – der einzige Verwandte, dem er nach dem Verschwinden seiner Schwester noch vertraute.**