
Anna stand regungslos da.
Der Rotwein tropfte von ihrer weißen Uniform auf den dunklen Teppich. Einige Gäste warteten darauf, dass sie sich entschuldigte. Andere schauten betreten zur Seite.
Liang Wei grinste.
„Na los“, sagte er. „Hol einen Lappen. Dafür wirst du schließlich bezahlt.“
Anna blickte kurz auf den roten Fleck. Dann stellte sie das Tablett auf einem Beistelltisch ab.
„Natürlich“, antwortete sie ruhig. „Aber bevor ich gehe, möchte ich Ihnen etwas sagen.“
Liang hob spöttisch die Augenbrauen.
„Du möchtest mir etwas sagen?“
„Ja. Und ich möchte, dass alle am Tisch es hören.“
Andrei, der Hotelunternehmer, runzelte die Stirn.
„Anna, bitte. Wir haben hier ein wichtiges Geschäftstreffen.“
„Das weiß ich“, sagte sie. „Deshalb habe ich bisher geschwiegen.“
### Die Sprache, mit der niemand gerechnet hatte
Liang lachte laut.
„Was willst du denn wissen? Wie man ein Weinglas hält?“
Anna sah ihn direkt an.
Dann wechselte sie plötzlich die Sprache.
Sie sprach fließend Mandarin.
„Herr Liang, Sie haben mich gerade vor Ihren Geschäftspartnern beleidigt. Sie haben meinen Beruf herabgesetzt und absichtlich Wein über meine Kleidung geschüttet. Ich habe Ihnen nichts getan. Ich erwarte keine Sonderbehandlung, aber ich werde mich auch nicht von Ihnen demütigen lassen.“
Am Tisch verstummten sämtliche Gespräche.
Ein chinesischer Geschäftspartner, der bisher kaum etwas gesagt hatte, hob überrascht den Kopf.
Liang starrte Anna an.
„Woher sprechen Sie Mandarin?“
„Während meines Studiums habe ich internationale Wirtschaft studiert. Außerdem habe ich mehrere Jahre eine zusätzliche Sprachausbildung absolviert.“
„Und warum arbeiten Sie dann hier?“
Anna atmete tief durch.
„Weil meine Mutter schwer krank wurde. Ich musste eine Arbeit finden, mit der ich ihre Behandlung bezahlen konnte. Das ist keine Schande.“
Der ältere Geschäftspartner nickte langsam.
„Ihr Mandarin ist ausgezeichnet“, sagte er.
Liang presste die Lippen zusammen.
„Wir sind nicht hier, um über die Lebensgeschichte einer Kellnerin zu sprechen.“
„Einverstanden“, antwortete Anna. „Dann sollten wir vielleicht wieder über Ihr Geschäft sprechen.“
### Der Fehler in den Dokumenten
Anna hatte während des gesamten Abends nicht absichtlich gelauscht. Doch beim Servieren waren ihr einige Begriffe aufgefallen.
Sie hatte verstanden, worüber die Männer diskutierten.
Vor allem eine Formulierung war ihr aufgefallen, die Liang mehrfach verwendet hatte.
„Es geht um die Übertragung der Nutzungsrechte“, sagte sie vorsichtig. „Aber in der Übersetzung, die Sie gerade besprochen haben, steht etwas anderes.“
Andrei sah sie irritiert an.
„Was meinen Sie?“
Anna zeigte nicht auf die Dokumente und berührte sie auch nicht.
„Ich habe nur einen Teil des Gesprächs mitbekommen. Aber wenn ich die Formulierung richtig verstanden habe, wird hier zwischen einer zeitlich begrenzten Nutzung und einer vollständigen Übertragung der Rechte unterschieden.“
Der ausländische Vertreter blickte sofort zu seinem Anwalt.
„Welche Formulierung meinen Sie genau?“
Liang wurde unruhig.
„Das ist Unsinn. Sie ist eine Bedienung. Sie kann unmöglich wissen, worüber wir sprechen.“
Anna blieb ruhig.
„Dann wird es doch kein Problem sein, wenn Ihre juristischen Berater die betreffende Klausel noch einmal überprüfen.“
Der Anwalt von Andrei blätterte in den Unterlagen.
Zunächst wirkte er gelangweilt. Dann hielt er plötzlich inne.
Er las die betreffende Passage erneut.
Anschließend bat er seinen chinesischen Kollegen um eine unabhängige Übersetzung.
Es wurde still.
### Ein Geschäft über 620 Millionen Euro gerät ins Wanken
Der chinesische Anwalt verglich die beiden Fassungen.
Dann sah er zu Liang.
„Die Kellnerin hat einen berechtigten Punkt angesprochen.“
Andrei richtete sich auf.
„Was bedeutet das?“
Der Anwalt erklärte, dass die Formulierungen in den beiden Sprachfassungen offenbar nicht dieselbe rechtliche Bedeutung hatten. Eine Passage konnte so verstanden werden, dass bestimmte Rechte umfassender übertragen würden, als es in den bisherigen Verhandlungen vereinbart worden war.
„Wir müssen das prüfen lassen“, sagte er. „So können wir heute nicht unterschreiben.“
Andrei wurde blass.
„Herr Liang, haben Sie davon gewusst?“
Liang schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Das ist eine völlig übertriebene Reaktion! Es handelt sich um einen Übersetzungsfehler.“
„Dann wird die Korrektur sicher kein Problem sein“, erwiderte der Anwalt.
Einer der Investoren schloss seinen Laptop.
Ein anderer zog sein Telefon hervor und bat sein Büro, die Unterlagen nicht weiterzuverarbeiten.
Der geplante Vertragsabschluss war vorerst gestoppt.
Anna stand noch immer neben dem Tisch. Sie hatte niemanden beschuldigt und keine geheimen Informationen preisgegeben. Sie hatte lediglich auf eine Unstimmigkeit hingewiesen, die Fachleute nun überprüfen mussten.
Doch Liang sah sie an, als hätte sie ihm persönlich den gesamten Abend verdorben.
### Die zweite Demütigung
„Sie glauben wohl, Sie sind jetzt eine Expertin?“, zischte er.
Anna antwortete nicht sofort.
„Nein. Ich bin keine Anwältin und werde auch nicht so tun, als könnte ich einen Vertrag beurteilen. Aber ich habe studiert. Und ich weiß, dass man eine wichtige Vereinbarung nicht unterschreiben sollte, wenn zwei Sprachfassungen möglicherweise unterschiedliche Rechte festlegen.“
Der chinesische Anwalt nickte.
„Genau das ist der richtige Ansatz.“
Liang wandte sich an den Restaurantleiter.
„Diese Frau muss sofort entlassen werden! Sie hat unser Treffen gestört!“
Der Restaurantleiter sah unsicher zwischen den Gästen und Anna hin und her.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



