Der Richter nickte.
„Dem Antrag wird stattgegeben. Das Gericht wird heute kein Urteil verkünden.“
Richard schloss kurz die Augen.
Die Anklage war damit nicht verschwunden. Aber erstmals gab es ernsthafte Zweifel an einem zentralen Teil der Beweisführung.
Victoria wurde von ihrem Anwalt aus dem Saal begleitet. Sie vermied es, Richard anzusehen.
Als Greta ihren Platz wieder einnahm, beugte Richard sich zu ihr.
„Warum haben Sie das getan?“
Greta sah ihn an.
„Weil ich wusste, dass Sie diese Überweisungen nicht vorgenommen haben. Und weil ich nicht zulassen wollte, dass ein Mensch verurteilt wird, nur weil andere ihn zum Schweigen bringen wollten.“
Richard schluckte.
„Ich habe Sie all die Jahre kaum wahrgenommen.“
Greta antwortete ruhig:
„Das stimmt. Aber ich habe trotzdem gesehen, was in diesem Haus geschah.“
EINE LETZTE NACHRICHT
Am Abend wurde Richard nach einer Entscheidung des Gerichts unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Ermittlungen gingen weiter, und seine Anwälte bereiteten eine umfassende Prüfung aller Geschäftsvorgänge vor.
Greta kehrte unterdessen in die Villa zurück, um ihre persönlichen Sachen abzuholen.
Auf dem Tisch im ehemaligen Arbeitszimmer lag ein kleines Paket.
Darauf stand ihr Name.
Sie öffnete es vorsichtig.
Darin befand sich ein Mobiltelefon und ein kurzer handgeschriebener Zettel:
„Sie hätten sich aus allem heraushalten sollen. Was Sie heute getan haben, werden Sie noch bereuen.“
Greta wurde blass.
Sie fotografierte die Nachricht, legte alles zurück und verständigte die Polizei.
Doch als sie gerade das Haus verlassen wollte, klingelte ihr Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Sie nahm nicht sofort ab.
Dann erschien eine Nachricht auf dem Bildschirm:
„Frau Weber, Sie kennen nur die Hälfte der Wahrheit. Richard Hayes ist nicht der einzige Mensch, der in dieser Geschichte betrogen wurde. Wenn Sie wissen wollen, wer die erste Überweisung wirklich veranlasst hat, müssen Sie morgen um neun Uhr zum alten Bürogebäude kommen.“
Greta starrte auf die Nachricht.
Sie wusste, dass sie nicht allein dorthin gehen durfte. Deshalb leitete sie die Nachricht sofort an die Ermittler weiter.
Doch eine Frage ließ sie nicht mehr los:
Greta las die Nachricht noch einmal.
„Sie kennen nur die Hälfte der Wahrheit.“
Wer hatte sie geschrieben?
Und warum behauptete diese Person, dass auch andere Menschen betrogen worden waren?
Greta wusste, dass sie auf keinen Fall allein zu dem alten Bürogebäude gehen durfte. Deshalb hatte sie die Polizei verständigt und sämtliche Nachrichten weitergeleitet.
Am nächsten Morgen wartete sie gemeinsam mit zwei Ermittlern vor dem Gebäude.
Es war ein grauer Bau am Rand des Geschäftsviertels. Früher hatte dort die Buchhaltungsabteilung von Richards Unternehmen gearbeitet. Seit fast drei Jahren stand das Gebäude leer.
„Bleiben Sie bitte hinter uns“, sagte eine Ermittlerin.
Greta nickte.
Die Eingangstür war nicht verschlossen.
Im zweiten Stock fanden sie einen kleinen Raum. Auf dem Schreibtisch lag ein schwarzer Ordner. Daneben stand eine Tasse, als hätte jemand den Raum erst vor wenigen Minuten verlassen.
„Hier war jemand“, bemerkte einer der Beamten.
Greta blieb an der Tür stehen.
Auf dem Ordner stand ein Name:
Martin Keller – ehemaliger Finanzdirektor.
Sie kannte diesen Namen.
Martin war vor zwei Jahren plötzlich aus dem Unternehmen ausgeschieden. Richard hatte damals erklärt, er habe aus persönlichen Gründen gekündigt.
Doch Greta erinnerte sich an etwas anderes: In jener Woche hatte Richard mehrere Nächte kaum geschlafen.
DER MANN, DER VERSCHWUNDEN WAR
Die Ermittler öffneten den Ordner nicht sofort, sondern dokumentierten zunächst den Fundort und sicherten die Unterlagen.
Darin befanden sich Kopien alter Rechnungen, interne E-Mails und eine Liste mit Überweisungen.
Eine der E-Mails stammte von Martin Keller.
Sie war an Victoria Hayes adressiert.
„Ich habe die Überweisungen wie besprochen vorbereitet. Aber Richard darf nicht erfahren, dass die Empfängergesellschaft inzwischen geändert wurde. Wenn die Unterlagen geprüft werden, müssen wir eine andere Erklärung liefern.“
Greta schlug die Hand vor den Mund.
„Dann war Victoria nicht allein.“
Die Ermittlerin nickte.
„Das müssen wir überprüfen. Eine E-Mail allein beweist noch nicht, wer eine Überweisung tatsächlich veranlasst hat.“
Doch auf der letzten Seite befand sich ein weiteres Dokument.
Es war eine Liste mit mehreren Konten und den Namen verschiedener Unternehmen.
Einer dieser Namen ließ Greta erschrecken.
Hayes Familienfonds.
„Was ist das?“, fragte sie.
Greta betrachtete das Papier genauer.
„Davon habe ich schon einmal gehört. Herr Hayes sprach vor Jahren davon, dass ein Teil seines Vermögens für ehemalige Mitarbeiter und deren Familien vorgesehen sei.“
Die Ermittlerin sah sie an.
„Wurde dieser Fonds tatsächlich eingerichtet?“
„Ja. Aber ich dachte, er wäre längst aufgelöst worden.“
RICHARD ERFÄHRT DIE WAHRHEIT
Noch am selben Nachmittag erhielt Richard einen Anruf von seinem Anwalt.
„Herr Hayes, wir haben neue Informationen. Sie müssen ins Büro kommen.“
Richard traf dort Greta und die Ermittler.
Als er den Namen Martin Keller hörte, wurde sein Gesicht ernst.
„Martin? Das ist unmöglich. Er war einer meiner engsten Mitarbeiter.“
Der Anwalt legte ihm eine Kopie der E-Mail vor.
Richard las sie schweigend.
„Ich habe ihm vertraut“, sagte er schließlich.
Greta antwortete leise:
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