
„Euer Ehren, ich muss etwas sagen.“
Greta stand ruhig zwischen den Zuschauerreihen. Ihre Hände zitterten leicht, doch ihre Stimme war fest.
Der Richter betrachtete sie über den Rand seiner Brille.
„Wer sind Sie, und was glauben Sie, beitragen zu können?“
„Mein Name ist Greta Weber. Ich arbeite seit achtzehn Jahren im Haus von Herrn Hayes.“
Ein leises Lachen ging durch den Saal.
Ein Reporter flüsterte seinem Kollegen zu:
„Jetzt will wohl auch noch die Haushälterin Finanzexpertin spielen.“
Greta ignorierte ihn.
„Ich habe keine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, Euer Ehren. Aber ich habe etwas gesehen, das in den Ermittlungsakten fehlt.“
Richards Anwalt hob sofort den Kopf.
„Euer Ehren, ich beantrage, dass diese Unterbrechung beendet wird. Meine Mandantin ist keine Zeugin der Anklage.“
„Das entscheide ich“, erwiderte der Richter. „Fahren Sie fort, Frau Weber. Aber bleiben Sie bei den Tatsachen.“
Greta nickte.
Dann öffnete sie ihre alte Handtasche und holte einen schmalen braunen Umschlag heraus.
DAS DOKUMENT, DAS NIEMAND GESUCHT HATTE
„Vor drei Monaten“, begann Greta, „bat mich Frau Victoria, einige Unterlagen aus dem Arbeitszimmer meines Arbeitgebers zu sortieren. Dabei fand ich einen Umschlag, der zwischen alten Rechnungen versteckt war.“
Victoria richtete sich abrupt auf.
„Das ist eine Lüge!“
Der Richter hob die Hand.
„Ruhe im Saal!“
Greta fuhr fort:
„Auf dem Umschlag stand ein Datum. Es war derselbe Tag, an dem angeblich mehrere Millionen von einem Firmenkonto verschwunden sein sollen.“
Sie reichte den Umschlag dem Gerichtsdiener.
Der Richter entnahm ihm mehrere Kopien.
Auf dem ersten Blatt befand sich eine Überweisung über zwölf Millionen Euro. Als Empfänger war eine Firma eingetragen, deren Name Richard Hayes noch nie gehört hatte.
Doch darunter stand eine Unterschrift.
Richard beugte sich nach vorn.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Das ist nicht meine Unterschrift“, sagte er leise.
Der Staatsanwalt blätterte in seinen Unterlagen.
„Diese Überweisung wurde als eine der wichtigsten Beweismittel gegen Sie angeführt.“
„Ich habe sie niemals autorisiert!“, rief Richard.
Der Richter sah Greta an.
„Woher haben Sie diese Unterlagen?“
„Sie lagen in einem verschlossenen Schrank im ehemaligen Arbeitszimmer von Frau Victoria. Ich habe sie nicht verändert. Ich habe lediglich Kopien angefertigt, weil ich befürchtete, dass wichtige Unterlagen verschwinden könnten.“
Victoria sprang auf.
„Das reicht! Diese Frau hat meinen Mann schon immer gehasst!“
Greta wandte sich langsam zu ihr.
„Nein, Frau Hayes. Ich habe achtzehn Jahre lang für Ihre Familie gearbeitet. Ich habe Ihre Mahlzeiten vorbereitet, Ihre Gäste empfangen und Ihre Reisen organisiert. Ich hatte keinen Grund, Ihnen zu schaden.“
Dann fügte sie hinzu:
„Aber ich hatte einen Grund, die Wahrheit nicht länger zu verschweigen.“
EIN NAME AUF DEM KONTO
Der Staatsanwalt bat um eine kurze Unterbrechung, damit die Herkunft der Unterlagen geprüft werden konnte.
Nach einer Weile kehrte er mit einem weiteren Dokument zurück.
„Euer Ehren, wir haben die Empfängergesellschaft überprüft. Sie wurde vor vier Jahren gegründet. Als wirtschaftlich Berechtigte ist eine Person eingetragen, die dem Gericht bereits bekannt ist.“
Er machte eine Pause.
„Victoria Hayes.“
Im Gerichtssaal wurde es vollkommen still.
Richard drehte langsam den Kopf zu seiner Frau.
„Victoria?“
Sie antwortete nicht.
„Du hast mir gesagt, die Ermittler hätten sich geirrt“, sagte Richard. „Du hast mir versichert, dass du nichts damit zu tun hast.“
Victoria presste die Lippen zusammen.
„Du verstehst das nicht.“
„Dann erklär es mir!“
Der Richter unterbrach die beiden.
„Frau Hayes, Sie müssen sich nicht spontan zu den Vorwürfen äußern. Sie haben das Recht, anwaltlichen Beistand in Anspruch zu nehmen.“
Victoria setzte sich wieder. Ihr Blick wanderte zu Greta.
In diesem Augenblick schien sie zu verstehen, dass die Frau, die sie jahrelang kaum beachtet hatte, ihr gefährlichster Gegner geworden war.
WARUM GRETA SO LANGE GESCHWIEGEN HATTE
Der Richter wandte sich erneut an die Haushälterin.
„Frau Weber, warum haben Sie diese Unterlagen nicht früher den Behörden übergeben?“
Greta atmete tief durch.
„Weil ich zunächst nicht wusste, was sie bedeuteten. Ich wollte niemanden beschuldigen, ohne Beweise zu haben. Außerdem wurde mir gesagt, dass ich meinen Arbeitsplatz verlieren würde, wenn ich mich in die Angelegenheiten der Familie einmischte.“
Richard sah sie überrascht an.
„Wer hat Ihnen das gesagt?“
Greta blickte kurz zu Victoria.
„Ihre Frau.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
„Sie sagte, ich solle mich um meine Arbeit kümmern und keine Fragen stellen. Später bemerkte ich, dass einige Ordner aus dem Arbeitszimmer verschwunden waren.“
Der Staatsanwalt notierte sich etwas.
Greta zog ein weiteres Blatt hervor.
„Deshalb habe ich damals eine Liste angefertigt. Darauf stehen die Daten, an denen bestimmte Unterlagen aus dem Haus gebracht wurden. Ich habe auch die Namen der Personen notiert, die sie abgeholt haben.“
Der Richter nahm die Liste entgegen.
Richard saß regungslos da.
Zum ersten Mal seit seiner Verhaftung hatte er das Gefühl, dass ihm vielleicht jemand glaubte.
DIE ÜBERRASCHUNG DES STAATSANWALTS
Doch der Staatsanwalt war noch nicht fertig.
„Euer Ehren, angesichts der neu vorgelegten Unterlagen beantragen wir, die Verkündung eines Urteils auszusetzen. Die Echtheit der Dokumente muss überprüft werden. Außerdem müssen die Geldflüsse und die Rolle der genannten Gesellschaft neu untersucht werden.“
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