„Wir müssen uns treffen.“

Markus antwortete sofort.

„Was ist los?“

„Es geht um Laura.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause.

„Daniel, wir haben darüber schon alles gesagt. Es tut mir leid, dass der Jahrestag des Brandes dich wieder so mitnimmt.“

Daniel schloss die Augen.

Sein Bruder hatte nicht einmal gefragt, warum er den Namen erwähnt hatte.

„Ich habe sie gesehen“, sagte Daniel.

Stille.

Dann hörte er Markus scharf einatmen.

„Wen?“

„Laura.“

Markus schwieg mehrere Sekunden.

„Das ist unmöglich.“

„Das habe ich auch gedacht.“

„Daniel, du musst dich beruhigen. Du bist erschöpft. Vielleicht hast du jemanden gesehen, der ihr ähnlich sieht.“

„Sie wusste Dinge, die nur Laura wissen konnte. Sie kannte Noah. Sie hat mir von deinen Geschäften erzählt.“

Markus wurde still.

„Was für Geschäfte?“

„Die manipulierten Konten. Die verschwundenen Gelder.“

„Das ist lächerlich!“

„Dann treffen wir uns. Heute um sechs. In deinem Büro.“

„Daniel, hör mir zu. Du darfst dich nicht von deiner Trauer beherrschen lassen.“

„Heute um sechs“, wiederholte Daniel und legte auf.

Als er sich umdrehte, stand Laura im Flur.

Sie hatte jedes Wort gehört.

„Er wird versuchen, alles abzustreiten“, sagte sie.

Daniel nickte.

„Dann brauchen wir Beweise.“

Laura holte das gefaltete Blatt Papier aus ihrer Tasche.

„Ich habe nicht alles verloren. Bevor Markus mich mitnahm, konnte ich einige Unterlagen an eine Kollegin schicken. Sie sollte sie sicher aufbewahren.“

„Wo ist sie?“

„Ihr Name ist Sophie Brandt. Sie arbeitete damals in der Buchhaltung eures Unternehmens.“

Daniel kannte den Namen.

Sophie hatte das Unternehmen wenige Monate nach dem Brand verlassen. Markus hatte behauptet, sie habe eine bessere Stelle gefunden.

„Ich werde sie suchen“, sagte Daniel.

Laura legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Sei vorsichtig. Wenn Markus glaubt, dass wir Beweise haben, könnte er versuchen, uns erneut zum Schweigen zu bringen.“

Daniel sah sie ernst an.

„Diesmal wird er nicht an Noah herankommen.“

***

Sophie Brandt lebte inzwischen in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt.

Als Daniel vor ihrer Tür stand, wollte sie zunächst nicht öffnen.

Er schob ein Foto von Laura unter der Tür hindurch.

„Sie lebt“, sagte er.

Auf der anderen Seite war ein erschrockenes Geräusch zu hören.

Dann öffnete Sophie die Tür einen Spalt.

„Wie ist das möglich?“

Daniel trat ein und erklärte ihr, was geschehen war.

Sophie hörte schweigend zu. Als er fertig war, holte sie einen Schlüssel aus einer Schublade und öffnete eine kleine Metallkassette.

Darin lagen mehrere USB-Sticks, Kontoauszüge und Kopien von E-Mails.

„Ich habe diese Unterlagen damals gesichert, weil ich wusste, dass etwas nicht stimmte“, sagte sie. „Markus hatte mich aufgefordert, bestimmte Zahlungen als Geschäftsausgaben zu verbuchen. Als ich mich weigerte, wurde ich entlassen.“

„Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“

Sophie sah auf ihre Hände.

„Ich hatte Angst. Markus sagte, er würde dafür sorgen, dass ich nie wieder in meinem Beruf arbeiten könnte. Und nach dem Brand dachte ich, Laura sei tot. Ich glaubte, niemand könne mir mehr helfen.“

Daniel nahm die Kassette entgegen.

„Jetzt haben wir eine Chance.“

Sophie nickte.

„Aber Sie müssen die Unterlagen offiziell sichern lassen. Wenn Sie Markus einfach damit konfrontieren, könnte er versuchen, sie verschwinden zu lassen.“

Daniel versprach, die Polizei einzuschalten.

Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte er das Gefühl, dass die Wahrheit nicht länger nur eine Erinnerung war, die er allein mit sich herumtragen musste.

Sie war greifbar.

Und sie konnte beweisen, was mit Laura geschehen war.

***

Um sechs Uhr betrat Daniel das Büro seines Bruders.

Markus stand am Fenster, als wäre nichts geschehen. Er trug einen perfekt sitzenden Anzug und hielt ein Glas Wasser in der Hand.

„Du siehst schrecklich aus“, sagte er. „Hast du überhaupt geschlafen?“

Daniel legte eine Mappe auf den Tisch.

„Ich will die Wahrheit wissen.“

Markus betrachtete die Mappe, ohne sie zu öffnen.

„Du hast dich in etwas hineingesteigert.“

„Laura lebt.“

„Das hast du bereits gesagt.“

„Sie hat mir erzählt, was du getan hast.“

Markus stellte das Glas ab.

„Und du glaubst ihr? Nach drei Jahren? Wo war sie denn die ganze Zeit? Warum ist sie nicht zur Polizei gegangen? Warum ist sie nicht zu ihrem eigenen Sohn zurückgekehrt?“

Daniel spürte, wie die Wut in ihm aufstieg.

„Weil du sie daran gehindert hast!“

„Du hörst dich selbst nicht einmal reden.“

Markus öffnete die Mappe.

Darin lagen Kopien der Kontobewegungen und mehrere Nachrichten, die Sophie gesichert hatte.

Sein Gesicht veränderte sich.

Nur für einen Moment.

Doch Daniel sah es.

„Woher hast du das?“, fragte Markus.

„Das spielt keine Rolle.“

Markus schloss die Mappe.

„Du verstehst nicht, was hier auf dem Spiel steht.“

„Dann erklär es mir.“

Sein Bruder ging langsam um den Tisch herum.

„Ich habe unser Unternehmen gerettet. Unser Vater hatte Schulden hinterlassen. Ich musste Entscheidungen treffen, die du nie verstanden hättest.“

„Du hast Geld gestohlen.“

„Ich habe Geld bewegt!“

„Du hast Dokumente gefälscht.“

„Ich habe Fehler korrigiert, die sonst uns alle ruiniert hätten!“