Sein Stuhl schabte über den Boden.
„Ich werde ihn umbringen.“
„Nein!“, sagte Laura schnell. „Daniel, bitte. Genau das darfst du nicht tun. Du musst ruhig bleiben. Du hast Noah.“
Der Junge zuckte bei der plötzlichen Bewegung zusammen.
Daniel sah ihn an und setzte sich langsam wieder.
Laura streckte vorsichtig die Hand über den Tisch, zog sie aber zurück, als Daniel nicht reagierte.
„Ich habe jeden Tag an euch gedacht“, flüsterte sie. „Jeden einzelnen Tag.“
***
In diesem Moment kam die Kellnerin mit den Getränken zurück.
Noah nahm seine heiße Schokolade, doch er trank nicht. Er beobachtete Laura aufmerksam.
Schließlich fragte er:
„Warum weißt du so viel über Mama?“
Laura sah ihn an.
„Weil ich sie kannte.“
„Warst du mit ihr befreundet?“
Laura rang um Worte.
Daniel legte eine Hand auf die Schulter seines Sohnes.
„Noah, es gibt etwas, das ich dir erklären muss.“
Der Junge sah ihn an.
„Was denn, Papa?“
Daniel öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus.
Wie sollte er einem achtjährigen Kind sagen, dass die Frau, die es drei Jahre lang für tot gehalten hatte, direkt vor ihm saß?
Wie sollte er erklären, dass ein Mensch, dem er vertraut hatte, möglicherweise seine ganze Familie auseinandergerissen hatte?
Laura beugte sich ein wenig vor.
„Noah, mein Schatz …“
Der Junge riss die Augen auf.
„Warum nennst du mich so?“
Laura weinte nun offen.
„Weil ich dich schon immer so genannt habe.“
Noah blickte zu seinem Vater.
„Papa?“
Daniel nahm seine Hand.
„Noah, diese Frau heißt Laura.“
Der Junge runzelte die Stirn.
Daniel schluckte schwer.
„Sie ist deine Mama.“
Die heiße Schokolade stand unberührt auf dem Tisch.
Noah sah Laura an, dann Daniel, dann wieder Laura.
„Aber Mama ist doch gestorben.“
„Das haben wir alle geglaubt“, sagte Daniel leise. „Ich auch.“
„Ist sie ein Geist?“
Laura schüttelte den Kopf und lächelte unter Tränen.
„Nein, mein Liebling. Ich bin wirklich hier.“
Noah rutschte von seinem Stuhl.
Er ging langsam um den Tisch herum und blieb vor Laura stehen.
„Wenn du meine Mama bist, warum warst du dann nicht bei mir?“
Laura schloss die Augen.
Diese Frage hatte sie sich selbst tausendmal gestellt.
„Weil ich nicht zu dir kommen durfte. Und weil ich nicht stark genug war, um einen Weg zurückzufinden, bevor es zu spät schien.“
„Hast du mich vermisst?“
Laura streckte die Arme aus.
„Mehr, als du dir vorstellen kannst.“
Noah zögerte.
Dann trat er zu ihr und ließ sich in ihre Arme fallen.
Laura hielt ihn fest, als hätte sie Angst, er könnte wieder verschwinden.
Der Junge weinte gegen ihren Mantel.
„Ich dachte, du willst mich nicht mehr.“
„Nein, mein Schatz. Niemals. Du warst jeden Tag in meinem Herzen.“
Daniel wandte sich zum Fenster, damit sein Sohn ihn nicht weinen sah.
Drei Jahre lang hatte er versucht, Noahs Fragen zu beantworten.
Doch nun erkannte er, dass nicht alle Antworten, die er gegeben hatte, wahr gewesen waren.
Und dass die Wahrheit noch viel gefährlicher sein könnte, als er sich jemals vorgestellt hatte.
***
Nachdem sie das Diner verlassen hatten, brachte Daniel Laura und Noah zu sich nach Hause.
Es war ein anderes Haus als das, in dem Laura verschwunden war. Daniel hatte es ein Jahr nach dem Brand gekauft, weil er nicht mehr in der Nähe der Ruinen leben konnte.
Laura blieb im Eingangsbereich stehen.
„Du hast alles neu aufgebaut.“
Daniel stellte ihre Tasche ab.
„Ich musste es tun. Noah brauchte ein Zuhause.“
Laura strich mit den Fingern über die Wand.
„Ich hätte dabei sein sollen.“
„Ja“, sagte Daniel bitter. „Das hättest du.“
Sie senkte den Kopf.
Er bereute seine Worte sofort, aber er konnte sie nicht zurücknehmen.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich weiß nicht, was ich gerade fühlen soll.“
Laura nickte.
„Du musst mir nicht sofort verzeihen.“
Noah zog sie an der Hand.
„Mama, willst du mein Zimmer sehen?“
Laura blickte Daniel fragend an.
Er nickte langsam.
„Natürlich.“
Noah führte sie die Treppe hinauf und zeigte ihr seine Bücher, seine Spielsachen und die Zeichnungen, die er an die Wand gehängt hatte.
Auf einem Bild waren drei Strichfiguren zu sehen: ein großer Mann, ein kleiner Junge und eine Frau mit langen Haaren.
Über ihnen stand in krakeliger Schrift:
*„Meine Familie im Himmel und auf der Erde.“*
Laura kniete sich vor das Bild.
„Hast du das gemalt?“
Noah nickte.
„Papa hat gesagt, Mama kann uns nicht sehen, aber vielleicht sieht sie die Sterne.“
Laura presste die Lippen zusammen, um nicht laut aufzuschluchzen.
Daniel stand in der Tür.
„Ich wusste nicht, was ich ihm sonst sagen sollte.“
Laura sah ihn an.
„Du hast getan, was du konntest.“
„Ich habe dich für tot gehalten.“
„Das war nicht deine Schuld.“
Daniel antwortete nicht.
Er wusste noch nicht, wem er die Schuld geben sollte.
Aber er wusste, dass Markus eine Erklärung liefern musste.
***
Am nächsten Morgen rief Daniel seinen Bruder an.
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