Wer war dieser Mann gewesen?
Und was hatte Gabriel Landeros verloren, das ihn so gut verstehen ließ, wie es sich anfühlte, allein zu sein?
—
In den folgenden Wochen entwickelte sich zwischen Magdalena und Gabriel eine ungewöhnliche Gewohnheit.
Er kam nicht täglich, und er blieb nie länger, als es nötig war.
Manchmal brachte er eine Bestellung für Wäsche mit. Manchmal fragte er, ob sie zusätzliche Arbeit übernehmen wolle. Einmal schickte er ihr einen Brief mit einer Einladung, die Bettwäsche für das Gästehaus seiner Ranch zu waschen.
Magdalena nahm die Aufträge an.
Sie rechnete jeden Stoffballen ab, notierte jede Münze und ließ sich jeden Auftrag schriftlich bestätigen. Gabriel widersprach nie.
Mit der Zeit verdiente sie genug, um neue Schuhe für Mateo zu kaufen und Isabel ein warmes Kleid für den kommenden Winter zu nähen.
Das erste Mal, als Isabel das Kleid anprobierte, drehte sie sich vor dem Spiegel so oft im Kreis, bis sie vor Freude kichern musste.
Magdalena lachte mit ihr.
Doch später, als die Kinder schliefen, setzte sie sich an den Tisch und weinte leise.
Nicht, weil sie unglücklich war.
Sondern weil sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihres Mannes vorstellen konnte, dass ihre Kinder vielleicht nicht ihr ganzes Leben lang unter Mangel leiden mussten.
Und sie wusste, dass Gabriel einen Anteil daran hatte.
Trotzdem hielt sie Abstand.
Sie war erst neunundzwanzig, aber der Tod hatte sie älter gemacht. Sie hatte erlebt, wie schnell Versprechen verschwanden und wie wenig ein Mensch kontrollieren konnte.
Sie wollte nicht, dass ihre Dankbarkeit mit Liebe verwechselt wurde.
Noch weniger wollte sie, dass ihre Kinder sich an einen Mann gewöhnten, der eines Tages vielleicht wieder verschwinden würde.
Gabriel schien das zu verstehen.
Er sprach nie davon, dass sie ihm etwas schuldete.
Er fragte nicht nach ihrem verstorbenen Mann.
Und er machte ihr keine Komplimente, die sie in Verlegenheit gebracht hätten.
Stattdessen behandelte er sie wie eine Geschäftspartnerin.
Bis zu jenem Sonntag im November.
An diesem Morgen erschien Gabriel mit einem Ausdruck im Gesicht, den Magdalena noch nie an ihm gesehen hatte.
Er war blass.
Und er hatte keinen Begleiter dabei.
„Doña Magdalena“, sagte er, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte. „Ich muss Sie um einen Gefallen bitten.“
Sie legte ihr Nähzeug beiseite.
„Was ist passiert?“
„Mein Verwalter hat mir gerade mitgeteilt, dass mehrere Kisten mit alten Dokumenten aus dem Lagerhaus verschwunden sind. Darunter befinden sich die Unterlagen über die ursprünglichen Grenzen meiner Ranch.“
Magdalena runzelte die Stirn.
„Was hat das mit mir zu tun?“
Gabriel zögerte.
„Ihr verstorbener Mann hat vor seinem Tod für meinen Vater gearbeitet, nicht wahr?“
Sie erstarrte.
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft hatte Gabriel etwas erwähnt, das sie nicht freiwillig mit ihm geteilt hatte.
„Woher wissen Sie das?“
„Mein Vater hat mir einmal von einem Mann namens Tomás Villaseñor erzählt. Er sagte, Tomás habe die alten Landkarten und Verträge für die Ranch aufbewahrt.“
Magdalena trat einen Schritt zurück.
„Mein Mann war kein Dieb.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Dann sollten Sie vorsichtig sein, bevor Sie seinen Namen in einer solchen Angelegenheit erwähnen.“
Gabriel senkte den Kopf.
„Sie haben recht. Ich hätte anders anfangen sollen.“
Er zog einen gefalteten Brief aus seiner Jackentasche.
„Ich habe diesen Brief in den Unterlagen meines Vaters gefunden. Er wurde an Ihren Mann adressiert, aber offenbar nie abgeschickt.“
Magdalena nahm den Brief mit zitternden Fingern.
Die Handschrift war alt, stellenweise verwischt, aber sie erkannte den Namen ihres Mannes sofort.
Tomás.
Sie öffnete das Papier.
Schon nach den ersten Zeilen wurde ihr kalt.
Der Brief enthielt einen Hinweis auf ein Grundstück nahe der Quelle, an der Magdalena jeden Tag ihre Wäsche wusch.
Ein Grundstück, von dem sie immer geglaubt hatte, es gehöre niemandem außer dem Landbesitzer auf der anderen Seite des Hügels.
Am Ende des Briefes stand ein Satz, der ihr den Atem nahm:
„Wenn die Wahrheit über dieses Land jemals ans Licht kommt, wird die Ranch La Estrella nicht mehr dieselbe sein.“
Magdalena hob langsam den Blick.
Gabriel beobachtete sie schweigend.
„Was bedeutet das?“, fragte sie.
Er antwortete nicht sofort.
Dann sagte er leise:
„Ich glaube, Ihr Mann wusste etwas über dieses Land, das meine Familie seit vielen Jahren zu verbergen versucht.“
Magdalena hielt den Brief fest, als könnte er ihr aus den Händen gerissen werden.
Plötzlich ergaben die Freundlichkeit, die unerwarteten Aufträge und Gabriels Beharrlichkeit einen anderen Sinn.
Vielleicht war er nicht nur gekommen, um einer Witwe zu helfen.
Vielleicht hatte er von Anfang an nach etwas gesucht.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ihr verstorbener Mann in jener letzten Woche vor seinem Tod so unruhig gewesen war.
Magdalena erinnerte sich an die Nacht, in der Tomás sie gebeten hatte, die kleine Holzkiste unter ihrem Bett niemals wegzugeben.
Damals hatte sie geglaubt, darin lägen nur alte Erinnerungsstücke.
Jetzt sah sie Gabriel an und wusste, dass sie ihm noch nicht alles erzählt hatte.
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