Zunächst tat er es nur, weil Jacinta ihm Aufgaben gab, denen er sich kaum entziehen konnte. Doch langsam entdeckte er, dass Holz nicht nur ein Material war, sondern eine Sprache, die sein Vater verstand.
Julián zeigte ihm, wie man die Maserung eines Bretts prüfte, bevor man es zuschnitt.
„Wenn du gegen das Holz arbeitest“, erklärte er, „wird es brechen. Wenn du lernst, wie es gewachsen ist, kannst du es formen.“
Emiliano betrachtete das Brett.
„Und wenn es schon kaputt ist?“
„Dann prüfst du, ob es noch repariert werden kann. Nicht alles, was beschädigt ist, ist wertlos.“
Der Junge sah seinen Vater an, sagte aber nichts.
Später an diesem Abend zog ein Gewitter über San Jerónimo auf.
Der Wind schlug gegen die Fensterläden, und Regen prasselte auf das Dach der Mühle. Julián stand auf, um nach dem Wasserkanal zu sehen, als er ein lautes Krachen hörte.
Die alte Schleuse hatte sich gelöst.
Wasser strömte in den Kanal, sammelte sich an der beschädigten Stelle und drohte, die frisch reparierten Stützbalken zu unterspülen.
„Emiliano! Hol das Werkzeug!“, rief Julián.
Der Junge rannte los.
Jacinta kam aus dem Haus, eine Laterne in der Hand.
Als sie das Wasser sah, erstarrte sie.
„Nein“, flüsterte sie. „Nicht noch einmal.“
Julián hörte sie, aber er konnte sich nicht umdrehen. Er musste die Schleuse sichern, bevor der Druck das Holzgestell zerstörte.
Emiliano kam mit dem Werkzeugkasten zurück.
„Was soll ich tun?“
„Bleib auf festem Boden und reiche mir die langen Balken. Geh nicht in den überfluteten Abschnitt!“
Der Junge gehorchte.
Gemeinsam arbeiteten sie, während der Regen stärker wurde. Julián befestigte eine provisorische Stütze, Emiliano hielt die Laterne und Jacinta brachte Seile und Holzkeile aus dem Lager.
Für einen Augenblick schien die Konstruktion nachzugeben.
Dann hielt sie.
Der Wasserstrom verlangsamte sich, und das Holzgestell blieb an seinem Platz.
Julián lehnte sich erschöpft gegen einen Balken.
Emiliano stand neben ihm, durchnässt bis auf die Haut.
„Wir haben es geschafft“, sagte der Junge.
Julián nickte.
„Wir haben es zusammen geschafft.“
Emiliano blickte zu Doña Jacinta.
Die alte Frau stand am Rand des Hofes und betrachtete die Schleuse. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch diesmal versuchte sie nicht, sie zu verbergen.
„Salvador“, flüsterte sie.
Dann sank sie auf eine Bank.
Jacinta, die kleine Tochter Juliáns, lief zu ihr und legte vorsichtig eine Decke um ihre Schultern.
„Es ist vorbei, Doña Jacinta. Das Wasser ist wieder unter Kontrolle.“
Die alte Frau nahm ihre Hand.
„Nein, mein Kind“, sagte sie. „Es ist nicht vorbei. Aber heute hat jemand dafür gesorgt, dass es nicht wieder so endet wie damals.“
Sie blickte zu Julián und Emiliano.
„Danke.“
Es war das erste Mal, dass sie dieses Wort sagte, ohne es wie eine Pflicht klingen zu lassen.
## Am nächsten Morgen drehte sich das Rad wieder
Als die Sonne aufging, war das Gewitter vorüber.
Julián überprüfte die Schleuse ein letztes Mal. Emiliano stand neben ihm und wartete auf seine Anweisungen.
Doña Jacinta trat aus dem Haus. In ihren Händen hielt sie die alte Holzkiste.
Sie stellte sie auf die Werkbank und öffnete den Verschluss.
Darin lagen ein Bündel Briefe, ein kleines Notizbuch und eine sorgfältig gefaltete Zeichnung des Mühlrads.
„Das gehörte Salvador“, sagte sie. „Er wollte die Mühle modernisieren. Er hatte Pläne, die Menschen aus dem Dorf wieder hierherzubringen. Er wollte, dass niemand mehr weite Strecken zurücklegen musste, um sein Getreide mahlen zu lassen.“
Sie schob die Zeichnung zu Julián.
„Ich habe alles eingeschlossen, weil ich nicht mehr ertragen konnte, seine Pläne anzusehen.“
Julián entfaltete das Papier.
Die Zeichnung zeigte eine verbesserte Schleuse, verstärkte Stützen und einen Mechanismus, der den Wasserfluss besser regulieren sollte.
Er untersuchte die Linien aufmerksam.
„Das ist gute Arbeit“, sagte er. „Ihr Sohn hat verstanden, wie das System funktioniert.“
„Kann man es bauen?“
Julián sah zu Emiliano.
Der Junge betrachtete die Zeichnung mit einem Interesse, das sein Vater seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Ja“, sagte Julián. „Mit etwas Arbeit können wir es versuchen.“
Jacinta nickte langsam.
„Dann baut es.“
Am Nachmittag entfernten sie die letzten provisorischen Stützen. Julián gab das Zeichen, und Emiliano öffnete die Schleuse vorsichtig.
Das Wasser floss durch den Kanal.
Das Mühlrad bewegte sich zunächst kaum merklich. Dann drehte es sich langsam, eine Umdrehung nach der anderen, bis das alte Holzgestell wieder in einen gleichmäßigen Rhythmus fand.
Ein tiefes Knarren erfüllte den Hof.
Dann begann der Mahlstein sich zu drehen.
Jacinta stand regungslos da.
Drei Jahre lang hatte sie geglaubt, dieses Geräusch würde sie zerstören.
Doch als sie es nun hörte, erinnerte sie sich nicht nur an die Nacht der Flut.
Sie erinnerte sich an Salvador, der als Junge im Hof gelacht hatte. An seinen ersten Versuch, ein Brett gerade zu schneiden. An seine Hände, die ihr beim Backen geholfen hatten, wenn ihr Mann zu müde gewesen war.
Sie erinnerte sich daran, dass ihr Sohn die Mühle geliebt hatte.
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