„Was hat das mit Bianca zu tun?“
„Vor einigen Monaten fragte sie mich, ob ich eine Vollmacht unterschreiben würde. Sie sagte, es gehe nur darum, die Verwaltung zu vereinfachen, falls du und sie heiraten würden.“
Julian wurde still.
„Hast du unterschrieben?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich die Unterlagen von einem Anwalt prüfen lassen wollte. Als ich das sagte, wurde sie wütend. Am nächsten Tag behauptete sie, ich hätte das Gespräch falsch verstanden.“
Martha atmete tief durch.
„Ich habe die Dokumente aufbewahrt. In meinem Schreibtisch. Doch vor zwei Wochen waren sie verschwunden.“
Julian sah sie an.
„Warum hast du mir das nicht erzählt?“
„Weil ich nicht wusste, ob Bianca sie genommen hatte. Ich wollte niemanden beschuldigen, ohne Beweise zu haben.“
Julian stand auf und ging einige Schritte durch das Zimmer.
Die Ereignisse begannen sich miteinander zu verbinden.
Biancas Fragen zum Familienvermögen.
Ihre Behauptungen über Marthas Gedächtnis.
Der verschwundene Schriftverkehr.
Und ihre erschreckende Aussage am Pool.
„Wir werden die Unterlagen finden“, sagte er schließlich. „Aber wir werden nichts überstürzen. Ich lasse einen unabhängigen Anwalt prüfen, was mein Vater eingerichtet hat.“
Martha nickte.
„Genau das hätte dein Vater gewollt.“
***
Zwei Tage später kehrte Julian in die Villa zurück.
Bianca war nicht dort.
Ihr persönlicher Zugang zum Anwesen war vorläufig gesperrt worden, und die Sicherheitsfirma hatte sämtliche relevanten Aufzeichnungen gesichert. Julian hatte außerdem einen Anwalt beauftragt, die rechtlichen Fragen rund um die Hochzeit, das Familienvermögen und die verschwundenen Dokumente zu prüfen.
Er ging direkt in das Arbeitszimmer seines Vaters.
Dort standen noch immer die alten Bücherregale, der schwere Schreibtisch und die gerahmten Familienfotos.
Julian hatte den Raum seit dem Tod seines Vaters kaum verändert.
Nun zog er eine Schublade nach der anderen auf und suchte nach Unterlagen über die Stiftung.
In der untersten Schublade fand er einen flachen Umschlag.
Darauf stand in der Handschrift seines Vaters:
**Für Julian. Nur öffnen, wenn du Grund hast, an den Absichten eines Menschen zu zweifeln.**
Julian hielt den Umschlag lange in der Hand.
Dann öffnete er ihn.
Darin lagen eine Kopie der ursprünglichen Stiftungsvereinbarung, ein Brief seines Vaters und eine Liste mit mehreren Namen.
Er begann zu lesen.
Der Brief enthielt keine Anschuldigungen. Sein Vater hatte lediglich erklärt, dass das Familienvermögen nicht dazu bestimmt sei, jemandem Macht über andere Menschen zu geben. Bestimmte Entscheidungen sollten immer unabhängig überprüft werden, insbesondere wenn persönliche Beziehungen und finanzielle Interessen miteinander vermischt wurden.
Julian las den Brief zweimal.
Dann betrachtete er die Namensliste.
Neben dem Namen des Treuhänders stand ein Datum.
Und daneben war eine kurze handschriftliche Notiz angebracht:
**Änderungsantrag abgelehnt. Unterschrift nicht verifiziert.**
Julian griff nach seinem Telefon und rief den Anwalt an.
„Ich habe einen Hinweis auf einen früheren Änderungsantrag gefunden“, sagte er. „Er wurde offenbar abgelehnt. Ich möchte wissen, wer ihn eingereicht hat und welche Unterlagen damals vorgelegt wurden.“
Der Anwalt versprach, den Vorgang über die zuständigen Stellen überprüfen zu lassen.
Julian legte auf.
Da bemerkte er etwas, das ihm zuvor entgangen war.
Die Kopie der Stiftungsvereinbarung trug eine Referenznummer, die er auf einem Dokument gesehen hatte, das Bianca ihm Monate zuvor gezeigt hatte.
Damals hatte sie behauptet, es sei lediglich ein Formular für die Hochzeitsplanung.
Julian hatte es nicht genauer gelesen.
Er hatte ihr vertraut.
Jetzt wusste er, dass Vertrauen keine Entschuldigung dafür war, wichtige Dokumente ungeprüft zu unterschreiben.
Er fotografierte die Referenznummer und schickte sie an seinen Anwalt.
Dann legte er alles zurück in den Umschlag.
Er würde keine eigenen Ermittlungen anstellen, keine Dokumente verändern und Bianca nicht mit Vermutungen konfrontieren.
Die Wahrheit musste sich auf überprüfbare Beweise stützen.
***
Am späten Nachmittag rief Detective Brooks an.
„Wir haben die ersten Aufnahmen ausgewertet“, sagte sie. „Sie bestätigen einige Ihrer Angaben. Wir prüfen außerdem, ob es frühere Vorfälle gab, die mit dem aktuellen Fall zusammenhängen.“
Julian schloss die Augen.
„Und Bianca?“
„Sie wird zu den Vorwürfen befragt. Wir können Ihnen noch keine abschließende Einschätzung geben.“
„Verstanden.“
Bevor sie auflegte, fügte sie hinzu: „Es gibt allerdings eine weitere Sache. Eine Mitarbeiterin Ihrer Villa hat uns freiwillig Informationen übergeben. Sie behauptet, Frau Laurent habe sie vor einigen Wochen gebeten, Unterlagen aus dem Arbeitszimmer Ihrer Mutter zu kopieren.“
Julian richtete sich auf.
„Welche Unterlagen?“
„Das wird derzeit überprüft. Wir möchten die Mitarbeiterin zunächst ausführlich befragen und die Dokumente mit den vorhandenen Unterlagen vergleichen.“
„Hat sie gesagt, warum Bianca die Kopien wollte?“
„Sie sagte, Frau Laurent habe erklärt, sie wolle sich auf ein Gespräch mit einem Anwalt vorbereiten.“
Julian schwieg.
Das konnte vieles bedeuten.
Es bewies weder einen Betrug noch einen Plan, seine Mutter zu verletzen.
Aber es war ein weiterer Hinweis, der sorgfältig untersucht werden musste.
Nachdem das Gespräch beendet war, fuhr Julian ins Krankenhaus.
Martha saß am Fenster und las ein Buch. Als er eintrat, legte sie es beiseite.
„Hast du etwas herausgefunden?“
„Ein paar Hinweise. Noch keine vollständigen Antworten.“
„Und was wirst du tun?“
Julian setzte sich zu ihr.
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