„Señora Valdés! Der Anwalt hat einen Anruf erhalten.“

„Von wem?“

„Vom Vermesser, der die ursprünglichen Grenzen bestätigt hat.“

Ramiro schluckte.

„Er sagt, er habe vor zwei Jahren eine Kopie der vorläufigen Vereinbarung angefertigt. Und er erinnert sich daran, dass Leandro ihn damals gebeten hat, eine zweite Fassung vorzubereiten.“

Elena wurde ganz still.

„Eine zweite Fassung?“

„Ja“, sagte Ramiro. „Eine Fassung, in der die zeitliche Begrenzung fehlte.“

Julián blickte zum Anwalt.

Herrera schloss seine Ledermappe.

„Dann haben wir endlich einen konkreten Ansatzpunkt.“

Draußen zog der Wind erneut über die Berge. Die beschädigte Schutzbarriere knarrte, und die Wolken am Horizont kündigten einen weiteren Kälteeinbruch an.

Doch diesmal war Elena nicht mehr allein mit ihren Sorgen.

Sie hatte die Aufzeichnungen ihres Mannes. Sie hatte einen Anwalt, der die Wahrheit prüfen würde. Und sie hatte Menschen um sich, die nicht nur wegen ihres Lohns oder eines Stück Landes geblieben waren.

Sie hatte begonnen, wieder Vertrauen zu fassen.

Gerade deshalb fürchtete sie, was als Nächstes kommen könnte.

Denn Leandro würde nicht tatenlos zusehen, wie sein Anspruch auf die Quelle zerfiel.

Und während Elena die Tür des Büros schloss, ahnte sie noch nicht, dass am folgenden Morgen ein Reiter aus der Stadt eintreffen würde – mit einer Nachricht, die nicht nur den Streit um die Wasserrechte verändern, sondern auch Juliáns Vergangenheit ans Licht bringen sollte.

## Kapitel 6: Der Fremde hatte selbst etwas zu verlieren

Der Reiter traf kurz nach Sonnenaufgang ein.

Sein Pferd war schweißnass, obwohl die Luft eisig war. Er sprang ab, zog einen Umschlag aus seiner Tasche und fragte nach Julián Ortega.

Julián trat aus dem Stall.

„Ich bin Julián.“

Der Bote übergab ihm den Umschlag.

Auf der Vorderseite stand der Name eines Mannes, den Julián seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte: Don Rafael Mendoza, ein ehemaliger Arbeitgeber aus dem Süden des Landes.

Julián öffnete den Brief.

Sein Gesicht veränderte sich.

Elena bemerkte es sofort.

„Was ist passiert?“

Er reichte ihr das Schreiben.

Don Rafael berichtete, dass ein Mann in der Stadt nach Julián gefragt hatte. Er habe behauptet, Julián sei mit Werkzeugen und Geld verschwunden, die ihm nicht gehörten. Nun wolle er ihn finden und zur Verantwortung ziehen.

Julián setzte sich langsam auf eine Bank.

„Das ist nicht die ganze Geschichte“, sagte er.

Elena wartete.

„Vor zwei Jahren arbeitete ich auf einer großen Ranch. Der Besitzer hatte mich gebeten, ein beschädigtes Wasserrad zu reparieren. Als ich die Konstruktion öffnete, entdeckte ich, dass ein Teil des Holzes absichtlich geschwächt worden war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Rad zusammenbrach.“

„Was geschah dann?“, fragte Elena.

„Ich meldete es dem Verwalter. Er sagte, ich solle mich nicht einmischen. Einige Tage später brach das Rad tatsächlich zusammen. Der Besitzer beschuldigte mich, weil ich der Letzte gewesen war, der daran gearbeitet hatte.“

Julián rieb sich über die Stirn.

„Ich hatte keine Beweise. Ich verlor meine Arbeit und musste die Ranch verlassen. Später hörte ich, dass der Verwalter die Anlage selbst beschädigt hatte, um Geld für Reparaturen zu verlangen. Aber niemand wollte gegen ihn aussagen.“

Elena sah auf den Brief.

„Und jetzt behauptet jemand, Sie hätten etwas gestohlen?“

„Ja.“

„Ist das wahr?“

Julián hob den Kopf.

„Nein. Ich habe nichts gestohlen.“

Er sagte es ohne Zögern.

„Aber ich hätte damals bleiben und für meine Unschuld kämpfen sollen. Stattdessen bin ich gegangen. Ich hatte Angst, dass man mich einsperren würde und meine Kinder allein zurückblieben.“

Elena setzte sich neben ihn.

„Sie haben Ihre Kinder geschützt.“

„Vielleicht. Aber manchmal frage ich mich, ob ich ihnen damit beigebracht habe, dass man vor jedem Problem davonlaufen muss.“

Elena schwieg eine Weile.

„Julián, Sie sind nicht hierhergekommen und haben behauptet, ein perfekter Mann zu sein. Sie haben gearbeitet, Fehler gemacht und sie korrigiert. Sie haben Mateo beigebracht, dass man Verantwortung übernehmen muss.“

Sie legte ihre Hand auf seine.

„Eine falsche Anschuldigung wird nicht wahr, nur weil Sie sich damals nicht verteidigen konnten.“

Julián sah sie an.

Es war lange her, dass jemand ihm so etwas gesagt hatte.

Doch der Brief bedeutete, dass seine Vergangenheit ihn eingeholt hatte. Wenn der Mann aus der Stadt nach Chihuahua kam, könnte er versuchen, Julián von der Ranch zu vertreiben. Und wenn Leandro von der Anschuldigung erfuhr, würde er sie vermutlich gegen ihn verwenden.

„Ich muss herausfinden, wer hinter dieser Nachricht steckt“, sagte Julián.

„Dann finden wir es heraus.“

„Sie müssen sich nicht in meine Angelegenheiten einmischen.“

Elena zog ihre Hand nicht zurück.

„Sie haben mir geholfen, meine Ranch zu schützen. Sie haben meinen Kindern geholfen, als sie kaum noch wussten, wem sie vertrauen konnten. Glauben Sie wirklich, ich würde Sie jetzt allein lassen?“

Julián antwortete nicht.

Er sah nur auf ihre Hände, die noch immer ineinanderlagen.

Draußen rief Mateo nach ihnen. Lucía war wach geworden, und der Junge wollte wissen, ob er ihr heute zum ersten Mal helfen dürfe, draußen die Tiere zu beobachten.