„Ich weiß“, sagte Don Rafael sanft. „Und ich kann ihn nicht zurückbringen. Aber ich kann dafür sorgen, dass das Versprechen meiner Frau nicht vergessen wird.“

Er nahm das gefaltete Dokument aus dem Umschlag und öffnete es.

Es enthielt die Kopie einer Vereinbarung zwischen Isabel de Castilla und der Santa-Clara-Stiftung.

Darauf stand, dass eine bestimmte Familie im Bedarfsfall dauerhaft unterstützt werden sollte – mit medizinischer Versorgung, Schulbildung für die Kinder und Hilfe beim Aufbau einer sicheren Existenz.

Doch ganz unten auf der letzten Seite befand sich eine handschriftliche Ergänzung.

Don Rafael las sie.

Dann sah er Álvaro mit einem Ausdruck an, den der Junge nicht deuten konnte.

„Álvaro, wie heißt deine Mutter?“

„María Fernández.“

Der alte Mann schloss kurz die Augen.

Der Name stand ebenfalls auf dem Dokument.

Daneben war eine Adresse vermerkt – die Adresse des kleinen Hauses, in dem Álvaro und seine Familie lebten.

Es gab keinen Zweifel mehr.

Die Familie war gefunden worden.

Doch dann entdeckte Don Rafael etwas, das die ganze Situation veränderte.

Auf der Rückseite des Dokuments war ein weiterer Vermerk angebracht, datiert nur wenige Wochen vor Isabels Tod.

„Falls die Familie gefunden wird, muss vor jeder Auszahlung die Wahrheit über den Verkauf des Grundstücks Nr. 47 geklärt werden.“

Don Rafael runzelte die Stirn.

Grundstück Nr. 47.

Er kannte die Nummer.

Es gehörte zu einem Stück Land am Stadtrand, das vor Jahren im Rahmen eines Bauprojekts erworben worden war.

Doch der damalige Kaufvertrag war umstritten gewesen.

Und der Name des Unternehmens, das das Grundstück gekauft hatte, ließ seinen Magen schwer werden.

Es war eine Tochtergesellschaft seines eigenen Hotelimperiums.

„Das kann nicht sein“, murmelte er.

Álvaro stand langsam auf.

„Señor, habe ich etwas falsch gemacht?“

Don Rafael sah sofort zu ihm.

„Nein, mein Junge. Du hast überhaupt nichts falsch gemacht.“

Er faltete das Dokument zusammen und legte es in eine Mappe.

„Aber ich fürchte, dass jemand vor langer Zeit einen großen Fehler begangen hat. Und ich werde herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.“

Dann griff er erneut zum Telefon.

„Verbinden Sie mich mit der Rechtsabteilung. Ich brauche den vollständigen Kaufvertrag für Grundstück Nr. 47, sämtliche Anhänge und die Namen aller Personen, die an der Transaktion beteiligt waren.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und informieren Sie niemanden außerhalb dieses Büros.“

Am anderen Ende der Leitung wurde bestätigt, dass die Unterlagen gesucht würden.

Don Rafael legte auf.

Er blickte zum Fenster hinaus, wo die Stadt in der Nachmittagssonne glänzte.

Dann wandte er sich wieder Álvaro zu.

„Du bist heute hierhergekommen, um einen Brief zu überbringen. Aber ich glaube, du hast etwas viel Größeres ans Licht gebracht.“

Álvaro verstand nicht alles.

Er dachte nur an seine Mutter, die zu Hause auf ihn wartete.

„Kann ich jetzt zurückgehen, Señor? Meine Mutter macht sich bestimmt Sorgen.“

Don Rafael nickte.

„Natürlich. Aber du gehst nicht allein.“

Er rief seinen Assistenten und bat ihn, ein Auto bereitzustellen. Außerdem sollte ein Mitarbeiter der Stiftung noch am selben Tag Kontakt zu María aufnehmen, um ihre gesundheitliche Situation zu prüfen.

Als Álvaro sich verabschieden wollte, hielt Don Rafael ihn noch einmal zurück.

„Und noch etwas: Wenn du morgen wiederkommst, musst du nicht mehr durch den Hintereingang gehen oder dich vor jemandem rechtfertigen. Du bist in diesem Haus willkommen.“

Álvaro lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

„Danke, Señor.“

Dann verließ er das Büro.

Don Rafael blieb allein zurück.

Vor ihm lagen der Brief seiner verstorbenen Frau und die Unterlagen über Grundstück Nr. 47.

Er hatte geglaubt, die Geschichte seiner Familie zu kennen.

Jetzt ahnte er, dass jemand in seinem eigenen Unternehmen eine Entscheidung getroffen hatte, die eine andere Familie jahrelang in Armut zurückgelassen haben könnte.

Und er würde nicht zulassen, dass die Wahrheit erneut begraben wurde.

Doch gerade als Don Rafael die erste Seite des alten Kaufvertrags aufschlug, erschien ein Name, den er niemals dort erwartet hätte – der Name von Mercedes, der Managerin, die Álvaros Ticket zerrissen hatte.

Fortsetzung folgt in Teil 3 … 👇