Elena dachte an das Geld in ihrer Tasche.

„Ich will etwas von Ihnen“, sagte sie ehrlich. „Ich will, dass mein Vater wieder gesund wird. Aber ich werde dafür nicht so tun, als wäre ein krankes Tier gesund.“

Alejandro sagte nichts.

Doch in seinem Gesicht veränderte sich etwas.

Vielleicht war es Respekt.

Vielleicht erinnerte sie ihn an jemanden, den er längst vergessen hatte.

## Die Wahrheit, die niemand aussprechen wollte

Zwei Stunden später traf der Tierarzt ein.

Er untersuchte El Diablo gründlich und ließ sich von Elena zeigen, welche Bewegungen ihr aufgefallen waren. Nach einer Weile richtete er sich auf.

„Das Pferd hat offenbar Schmerzen am linken Vorderbein. Ich möchte weitere Untersuchungen durchführen, bevor wir die genaue Ursache kennen. Bis dahin darf es nicht geritten werden.“

Alejandro presste die Lippen zusammen.

„Und die früheren Trainer?“

„Ich kann nicht beurteilen, was sie gesehen oder übersehen haben“, antwortete der Tierarzt. „Aber dieses Pferd braucht Ruhe und eine angemessene Behandlung.“

Alejandro nickte knapp.

„Dann bekommt es beides.“

Elena bemerkte, dass Mateo erleichtert aufatmete.

Doch als der Tierarzt den Stall verließ, trat ein Mann in einem teuren grauen Anzug auf den Hof. Er hieß Ricardo Salazar und verwaltete einen Teil von Alejandros Geschäften. Elena hatte ihn am Vortag bereits gesehen. Er hatte über sie gelacht, als sie sich El Diablo näherte.

„Alejandro“, sagte Ricardo, „wir müssen über die Wette sprechen. Die Leute reden bereits. Ein Mädchen kommt hierher, reitet dein Pferd und plötzlich ändern sich deine Regeln.“

„Meine Ranch. Meine Regeln“, erwiderte Alejandro.

Ricardo warf Elena einen abschätzigen Blick zu.

„Und was passiert, wenn sie versagt? Was passiert, wenn das Pferd wieder außer Kontrolle gerät?“

„Dann finden wir heraus, warum“, sagte Elena.

Ricardo lächelte dünn.

„Du glaubst wirklich, du kannst hier etwas verändern?“

„Ich glaube, dass ein Pferd nicht gefährlich sein muss, nur weil Menschen es nicht verstehen.“

Ricardo trat näher.

„Manchmal ist es besser, keine Fragen zu stellen.“

Elena hielt seinem Blick stand.

„Manchmal ist es besser, endlich welche zu stellen.“

Alejandro beobachtete die beiden. Sein Gesicht wurde ernst.

„Ricardo. Geh.“

Der Mann schien protestieren zu wollen, doch dann verließ er den Stall.

Als er verschwunden war, wandte sich Alejandro an Elena.

„Du hast dir gerade einen Feind gemacht.“

„Ich wollte keinen.“

„Das spielt keine Rolle“, sagte Alejandro leise. „Manche Menschen betrachten jede Veränderung als Bedrohung.“

Elena dachte an Mateos Warnung.

Auf dieser Ranch ging es offenbar um viel mehr als um ein Pferd.

## Der Brief im Futterraum

Am Nachmittag half Elena Mateo dabei, den Stall aufzuräumen. Sie wollte die Boxen sauber halten und dafür sorgen, dass El Diablo genügend Ruhe bekam.

Als Mateo einen alten Schrank öffnete, um frische Decken herauszunehmen, fiel ein vergilbter Umschlag zu Boden.

Elena hob ihn auf.

Auf der Vorderseite stand in verblasster Schrift:

Für Alejandro. Nur öffnen, wenn die Wahrheit ans Licht kommen muss.

Mateo wurde blass.

„Gib ihn mir.“

„Was ist das?“

„Etwas, das dich nichts angeht.“

Seine Stimme klang so angespannt, dass Elena den Umschlag nicht sofort losließ.

„Hat er etwas mit El Diablo zu tun?“

Mateo schwieg.

Dieses Schweigen war Antwort genug, um Elenas Neugier zu wecken – aber nicht genug, um den Brief ohne Erlaubnis zu öffnen.

Sie reichte ihn Mateo zurück.

„Dann bringen wir ihn Don Alejandro.“

Der alte Mann schloss die Augen.

„Ich hatte gehofft, dieser Tag würde niemals kommen.“

Wenig später standen sie gemeinsam in Alejandros Büro. Der Boss nahm den Umschlag entgegen. Als er die Handschrift erkannte, verschwand jede Spur von Spott aus seinem Gesicht.

„Wo hast du das gefunden?“, fragte er.

„Im alten Futterraum“, antwortete Mateo.

Alejandro setzte sich langsam.

Eine ganze Weile betrachtete er den Brief, ohne ihn zu öffnen.

Dann sagte er: „Dieser Brief stammt von meinem Bruder.“

Elena hatte nicht gewusst, dass Alejandro einen Bruder hatte.

„Er starb vor vielen Jahren“, fuhr Alejandro fort. „Wir hatten damals einen Streit. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen.“

„Vielleicht wollte er Ihnen etwas erklären“, sagte Elena vorsichtig.

Alejandro hob den Blick.

„Vielleicht.“

Er öffnete den Umschlag.

Darin lag ein einzelnes Blatt Papier. Alejandro las es einmal. Dann noch einmal. Seine Finger spannten sich an den Rändern des Papiers an.

„Unmöglich“, murmelte er.

„Was steht darin?“, fragte Mateo.

Alejandro antwortete nicht sofort. Schließlich legte er den Brief auf den Schreibtisch.

„Mein Bruder schreibt, dass El Diablo nicht zufällig auf diese Ranch gekommen ist. Er hat das Pferd vor Jahren selbst ausgebildet. Und er behauptet, dass jemand dafür gesorgt hat, dass ich es für unkontrollierbar halte.“

Elena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Wer?“

Alejandro blickte zur Tür, als könnte dort jemand lauschen.

„Der Brief nennt keinen Namen.“

Dann entdeckte Elena eine zweite Zeile, die am unteren Rand des Papiers stand. Sie war fast unleserlich, als hätte der Schreiber sie in letzter Minute hinzugefügt.

Sie beugte sich vor und las die Worte laut: