Aisae nickte.
„Würdest du gern professionellen Gesangsunterricht bekommen?“
Der Junge sah ihn an, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden.
„Ich?“
„Ja, du.“
Aisae dachte an seine Mutter. An die Rechnungen auf dem Küchentisch. An die vielen Abende, an denen er leise gesungen hatte, damit sein kleiner Bruder einschlafen konnte.
„Ich würde gern lernen“, sagte er schließlich. „Aber ich möchte trotzdem in meinem Schulchor bleiben.“
Richard lächelte.
„Das lässt sich einrichten.“
Er wandte sich an Mrs. Brooks.
„Unsere Stiftung wird ein Förderprogramm für junge Musiker aus einkommensschwachen Familien einrichten. Aisae wird der erste Teilnehmer sein – sofern seine Mutter einverstanden ist.“
Aisae konnte kaum sprechen.
„Danke, Sir.“
Richard hob die Hand.
„Bedanke dich noch nicht. Wir müssen erst mit deiner Mutter sprechen. Und wir werden sicherstellen, dass du deine Ausbildung fortsetzen kannst, ohne dass jemand dich unter Druck setzt.“
Dann stand er auf.
Doch bevor er den Raum verließ, blieb er an der Tür stehen.
„Aisae, noch etwas.“
„Ja, Sir?“
„Hast du die gesamte Probe von Victoria gehört?“
Der Junge nickte.
„Ja.“
„Und könntest du die Aufnahme von dem unterscheiden, was sie tatsächlich live gesungen hat?“
Aisae dachte kurz nach.
„Ich glaube schon.“
Richard sah zu Daniel Reed, der inzwischen ebenfalls im Türrahmen stand.
Der Tontechniker hielt ein Tablet in der Hand.
„Dann sollten wir uns vielleicht gemeinsam die Aufzeichnung ansehen“, sagte Daniel.
Sein Gesicht war ernst.
„Denn ich habe gerade etwas entdeckt, das weit über diesen einen Ton hinausgeht.“
## Die Aufnahme, die alles verändern könnte
Im Kontrollraum des Hotels saßen wenige Minuten später Richard, Mrs. Brooks, Daniel und Aisae vor mehreren Monitoren.
Daniel öffnete die Aufzeichnung der Probe.
„Ich möchte, dass wir uns zunächst die Originalspur ansehen“, erklärte er. „Das ist die Aufnahme, bevor die Tonbearbeitung vorgenommen wurde.“
Er spielte den Ausschnitt ab.
Victoria sang die Passage erneut.
Wie Aisae es beschrieben hatte, stockte ihre Stimme vor dem höchsten Ton. Danach hörte man eine kurze Pause, gefolgt von einer technischen Anweisung.
Daniel stoppte die Wiedergabe.
„Jetzt die bearbeitete Version.“
Er startete dieselbe Passage erneut.
Diesmal klang Victorias Stimme makellos.
Die entscheidende Note war klar und kraftvoll. Es gab keinen hörbaren Bruch, keine erkennbare Unsicherheit.
Daniel öffnete ein weiteres Fenster auf dem Bildschirm.
Dort waren mehrere Tonspuren zu sehen.
Eine Spur enthielt die Instrumente.
Eine weitere enthielt Victorias tatsächlichen Gesang.
Und eine dritte trug die Bezeichnung:
VOCAL REPLACEMENT – FINAL MASTER.
Richard lehnte sich vor.
„Was bedeutet das?“
Daniel antwortete nicht sofort.
„Es bedeutet, dass die hohe Passage durch eine zuvor aufgenommene Gesangsspur ersetzt wurde. Ich kann anhand dieser Datei allein nicht feststellen, wer die ursprüngliche Aufnahme gesungen hat. Dafür brauchen wir die dazugehörigen Produktionsunterlagen.“
„Aber Victoria hat immer behauptet, sie singe diese Note selbst“, sagte Richard.
Daniel nickte.
„Das ist richtig.“
Mrs. Brooks blickte zu Aisae.
Der Junge hatte die Arme auf den Tisch gelegt und betrachtete die Wellenformen.
„Hier“, sagte er plötzlich.
Daniel beugte sich näher.
„Was ist?“
Aisae zeigte auf einen Abschnitt kurz vor der hohen Note.
„Die Hintergrundmusik verändert sich hier.“
Daniel vergrößerte die Darstellung.
„Das ist ein Übergang zwischen zwei Spuren.“
„Nein“, sagte Aisae vorsichtig. „Ich meine nicht nur die Musik. Hören Sie auf den Atemzug.“
Daniel spielte den Abschnitt erneut ab.
Zunächst hörte er nichts Besonderes.
Dann isolierte er die Gesangsspur.
Und plötzlich wurde es deutlich.
Vor der hohen Note war ein kurzer Atemzug zu hören. Doch die Klangfarbe dieses Atemzugs passte nicht zur Stimme, die unmittelbar davor gesungen hatte.
Daniel wurde blass.
Er prüfte die Zeitmarken.
Dann öffnete er die technischen Protokolle der Aufnahme.
„Das ist seltsam“, murmelte er.
Richard verschränkte die Arme.
„Was genau?“
Daniel drehte den Monitor zu ihm.
„Die ersetzte Gesangsspur wurde nicht bei dieser Probe aufgenommen. Sie stammt aus einer älteren Produktion. Und die Datei wurde vor der Veranstaltung unter einem anderen Namen in das System geladen.“
„Von wem?“
Daniel öffnete die Zugriffsprotokolle.
Ein Benutzerkonto hatte die Datei importiert.
Der Name war mit einem externen Produktionsunternehmen verbunden, das für Victorias Plattenfirma arbeitete.
Richard stand auf.
„Ich möchte, dass diese Daten gesichert werden. Niemand verändert etwas, bis unsere unabhängigen Fachleute sie überprüft haben.“
„Verstanden“, sagte Daniel.
Doch Aisae sah weiterhin auf den Bildschirm.
Er bemerkte etwas Kleines am Rand der Datei.
Eine zweite Kennzeichnung.
Eine, die offenbar bei der letzten Bearbeitung hinzugefügt worden war.
„Daniel?“
„Ja?“
„Was bedeutet diese Zahl?“
Daniel folgte seinem Finger.
Auf dem Bildschirm stand eine Produktionsnummer.
TRACK 26 – ORIGINAL VOCAL: A.W.
Daniel starrte darauf.
„A.W.?“
Richard blickte zwischen den beiden hin und her.
„Was bedeutet das?“
Daniel antwortete mit leiser Stimme.
„Wir müssen herausfinden, wem diese Initialen gehören.“
Aisae sah ihn an.
„Aber ich glaube, ich weiß, warum die Stimme so anders klang.“
Alle drehten sich zu ihm um.
Der Junge schluckte.
„Als ich die Aufnahme bei der Probe gehört habe, war da noch etwas. Ganz leise. Hinter der Musik.“
„Was denn?“, fragte Mrs. Brooks.
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