„Ich habe damals jemandem vertraut, dem ich nicht hätte vertrauen dürfen. Als dein Vater uns warnte, glaubte ich, er hätte sich geirrt. Ich dachte, er würde die Situation falsch einschätzen. Und bevor ich verstand, was er mir sagen wollte, war er bereits gegangen.“
Er hielt inne.
„Ich habe später versucht, ihn zu erreichen. Aber ich habe zu spät angefangen, nach den richtigen Antworten zu suchen.“
Elias sagte nichts.
Er dachte an die kleinen Dinge, die sein Vater ihm beigebracht hatte. An das Geräusch eines Motors, der nicht richtig lief. An die Geduld, die es brauchte, um einen Fehler zu finden. An die Warnung, niemals etwas vorschnell für unmöglich zu halten, nur weil man noch nicht verstanden hatte, wie es funktionierte.
Vielleicht hatte sein Vater das alles nicht nur für Maschinen gemeint.
Vielleicht hatte er auch über Menschen gesprochen.
Marcus schob den Brief ein Stück näher zu Elias.
„Dein Vater hat diesen Brief vor seinem Tod geschrieben. Er war für den Fall gedacht, dass wir uns eines Tages wiedersehen.“
Elias blickte auf den Umschlag.
Sein Name stand darauf.
Nicht der Name seiner Mutter.
Nicht der Name von Callum.
Seiner.
**Für Elias. Wenn er alt genug ist, die Wahrheit zu hören.**
Seine Hände begannen zu zittern.
„Darf ich ihn öffnen?“
Marcus nickte.
Elias nahm den Brief vorsichtig aus dem Umschlag.
Er entfaltete das Papier.
Die Handschrift war unverkennbar die seines Vaters.
Er las den ersten Satz.
Dann den zweiten.
Und beim dritten Satz hörte er auf zu atmen – nicht aus Angst, sondern weil er plötzlich verstand, dass die Geschichte seines Vaters noch lange nicht zu Ende erzählt war.
Denn dort stand:
*Mein Sohn, wenn du diesen Brief eines Tages liest, dann gibt es etwas, das du wissen musst. Ich habe dir nicht alles über meine Arbeit erzählt. Nicht, weil ich dir nicht vertraut habe, sondern weil ich gehofft hatte, dass du eines Tages die Möglichkeit haben würdest, deinen eigenen Weg zu wählen.*
Elias las weiter.
*Wenn du jemals einem Menschen begegnest, der behauptet, ich hätte meine Arbeit und meine Freunde ohne Grund verlassen, dann glaube ihm nicht sofort. Suche nach den Fakten. Höre genau hin. Und vergiss niemals, dass die Wahrheit manchmal lange braucht, bis sie von jemandem gefunden wird, der bereit ist, wirklich zuzuhören.*
Elias hob langsam den Kopf.
Callum stand regungslos vor ihm.
Marcus hatte die Augen geschlossen.
Und in der Werkstatt, in der vor wenigen Minuten noch das Geräusch eines wieder gestarteten Motors gefeiert worden war, herrschte eine Stille, die sich schwerer anfühlte als alles zuvor.
Elias blickte wieder auf den Brief.
Ganz unten stand noch ein letzter Satz.
Ein Satz, der alles verändern sollte.
*Und wenn du wissen möchtest, warum ich damals wirklich gegangen bin, dann frage Callum Voss nach dem Tag, an dem wir den schwarzen Motor zum ersten Mal gestartet haben.*
Elias ließ das Blatt sinken.
Er sah Callum direkt in die Augen.
„Was ist an diesem Motor passiert?“
Callum antwortete nicht sofort.
Dann blickte er zu dem Morrow Obsidian, dessen Motor inzwischen wieder ausgeschaltet war.
„Das“, sagte er leise, „ist der Grund, warum ich dich heute nicht einfach nach Hause gehen lassen kann.“
Elias trat einen Schritt zurück.
„Warum?“
Callum nahm das alte Foto von der Werkbank und drehte es um.
Auf der Rückseite stand ein Datum.
Daneben waren drei Worte notiert.
**Das Projekt ist zurück.**
Callum sah Elias an.
„Weil wir heute Morgen eine Nachricht erhalten haben. Jemand hat einen Prototyp gefunden, an dem dein Vater vor vielen Jahren gearbeitet hat. Und dieser Prototyp trägt dieselben technischen Merkmale wie der Motor, den du gerade repariert hast.“
Elias starrte ihn an.
„Aber das ist unmöglich.“
„Das habe ich auch gedacht.“
Callum nahm die Ledermappe von Marcus entgegen und zog ein weiteres Blatt heraus.
Darauf war eine technische Zeichnung zu sehen.
Elias erkannte sofort die besondere Anordnung der Leitungen. Er kannte die Markierungen am Rand. Er hatte sie schon einmal gesehen – in einem alten Notizbuch seines Vaters, das seit dessen Tod in einer Schublade zu Hause lag.
Sein Vater hatte ihm immer gesagt, dass er dieses Notizbuch eines Tages verstehen würde.
Elias hatte geglaubt, es sei nur eine Sammlung alter Skizzen.
Jetzt begann er zu begreifen, dass es vielleicht etwas anderes war.
Vielleicht der Schlüssel zu einem Geheimnis, das älter war als seine eigenen Erinnerungen.
Und vielleicht der einzige Weg, herauszufinden, warum sein Vater wirklich gegangen war.
Callum legte die Zeichnung vor ihn.
„Elias, ich möchte dich um etwas bitten.“
Der Junge blickte auf.
„Was?“
Callum atmete tief ein.
„Hilf uns herauszufinden, was dein Vater damals entdeckt hat.“
Elias sah auf die Zeichnung.
Dann auf das Foto.
Schließlich auf den Brief in seinen Händen.
Er dachte an seinen Vater, an die kleine Werkstatt und an die Abende, an denen sie gemeinsam an alten Motoren gearbeitet hatten. An all die Fragen, die er nie hatte stellen können. An die Antworten, die er vielleicht nie bekommen würde.
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