Sein Vater war aufgestanden.
Emil setzte sich auf und lauschte.
Eine Tür öffnete sich. Schritte gingen die Treppe hinunter. Dann hörte er das leise Klirren einer Tasse.
Er hätte sich wieder hinlegen können.
Stattdessen stand er auf, zog seinen Pullover über und ging nach unten.
Sein Vater saß am Küchentisch. Vor ihm stand eine Tasse Tee, die er offenbar schon längst vergessen hatte.
Als Emil hereinkam, hob er den Kopf.
„Albtraum?“
Emil nickte.
Sein Vater schob ihm einen Stuhl hin.
Emil setzte sich.
Lange sagte keiner etwas.
Dann fragte Emil leise: „Denkst du manchmal noch an Mama?“
Die Frage fiel zwischen sie wie etwas Zerbrechliches.
Sein Vater bewegte sich nicht.
Draußen strich der Wind über die Fensterläden.
„Jeden Tag“, antwortete er schließlich.
Emil sah auf seine Hände.
„Du redest aber nie über sie.“
Sein Vater atmete tief ein. Er schien nach Worten zu suchen, die er seit zwei Jahren nicht mehr gebraucht hatte.
„Weil ich Angst hatte, dass es dann noch schlimmer wird.“
„Für dich?“
Sein Vater blickte ihn an.
„Für uns beide.“
Emil schluckte.
„Für mich wird es schlimmer, wenn niemand über sie spricht.“
Sein Vater senkte den Blick.
Und zum ersten Mal verstand Emil, dass die Stille seines Vaters nicht bedeutete, dass er weniger vermisste. Vielleicht bedeutete sie nur, dass er nicht wusste, wohin mit all dem Schmerz.
„Weißt du noch“, begann Emil, „wie Mama immer die Fenster offen gelassen hat, wenn sie Brot gebacken hat? Damit das ganze Haus danach riecht?“
Sein Vater lachte leise. Es war ein kurzes, brüchiges Geräusch, das fast sofort wieder verschwand.
„Und wie sie sich jedes Mal beschwert hat, wenn ich die Küche nicht aufgeräumt habe.“
„Du hast sie nie aufgeräumt.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
Sie sahen einander an.
Und dann lachten sie beide.
Nicht lange. Nicht so, als wäre alles wieder gut.
Aber lange genug, dass die Küche für einen Augenblick wieder wie ein Zuhause klang.
### Der Ruf zwischen den Bäumen
Zwei Tage später kam Martin Keller zurück.
Er hatte am Waldrand frische Spuren entdeckt. Außerdem hatte eine Wildkamera, die zur Beobachtung der Tierbewegungen aufgestellt worden war, einen großen grauen Wolf aufgenommen.
Auf dem Bild war das Tier nur teilweise zu sehen. Doch die Haltung seiner Hinterbeine ließ vermuten, dass es sich von den Verletzungen erholte.
„Er scheint sich wieder zu bewegen“, erklärte Martin. „Das ist ein gutes Zeichen. Mehr können wir im Moment nicht mit Sicherheit sagen.“
Emil betrachtete das Bild.
Der Wolf stand zwischen zwei Birken, den Kopf leicht zur Seite gedreht. Sein Fell war heller, als Emil es in Erinnerung hatte, und sein Körper wirkte noch immer schmal.
Aber er stand.
Er war auf seinen eigenen Beinen.
„Kann ich ihn sehen?“, fragte Emil.
„Nicht, indem du ihn suchst“, antwortete Martin. „Wenn du ihn zufällig aus sicherer Entfernung bemerkst, bleibst du ruhig, hältst Abstand und lässt ihn seinen Weg gehen. Wir werden ihn nicht an Menschen gewöhnen, nur weil wir uns wünschen, dass er uns vertraut.“
Emil nickte.
Er verstand.
Und trotzdem ging er am nächsten Nachmittag mit seinem Vater am Rand des Birkenfeldes spazieren. Nicht, um den Wolf zu finden, sagten sie sich. Sie wollten nur frische Luft schnappen.
Zumindest war das die Erklärung, die sie einander gaben.
Der Wald roch nach feuchter Rinde und Moos. Das Licht fiel in langen Streifen zwischen den Stämmen hindurch. Irgendwo klopfte ein Specht, und weiter hinten knackte ein Ast.
Emil ging neben seinem Vater her.
Sie redeten über die Schule, über den kaputten Wasserhahn im Badezimmer und darüber, ob sie am Wochenende die alte Gartenbank reparieren sollten.
Es waren gewöhnliche Dinge.
Vielleicht waren gerade deshalb so wertvoll.
Als sie den schmalen Weg erreichten, der zum verlassenen Bahnübergang führte, blieb Emil plötzlich stehen.
Zwischen den Bäumen hatte sich etwas bewegt.
Er hob die Hand, um seinen Vater darauf aufmerksam zu machen.
Dann sah er ihn.
Der Wolf stand am Rand einer kleinen Lichtung.
Er war größer, als Emil ihn in Erinnerung hatte. Oder vielleicht wirkte er nur größer, weil er jetzt aufrecht stand, ohne Draht um seine Beine und ohne den Schmerz, der ihn damals auf die Schienen gezwungen hatte.
Sein graues Fell hob sich deutlich vom dunklen Wald ab.
Seine Augen waren bernsteinfarben.
Emil spürte, wie sein Herz schneller schlug, aber er machte keinen Schritt nach vorn.
Sein Vater blieb neben ihm stehen.
„Ist das der Wolf?“, flüsterte er.
Emil nickte.
Der Wolf bewegte die Ohren.
Für einige Sekunden standen sie einander gegenüber – ein Junge, ein Mann und ein Tier, getrennt durch eine Lichtung und eine Grenze, die keiner von ihnen überschreiten musste.
Emil wollte etwas sagen.
Vielleicht wollte er sich bedanken. Vielleicht wollte er dem Wolf erklären, dass er sich oft gefragt hatte, ob er überlebt hatte. Vielleicht wollte er einfach nur hören, wie seine eigene Stimme in diesem stillen Wald klang.
Doch er sagte nichts.
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