Bis zu jenem Donnerstag.

### Die Spuren im Garten

Es hatte die ganze Nacht geregnet.

Am Morgen war der Garten hinter dem Haus mit einer dünnen Schicht Wasser bedeckt. Emil stand in der Küche und schmierte sich ein Brot, als er durch das Fenster etwas am Zaun bemerkte.

Zuerst dachte er, es sei ein Schatten.

Dann sah er die Abdrücke im aufgeweichten Boden.

Große Pfotenabdrücke.

Sie führten vom hinteren Zaun bis zu der alten Eiche, die am Rand des Grundstücks stand. Dort endeten sie plötzlich, als hätte das Tier den Boden verlassen und wäre in die Luft verschwunden.

Emil stellte sein Brot ab.

Er zog sich die Jacke über, ging nach draußen und kniete sich neben die Spuren.

Die Abdrücke waren frisch.

Sehr frisch.

Er berührte die Erde am Rand eines Abdrucks. Sie war noch feucht, und in der Mitte stand ein kleiner Tropfen Regenwasser.

Dann entdeckte er etwas anderes.

An einem niedrigen Ast der Eiche hing ein Büschel grauer Haare.

Emil nahm es vorsichtig zwischen zwei Finger.

Sein Herz schlug schneller.

„Du bist es“, flüsterte er.

Er blickte zum Wald hinüber. Die Bäume standen still unter dem grauen Himmel, und zwischen ihren Stämmen lag ein Nebelstreifen, der sich kaum bewegte.

Natürlich konnte er sich irren. Graue Haare allein waren kein Beweis. Vielleicht war es ein anderer Wolf, vielleicht hatte das Tier nur zufällig den Garten durchquert.

Aber Emil erinnerte sich an die Verletzungen, an den Draht und an den Moment, in dem der Wolf sich im Gras aufgerichtet hatte.

Er erinnerte sich vor allem daran, wie er ihn angesehen hatte, bevor er verschwand.

Emil schloss die Finger um das Büschel und steckte es in seine Jackentasche.

Dann hörte er hinter sich eine Stimme.

„Was machst du da?“

Sein Vater stand in der offenen Küchentür.

Emil drehte sich um.

„Nichts.“

Sein Vater sah auf den Boden. Dann auf den Ast. Dann wieder auf Emil.

Früher hätte er vielleicht einfach genickt und wäre ins Haus zurückgegangen. Doch diesmal blieb er stehen.

„Das sieht nach einer ziemlich großen Spur aus.“

Emil schwieg.

„War das ein Wolf?“

Die Frage klang nicht wütend. Nur vorsichtig.

Emil nickte.

Sein Vater betrachtete ihn eine Weile.

„Und du glaubst, es ist derselbe?“

„Ich weiß es nicht.“

Das war die Wahrheit.

Sein Vater zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und trat in den Garten. Er kniete sich neben Emil, wobei seine Knie in der nassen Erde landeten.

Eine ganze Weile untersuchten sie gemeinsam die Spuren.

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie etwas zusammen taten, ohne dass einer von ihnen so tat, als müsste er eigentlich woanders sein.

Schließlich richtete sich sein Vater auf.

„Wir sollten den Wildhüter informieren“, sagte er. „Wenn der Wolf verletzt war, muss jemand prüfen, ob er sich richtig erholt hat. Und wir sollten ihn nicht füttern oder versuchen, ihn anzulocken.“

Emil nickte langsam.

„Ich weiß.“

Sein Vater sah ihn überrascht an.

„Du weißt das?“

„Ich habe ihn nicht gefüttert. Damals. Ich habe ihm nur mein Sandwich hingelegt.“

Zum ersten Mal seit Tagen bewegte sich etwas wie ein Lächeln über das Gesicht seines Vaters.

„Natürlich hast du das.“

Es war kein großes Lächeln. Es dauerte kaum länger als einen Atemzug.

Aber Emil bemerkte es.

Und für einen Moment fühlte sich der Garten nicht mehr ganz so kalt an.

### Ein Geräusch im Wald

Der Wildhüter kam noch am selben Nachmittag.

Er hieß Martin Keller, war ein breitschultriger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und sprach mit der ruhigen Stimme eines Menschen, der gelernt hatte, dass Tiere sich nicht beeindrucken ließen, nur weil man selbst es eilig hatte.

Er untersuchte die Spuren und hörte sich Emils Geschichte an.

„Wenn es tatsächlich derselbe Wolf ist, wäre das interessant“, sagte er schließlich. „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein wildes Tier kein Haustier ist. Es kann sich erholen und trotzdem Abstand zu Menschen brauchen.“

„Ich will ihn nicht behalten“, antwortete Emil.

Martin sah ihn an.

„Das habe ich auch nicht gesagt.“

„Ich will nur wissen, ob es ihm gut geht.“

Der Wildhüter nickte langsam.

„Das verstehe ich.“

Er erklärte, dass er in den nächsten Tagen die Gegend beobachten würde. Falls der Wolf erneut gesehen wurde oder Anzeichen einer Verletzung zeigte, könne er die Situation besser einschätzen. Emil sollte sich dem Tier nicht nähern und es niemals verfolgen.

Emil versprach es.

Er meinte es ernst.

Doch in der folgenden Nacht träumte er von den alten Schienen.

Im Traum lag der Wolf wieder im Nebel. Der Draht war verschwunden, aber seine Hinterbeine bewegten sich nicht. Emil stand zehn Meter entfernt und konnte sich nicht von der Stelle rühren.

Dann ertönte das Horn.

Der Wolf hob den Kopf.

Und diesmal war es Emil, der nicht atmen konnte.

Er wachte auf, bevor der Zug die Stelle erreichte.

Sein Zimmer war dunkel. Regen klopfte gegen das Fenster, und auf dem Flur hörte er die Dielen knarren.