Sebastián lachte bitter.
„Sie ist meine Frau. Das weiß ich besser als du.“
„Ihre Familie hat uns belogen.“
„Welche Lüge?“
Matilde antwortete nicht.
Er trat näher.
„Warum hast du so reagiert, als sie den Namen Jacinta Villaseñor erwähnte?“
Bei diesem Namen schloss Matilde kurz die Augen.
„Wo ist der Schal?“, fragte sie plötzlich.
„Bei Elena.“
„Du musst ihn verbrennen.“
Sebastián starrte sie an.
„Was hast du gerade gesagt?“
„Gib mir den Schal.“
„Nein.“
Für einen Moment schien die alte Frau nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Dann setzte sie sich langsam wieder hin.
„Es gibt Dinge, Sebastián, die besser begraben bleiben.“
„Nicht mehr.“
Er verließ das Arbeitszimmer und ging direkt zum Dachboden, wo alte Dokumente, Möbel und persönliche Gegenstände der verstorbenen Familienmitglieder aufbewahrt wurden.
Er erinnerte sich daran, dass sein Vater eine große Truhe besessen hatte, die seit dessen Tod nicht mehr geöffnet worden war.
Der Schlüssel hing noch immer an einem Haken im Flur.
Die Truhe stand unter einem schrägen Fenster. Als Sebastián den Deckel anhob, stieg ihm der Geruch von altem Holz und vergilbtem Papier entgegen.
Darin lagen Geschäftsbücher, Fotografien, Briefe und mehrere Bündel mit Seidenbändern.
Unter einem Stapel Dokumente entdeckte er einen Briefumschlag, auf dem in verblasster Tinte ein Name geschrieben stand:
**Jacinta Villaseñor.**
Seine Finger wurden kalt.
Er öffnete den Umschlag vorsichtig.
Der Brief war viele Jahre alt. Die Handschrift gehörte seinem Vater, Don Esteban Valdivia.
> *Jacinta, ich habe versprochen, für deine Tochter und das Kind zu sorgen. Ich werde dieses Versprechen halten, auch wenn Matilde niemals zustimmen wird. Was damals geschehen ist, war nicht deine Schuld.*
Sebastián las die Zeilen zweimal.
Dann griff er nach einem weiteren Dokument.
Es war eine alte Geburtsurkunde.
Der Name der Mutter war teilweise verblasst, doch der Name des Vaters war deutlich lesbar.
Esteban Valdivia.
Sebastián setzte sich auf die hölzerne Truhe.
Sein Vater hatte eine Tochter gehabt.
Eine Tochter, von der Sebastián niemals gehört hatte.
Er durchsuchte die übrigen Papiere, bis er ein kleines, in Stoff gewickeltes Foto fand. Darauf standen zwei junge Frauen vor einem Haus, das er nicht kannte. Eine davon war Jacinta Villaseñor. Die andere ähnelte Elena so sehr, dass Sebastián für einen Augenblick den Atem anhielt.
Auf der Rückseite stand:
*Jacinta und Isabel. Für die Zukunft, die wir ihnen schulden.*
Isabel.
Der Name sagte ihm nichts.
Doch jetzt verstand er, weshalb seine Mutter so erschrocken gewesen war.
Elena war nicht nur die Enkelin einer Frau, die Matilde nicht ausstehen konnte.
Sie gehörte zu einer Geschichte, die seine Familie über Generationen hinweg verborgen hatte.
—
## Die Wahrheit, die Doña Matilde nie erzählen wollte
Sebastián fand seine Mutter im kleinen Salon. Vor ihr stand eine unberührte Tasse Tee.
Er legte den Brief seines Vaters auf den Tisch.
„Wer war Isabel?“
Matilde blickte auf das Papier und wurde still.
„Du hast auf dem Dachboden gesucht.“
„Wer war sie?“
Die alte Frau schloss die Augen.
„Dein Vater war jung, als er Jacinta kennenlernte. Ihre Familie besaß damals ein kleines Stück Land an der Grenze unseres Anwesens. Sie waren nicht reich, aber sie waren anständig und stolz.“
„Und Isabel?“
„Sie war seine Tochter.“
Sebastián lehnte sich gegen den Tisch.
„Du wusstest davon.“
„Ja.“
„Und du hast dafür gesorgt, dass niemand darüber sprach.“
Matilde hob das Kinn.
„Ich hatte gerade erst in diese Familie eingeheiratet. Ich war schwanger mit deinem älteren Bruder. Dein Vater behauptete, die Angelegenheit sei erledigt. Er sagte, er habe seine Verantwortung übernommen.“
„Was ist mit Isabel geschehen?“
„Jacinta zog mit ihrer Tochter fort.“
„Warum?“
Matilde schwieg so lange, dass Sebastián glaubte, sie würde ihm wieder keine Antwort geben.
Dann sagte sie: „Weil ich ihr Geld angeboten habe, damit sie verschwindet.“
Er wich einen Schritt zurück.
„Du hast sie bezahlt, um die Tochter meines Vaters aus seinem Leben zu entfernen?“
„Ich wollte meine Familie schützen!“
„Deine Familie? Oder deinen Stolz?“
Matildes Gesicht verhärtete sich.
„Du warst damals noch nicht geboren. Du weißt nicht, wie es war, eine Ehe zu führen, in der dein Mann eine andere Frau geliebt hatte.“
„Und deshalb hast du Elena bestraft?“
„Als ich hörte, dass du eine Villaseñor heiraten wolltest, dachte ich, es sei ein Zufall. Ich wollte nicht, dass diese alte Geschichte wieder ans Licht kommt.“
„Du hast meine Frau acht Monate lang leiden lassen, weil du Angst hattest, dass sie etwas über deine Vergangenheit herausfinden könnte.“
Matilde stand auf.
„Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht. Wenn die Leute erfahren, dass dein Großvater eine uneheliche Tochter hatte, werden sie über unsere Familie reden. Vielleicht werden sie sogar Ansprüche auf Land erheben.“
Sebastián schüttelte fassungslos den Kopf.
„Elena hat nie etwas von unserem Land verlangt. Sie wollte nur, dass ich bei ihr bin.“
„Du bist der Gutsherr, Sebastián. Du musst an die Zukunft denken.“
„Genau das tue ich.“
Er nahm den alten Brief vom Tisch.
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