# Teil 2:
In jener Nacht konnte Sebastián Valdivia nicht schlafen.
Der Wind strich über die Dächer von Los Laureles, während draußen die Pferde unruhig in ihren Ställen scharrten. Neben ihm lag Elena, die Hände auf ihrem schwangeren Bauch gefaltet. Selbst im Schlaf schien sie angespannt, als erwarte sie jeden Augenblick, dass jemand die Tür öffnete und ihr befahl, das Haus zu verlassen.
Sebastián betrachtete sie lange.
Er kannte seine Frau als eine sanfte, aber willensstarke Frau. Als er sie geheiratet hatte, hatte seine Mutter wochenlang geschwiegen. Doña Matilde hatte Elena nie offen als Schwiegertochter anerkannt. Sie hatte behauptet, die Tochter einer verarmten Familie sei nicht würdig, den Namen Valdivia zu tragen.
Sebastián hatte diese Bemerkungen für gewöhnlichen Hochmut gehalten.
Jetzt wusste er, dass es schlimmer gewesen war.
„Elena“, flüsterte er.
Sie öffnete die Augen.
„Du bist noch wach?“
„Ich möchte, dass du mir alles erzählst. Von Anfang an. Auch das, von dem du glaubst, dass es mich verletzen könnte.“
Elena setzte sich langsam auf. Sebastián half ihr, die Kissen hinter ihrem Rücken zurechtzurücken.
Eine Weile schwieg sie, dann begann sie zu erzählen.
Am Morgen nach seiner Abreise hatte Doña Matilde ihr mitgeteilt, dass eine Frau wie sie nicht länger im Hauptgebäude wohnen dürfe. Elena solle in den hinteren Teil des Hauses ziehen, wo früher die Bediensteten ihre Sachen aufbewahrt hatten.
Elena hatte sich geweigert, Streit anzufangen. Sie glaubte, die Spannungen würden nachlassen, wenn sie sich ruhig verhielt.
Doch es wurde schlimmer.
Doña Matilde ließ ihr Essen erst servieren, nachdem die anderen bereits gegessen hatten. Sie kritisierte ihre Kleidung, ihre Herkunft und sogar die Art, wie sie ihren ungeborenen Sohn ansprach.
Wenn Elena nach Sebastián fragte, antwortete seine Mutter, ihr Sohn sei mit wichtigeren Dingen beschäftigt.
Einmal hatte Doña Matilde sogar behauptet, Sebastián werde sich nach der Geburt des Kindes von Elena trennen.
„Sie sagte, du würdest mich nicht mehr brauchen, sobald du einen Erben hättest“, erzählte Elena. „Und wenn das Kind ein Mädchen wäre, würde ich ohnehin bald aus diesem Haus verschwinden.“
Sebastián ballte die Hände.
„Warum hast du mir nichts geschrieben?“
Elena sah ihn an, und in ihren Augen lag keine Wut, sondern tiefe Müdigkeit.
„Ich habe geschrieben. Dreimal.“
Er erstarrte.
„Was?“
„Ich habe dir Briefe geschickt. Ich habe dich gebeten, früher zurückzukommen. Aber es kam nie eine Antwort.“
Sebastián stand auf und ging zum Schreibtisch. Dort lagen die Briefe, die er während seiner Reise erhalten hatte, sorgfältig nach Datum geordnet. Er hatte sie nach seiner Rückkehr noch nicht durchgesehen.
Er zog die unterste Schublade auf und fand einen Umschlag mit Elenas Handschrift.
Dann einen zweiten.
Und einen dritten.
Alle waren geöffnet worden.
Auf keinem stand seine Antwort.
„Wer hat sie dir weggenommen?“, fragte er mit gepresster Stimme.
Elena senkte den Blick.
„Deine Mutter sagte, sie würde deine Post verwalten, solange du unterwegs bist. Ich dachte, sie würde dir meine Briefe weitergeben.“
Sebastián konnte kaum glauben, was er hörte.
Er hatte seiner Mutter die Verwaltung des Anwesens anvertraut, während er geschäftlich in der Provinz unterwegs war. Doch niemals hatte er ihr erlaubt, seine persönliche Korrespondenz zu kontrollieren.
Er kehrte zum Bett zurück und nahm Elenas Hände.
„Ich hätte hier sein müssen.“
„Du konntest nicht wissen, was sie tat.“
„Ich hätte es wissen müssen.“
Elena drückte seine Finger.
„Ich wollte nicht, dass du dich zwischen deiner Mutter und mir entscheiden musst.“
Sebastián sah sie lange an.
„Du bist meine Frau. Und dieses Kind ist meine Verantwortung. Du hättest niemals darum kämpfen müssen, in deinem eigenen Zuhause sicher zu sein.“
In diesem Moment bewegte sich das Baby unter Elenas Hand.
Sie lächelte schwach.
Sebastián legte vorsichtig seine Hand auf ihren Bauch. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr spürte er, wie sich seine Wut in etwas anderes verwandelte: in die feste Entschlossenheit, seine Familie zu schützen.
Doch dann erinnerte er sich an das Gesicht seiner Mutter, als Elena den Namen ihrer Großmutter genannt hatte.
Jacinta Villaseñor.
Warum hatte dieser Name eine solche Reaktion ausgelöst?
Und weshalb hatte Doña Matilde ausgerechnet bei dem bestickten Schal jede Farbe verloren?
Am nächsten Morgen würde er Antworten verlangen.
—
## Die Truhe auf dem Dachboden
Kurz nach Sonnenaufgang ging Sebastián in das Arbeitszimmer seiner Mutter.
Doña Matilde saß bereits an ihrem Schreibtisch und prüfte die Bücher des Gutes. Als er eintrat, hob sie den Kopf, als hätte sie ihn erwartet.
„Du solltest dich um deine Geschäfte kümmern“, sagte sie kühl.
„Ich habe mich zehn Jahre lang um meine Geschäfte gekümmert. Währenddessen hast du meine Frau gedemütigt und ihre Briefe abgefangen.“
Matilde legte den Federhalter nieder.
„Ich habe getan, was notwendig war, um den Ruf dieser Familie zu schützen.“
„Vor was? Vor einer Frau, die meinen Namen trägt? Vor deinem eigenen Enkel?“
„Du verstehst die Dinge nicht.“
„Dann erkläre sie mir.“
Seine Mutter stand auf und ging zum Fenster.
„Elena ist nicht die, für die du sie hältst.“
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