Victor stand auf und sah Daniel an.

„Sie sind hier.“

Doch Daniel schüttelte den Kopf.

„Nein. Das ist nicht die Polizei, die ich erwartet habe.“

„Was soll das bedeuten?“, fragte Anna.

Daniel antwortete nicht. Er ging zum kleinen Fenster des Dachbodens und blickte hinaus.

Draußen stiegen zwei Männer aus einem schwarzen Wagen. Einer von ihnen trug einen langen Mantel. Als er sich dem Haus näherte, erkannte Victor ihn sofort.

Es war Herr Berger, der reichste und einflussreichste Mann im Dorf.

Und genau dieser Mann hatte Daniel wegen des angeblichen Diebstahls angezeigt.

„Was will er hier?“, flüsterte Anna.

Victor ballte die Hände.

„Er will verhindern, dass Daniel die Wahrheit erzählt.“

In diesem Augenblick ertönte erneut ein lautes Klopfen.

„Victor! Ich weiß, dass du zu Hause bist! Mach die Tür auf!“, rief Berger.

Anna sah ihren Mann an.

„Was hat dieser Mann wirklich mit Daniel zu tun?“

Victor schwieg zunächst. Dann holte er tief Luft.

„Berger war damals für den Tod meines Bruders verantwortlich. Daniel hat Beweise dafür gefunden. Deshalb musste er verschwinden.“

Anna wurde kreidebleich.

„Du hast mir nie etwas davon erzählt.“

„Weil ich dich schützen wollte. Ich dachte, die Vergangenheit wäre längst vorbei. Ich wollte nicht, dass du mit etwas belastet wirst, das schon so viele Jahre zurückliegt.“

„Aber jetzt steht dieser Mann vor unserer Haustür!“

Victor wollte antworten, doch plötzlich ertönte draußen eine zweite Stimme.

„Herr Berger? Treten Sie bitte einen Schritt zurück!“

Blaulicht erhellte die Fenster der Scheune.

Mehrere Polizeifahrzeuge waren vorgefahren.

Berger erstarrte.

Ein Ermittler stieg aus einem der Wagen und hielt ein Dokument in der Hand. Zwei weitere Beamte begleiteten ihn.

„Herr Berger“, sagte der Ermittler laut, „wir haben neue Beweise erhalten. Und wir wissen inzwischen, dass die bisherige Darstellung des angeblichen Diebstahls möglicherweise nicht der Wahrheit entspricht.“

Berger versuchte zu lächeln.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich habe selbst Anzeige erstattet.“

„Das wissen wir“, antwortete der Ermittler. „Genau deshalb müssen wir Ihnen einige Fragen stellen.“

Daniel schloss die Augen.

Victor nahm seine Hand.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren standen die beiden Männer wieder Seite an Seite.

Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Der Ermittler blickte nicht zu Berger.

Er blickte direkt zu Anna.

„Frau Anna, wir müssen Sie ebenfalls etwas fragen. Haben Sie heute eine Nachricht von Ihrem Mann erhalten, bevor er angeblich nach Hause zurückkehrte?“

Anna runzelte die Stirn.

„Nein. Warum sollte ich? Victor ist doch gerade erst angekommen.“

Der Ermittler öffnete eine Mappe und zeigte ihr ein Foto.

Darauf war eine Nachricht zu sehen, die angeblich von ihrem eigenen Telefon gesendet worden war.

Anna beugte sich näher heran.

Sie las die Worte einmal.

Dann ein zweites Mal.

Ihr wurde schwindelig.

Die Nachricht lautete:

**„Daniel ist bei mir. Er hat die Unterlagen nicht mehr. Wenn Sie ihn finden wollen, kommen Sie heute Nacht allein.“**

Anna starrte auf das Foto.

„Das habe ich niemals geschrieben! Ich wusste bis heute Nachmittag nicht einmal, wer Daniel ist!“

Der Ermittler nickte ernst.

„Wir haben keinen Grund, Ihnen diese Nachricht zuzuschreiben. Aber jemand hat offenbar versucht, Sie in die Angelegenheit hineinzuziehen.“

Victor sah seine Frau entsetzt an.

„Wer könnte so etwas tun?“

Der Ermittler antwortete zunächst nicht. Er zeigte ihnen lediglich, dass die Nachricht von einer Nummer versendet worden war, die mit einem weiteren Telefon in Verbindung stand.

Und diese Nummer führte zu einer Person, die Berger sehr nahestand.

Plötzlich verstand Anna, dass jemand nicht nur Daniel in eine Falle gelockt hatte.

Jemand hatte auch ihr Haus, ihre Ehe und ihr ganzes Leben in diese Geschichte hineingezogen.

„Was passiert jetzt?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Wir werden alle Beteiligten befragen“, erklärte der Ermittler. „Außerdem müssen wir herausfinden, wo sich die ursprünglichen Dokumente befinden. Daniel behauptet, dass sie den entscheidenden Beweis enthalten.“

Berger stand noch immer vor dem Haus. Sein Gesichtsausdruck hatte sich inzwischen deutlich verändert.

Er sah nicht mehr wie ein selbstsicherer Geschäftsmann aus.

Er wirkte wie jemand, der gerade begriffen hatte, dass seine sorgfältig aufgebaute Geschichte auseinanderzubrechen begann.

Doch bevor die Beamten ihn weiter befragen konnten, trat Daniel aus der Scheune.

„Warten Sie“, sagte er.

Alle drehten sich zu ihm um.

Daniel blickte direkt zu Berger.

„Sie können noch so viele Geschichten erzählen. Aber Sie haben eines vergessen.“

Berger antwortete nicht.

Daniel zog langsam das alte Foto aus seiner Tasche und drehte es um.

Auf der Rückseite stand eine handgeschriebene Nachricht, die Victor seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Als Victor die Worte las, begann er erneut zu weinen.

„Woher hast du das?“, fragte er mit brüchiger Stimme.

Daniel sah ihn an.

„Dein Bruder hat es mir am Tag vor seinem Tod gegeben. Er sagte, ich solle es dir erst zeigen, wenn ich den richtigen Beweis gefunden hätte.“

Victor nahm das Foto mit zitternden Händen.

Dann flüsterte Daniel:

„Victor, dein Bruder wusste damals, dass ihm jemand eine Falle stellen wollte. Und er wusste auch, wer dahintersteckte.“