Seine Taschenlampe glitt ihm beinahe aus der Hand. Er machte einen Schritt zurück, als hätte er gerade einen Menschen gesehen, den er seit vielen Jahren für unerreichbar gehalten hatte.

„Nein … das kann nicht sein“, flüsterte er.

Anna blickte zwischen den beiden Männern hin und her.

„Victor? Kennst du ihn?“

Ihr Mann antwortete nicht.

Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er starrte den Fremden an, als müsse er sich erst davon überzeugen, dass er nicht träumte.

Der Mann erhob sich mühsam.

„Es tut mir leid“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Ich wusste nicht, dass du hier wohnst. Ich hätte niemals gedacht, dass ich ausgerechnet bei dir landen würde.“

Victor schluckte schwer.

„Daniel? Bist du das wirklich?“

Der Fremde nickte.

In diesem Augenblick brach Victor völlig zusammen. Er setzte sich auf eine alte Holzkiste und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

„Zwanzig Jahre“, brachte er hervor. „Zwanzig Jahre habe ich geglaubt, dich nie wiederzusehen.“

Anna verstand überhaupt nichts mehr.

„Bitte, erklärt mir endlich, was hier vor sich geht! Wer ist dieser Mann? Warum weinst du, Victor?“

Victor wischte sich über die Augen und sah seine Frau an.

Dann sagte er einen Satz, der Anna den Boden unter den Füßen wegzog:

„Dieser Mann ist nicht derjenige, für den ihn das ganze Dorf hält.“

Anna sah Daniel ungläubig an.

„Aber die Polizei sucht ihn! Überall hängen seine Fotos! Im Dorf erzählen alle, dass er gefährlich ist!“

„Ich weiß“, antwortete Victor. „Aber niemand kennt die ganze Geschichte.“

Daniel griff langsam in seine Jackentasche und zog ein altes, zerknittertes Foto hervor. Das Papier war an den Rändern vergilbt, und auf der Rückseite waren einige handgeschriebene Worte zu erkennen.

Er reichte es Victor.

Auf dem Bild standen zwei junge Männer vor einem kleinen Haus. Einer davon war Victor. Der andere war eindeutig der Fremde.

Anna nahm das Foto und betrachtete es lange.

„Das seid ihr? Woher kennt ihr euch?“

Victor atmete tief ein.

„Vor zwanzig Jahren waren wir wie Brüder. Sein Name ist Daniel. Wir sind gemeinsam aufgewachsen. Unsere Familien kannten sich, wir verbrachten fast jeden Tag zusammen. Als meine Familie damals alles verlor, war Daniel der einzige Mensch, der mir geholfen hat.“

Er machte eine kurze Pause.

„Er hat mir damals sogar das Leben gerettet. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn niemals vergessen werde.“

Daniel schüttelte traurig den Kopf.

„Du musst mir nichts versprechen. Ich bin nicht hierhergekommen, um etwas von dir zu verlangen.“

Anna verschränkte die Arme.

„Dann erkläre mir bitte, warum du gesucht wirst.“

Daniel senkte den Blick.

„Weil man mich für etwas verantwortlich macht, das ich nicht getan habe.“

Victor übernahm die Erklärung.

Vor einigen Tagen war Daniel beschuldigt worden, einen wertvollen Gegenstand aus dem Haus eines wohlhabenden Geschäftsmannes gestohlen zu haben. Der Mann hieß Berger und galt als einer der einflussreichsten Menschen der Gegend.

Kurz nachdem die Anschuldigung öffentlich geworden war, hatte die Polizei nach Daniel gesucht. Sein Name war im ganzen Dorf Gesprächsthema geworden. Einige behaupteten, er sei schon lange in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen. Andere erzählten, er habe Berger bedroht.

Doch Daniel bestritt alles.

„Ich war an diesem Abend nicht einmal in seinem Haus“, erklärte er. „Ich wollte Berger etwas übergeben. Etwas, das er unbedingt zurückhaben wollte. Als ich dort ankam, war bereits alles vorbereitet. Kurz darauf wurde ich beschuldigt, den Gegenstand gestohlen zu haben.“

„Was war dieser Gegenstand?“, fragte Anna.

Daniel blickte Victor an.

„Ein Dokument. Ein Dokument, das beweist, dass Berger vor vielen Jahren etwas getan hat, das niemals ans Licht kommen sollte.“

Victor schloss kurz die Augen.

„Es geht um meinen Bruder.“

Anna hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.

Victor erzählte, dass sein Bruder vor vielen Jahren unter Umständen ums Leben gekommen war, die nie vollständig aufgeklärt worden waren. Damals hatte Berger eine wichtige Rolle in einem geschäftlichen Streit gespielt. Daniel hatte inzwischen Hinweise gefunden, die einen Zusammenhang zwischen Berger und den damaligen Ereignissen vermuten ließen.

„Ich wollte endlich herausfinden, was wirklich passiert ist“, sagte Daniel. „Aber bevor ich die Unterlagen jemandem zeigen konnte, wurde ich selbst zum Verdächtigen gemacht.“

Anna sah von einem zum anderen.

„Und warum bist du nicht einfach zur Polizei gegangen?“

Daniel antwortete ruhig:

„Weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen konnte. Einige der Informationen, die ich weitergegeben hatte, waren plötzlich verschwunden. Und kurz darauf wurde ich beschuldigt. Ich brauchte jemanden, der mich anhört, ohne vorher schon ein Urteil gefällt zu haben.“

Anna schwieg.

Sie hatte einen Mann versteckt, den sie kaum kannte. Nun erfuhr sie, dass er mit ihrem Ehemann eine gemeinsame Vergangenheit hatte und möglicherweise der Schlüssel zu einem Geheimnis war, das seit Jahren über dieser Familie lag.

Doch bevor sie weitere Fragen stellen konnte, ertönte draußen das Geräusch eines Motors.

Ein Auto hielt direkt vor dem Haus.

Dann klopfte es laut an der Haustür.

„Polizei! Öffnen Sie sofort!“

Anna bekam kaum noch Luft.