Anna las die Nachricht noch einmal.

„Bei der Überprüfung der Dokumente ist etwas aufgetaucht, das weit über einen einfachen Übersetzungsfehler hinausgeht.“

Sie wusste nicht, ob sie antworten sollte.

Schließlich schrieb sie zurück:

„Ich habe lediglich eine Unstimmigkeit bemerkt. Wenn Sie Fragen zum Vertrag haben, wenden Sie sich bitte an die zuständigen Fachleute.“

Wenige Minuten später klingelte ihr Telefon.

Es war Andrei, der Inhaber der Hotelgruppe.

„Anna, ich möchte Sie heute in meinem Büro sprechen. Es geht um den gestrigen Abend.“

Sie zögerte.

„Bin ich in Schwierigkeiten?“

„Nein. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, wir schulden Ihnen eine Erklärung.“

### Ein Dokument, das niemand übersehen durfte

Am Nachmittag betrat Anna das Verwaltungsgebäude der Hotelgruppe.

Sie trug eine schlichte Bluse und hatte ihre Bewerbungsunterlagen dabei. Sie wollte nicht, dass jemand glaubte, sie sei nur wegen des Vorfalls gekommen.

Andrei begrüßte sie persönlich.

Neben ihm saßen zwei Anwälte und eine Frau namens Frau Berger, die für die internationalen Vertragsprüfungen verantwortlich war.

„Setzen Sie sich bitte“, sagte Andrei.

Auf dem Tisch lag eine Kopie des Vertragsentwurfs.

Frau Berger erklärte, dass die juristische Prüfung inzwischen eine weitere Unstimmigkeit ergeben habe.

In einer Sprachfassung waren bestimmte Nutzungsrechte zeitlich begrenzt. In der anderen Fassung war die entsprechende Regelung deutlich umfassender formuliert.

„Das allein beweist noch keine Absicht“, betonte sie. „Aber bei einem Geschäft dieser Größenordnung dürfen solche Unterschiede nicht einfach übergangen werden.“

Anna nickte.

„Genau das wollte ich gestern sagen.“

Andrei sah sie ernst an.

„Herr Liang behauptet, Sie hätten absichtlich versucht, die Verhandlungen zu sabotieren.“

Anna war überrascht.

„Ich habe nicht einmal die vollständigen Unterlagen gesehen.“

„Das wissen wir inzwischen.“

### Die unerwartete Zeugin

Frau Berger öffnete eine weitere Akte.

„Es gibt noch etwas. Ein Mitarbeiter aus dem Übersetzungsteam hat sich heute Morgen gemeldet.“

Sie erklärte, dass die erste Fassung des Dokuments ursprünglich anders formuliert gewesen sei. Erst bei einer späteren Überarbeitung seien mehrere Passagen verändert worden.

Der Mitarbeiter hatte die Änderung dokumentiert und eine Rückfrage gestellt.

Eine eindeutige Erklärung dafür hatte er jedoch nicht erhalten.

„Wir werden jetzt prüfen, wer die Änderungen freigegeben hat“, sagte Frau Berger.

Andrei lehnte sich zurück.

„Wenn sich herausstellt, dass jemand bewusst versucht hat, die Vertragsbedingungen zu verändern, wird es Konsequenzen geben.“

Anna schwieg.

Sie wollte keine voreiligen Anschuldigungen.

Doch plötzlich verstand sie, weshalb Liang am Abend zuvor so wütend geworden war.

Vielleicht hatte er nicht nur seine Überheblichkeit verloren.

Vielleicht hatte er Angst vor einer genauen Prüfung.

### Ein Angebot für Anna

Nach dem Gespräch bat Andrei die anderen, den Raum kurz zu verlassen.

„Ich möchte Ihnen etwas anbieten“, sagte er.

Anna sah ihn aufmerksam an.

„Unsere internationale Abteilung braucht Unterstützung bei der Kommunikation mit Geschäftspartnern. Ihre Sprachkenntnisse und Ihr Studium könnten dafür interessant sein.“

Er legte eine Stellenbeschreibung auf den Tisch.

Es handelte sich um eine Einstiegsposition mit Weiterbildungsmöglichkeiten.

Anna überflog das Dokument.

„Ich habe allerdings zwei Jahre nicht in meinem Studienfach gearbeitet.“

„Das ist kein Ausschlussgrund“, antwortete Andrei. „Wir werden Ihre Kenntnisse ganz normal prüfen. Niemand erwartet, dass Sie vom ersten Tag an alles können.“

Anna sah auf die Unterlagen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich ihre Ausbildung nicht wie ein unerreichbarer Traum an.

„Ich möchte darüber nachdenken“, sagte sie.

„Natürlich. Und wegen Ihrer Mutter können wir gemeinsam prüfen, welche Arbeitszeiten möglich sind.“

Anna bedankte sich.

Doch bevor sie das Büro verlassen konnte, öffnete sich die Tür.

Liang Wei trat ein.

### Die Begegnung mit Liang

Er trug einen dunklen Anzug und wirkte deutlich weniger gelassen als am Vorabend.

Als er Anna sah, blieb er kurz stehen.

„Sie also“, sagte er.

Andrei erhob sich.

„Herr Liang, dieses Gespräch ist nicht unangemeldet.“

„Ich bin Geschäftspartner dieses Hauses.“

„Und Anna ist eine Mitarbeiterin, die gestern von Ihnen respektlos behandelt wurde.“

Liang ignorierte den Einwand.

Er sah Anna direkt an.

„Sie sollten sich aus Angelegenheiten heraushalten, die Sie nicht verstehen.“

Anna antwortete ruhig:

„Ich habe keine Entscheidung über Ihren Vertrag getroffen. Ich habe lediglich auf eine Unstimmigkeit hingewiesen.“

„Sie hätten schweigen können.“

„Vielleicht. Aber dann hätte niemand die Frage gestellt, ob die beiden Fassungen übereinstimmen.“

Frau Berger trat hinzu.

„Herr Liang, wir möchten Sie bitten, ausschließlich mit den zuständigen Anwälten über die Vertragsprüfung zu sprechen.“

Liang wandte sich scharf zu ihr.

„Sie machen aus einem kleinen Fehler eine Katastrophe.“

„Nein“, sagte Frau Berger. „Wir prüfen einen Vertrag über 620 Millionen Euro. Das ist unsere Pflicht.“

### Die Aufnahme aus dem Restaurant

Andrei legte ein Tablet auf den Tisch.

„Bevor wir über den Vertrag sprechen, müssen wir noch einen anderen Vorfall klären.“

Er startete eine Aufnahme aus dem Restaurant.

Man sah, wie Anna mit einem Tablett an den Tisch trat. Man sah, wie Liang nach dem Weinglas griff und es in ihre Richtung stieß.

Anschließend waren seine spöttischen Gesten und die Reaktionen der anderen Gäste zu erkennen.

Liang blickte auf den Bildschirm.

„Das war ein Missgeschick.“