Im gemeinsamen Arbeitszimmer fand sie einen Ordner mit alten Rechnungen, Arztbriefen und Versicherungsunterlagen.
Zwischen zwei Dokumenten steckte ein gefalteter Zettel.
Darauf stand der Name einer Apotheke und ein Datum, das wenige Tage vor der auffälligen Änderung lag.
Sofia runzelte die Stirn.
Sie erinnerte sich nicht daran, diese Apotheke besucht zu haben.
Als sie den Zettel umdrehte, entdeckte sie eine handschriftliche Notiz:
*Bitte vor dem nächsten Termin mit Dr. Weber klären.*
Darunter stand Daniels Unterschrift.
Sofia setzte sich langsam auf den Stuhl.
Der Zettel bewies nichts. Er konnte Teil einer ganz gewöhnlichen Rückfrage gewesen sein. Doch er zeigte, dass Daniel von einer offenen Frage zu ihrer Behandlung gewusst hatte.
Warum hatte er ihr nichts davon erzählt?
Sie fotografierte das Dokument und legte es wieder an seinen Platz.
Dann rief sie die Klinik an und bat darum, den Hinweis zu den Unterlagen zu nehmen.
Sie wollte Antworten.
Keine Vermutungen.
Keine Anschuldigungen.
Antworten.
—
## Argus schlägt erneut Alarm
Am nächsten Morgen ging Sofia in den Garten.
Argus stand unter dem alten Apfelbaum. Als er sie sah, kam er langsam auf sie zu und stupste sanft ihre Schulter an.
„Hallo, mein Großer“, flüsterte sie.
Sie legte eine Hand an seinen Hals.
Da hörte sie ein Auto vor dem Haus.
Daniel war früher als erwartet zurückgekehrt.
Als er ausstieg, hob Argus plötzlich den Kopf. Er scharrte mit einem Huf und stellte sich quer vor Sofia.
„Argus, ruhig“, sagte sie.
Doch der Hengst wich nicht zurück.
Daniel blieb auf der anderen Seite des Zauns stehen.
„Sofia, komm bitte ins Haus.“
Sie blickte ihn verwundert an.
„Warum?“
„Weil das Pferd unberechenbar ist. Du solltest dich nicht in seiner Nähe aufhalten.“
„Du hast mir früher immer gesagt, wie ruhig er ist.“
Daniel antwortete nicht.
Stattdessen griff er in seine Jackentasche, holte sein Handy heraus und begann, jemanden anzurufen.
Sofia beobachtete ihn.
Dann fiel ihr etwas auf.
Während er sprach, sah Daniel immer wieder zum Stall.
Nicht zu ihr.
Nicht zu Argus.
Zum Stall.
Als das Gespräch beendet war, steckte er das Handy ein und sagte, er müsse später noch einmal weg.
Sofia wartete, bis er das Haus betreten hatte.
Dann ging sie langsam zum Stall, wobei sie darauf achtete, Argus nicht zu bedrängen und genügend Abstand zu halten.
Dort bemerkte sie, dass eine Schranktür nicht richtig geschlossen war.
Im Inneren lagen Bürsten, Pflegeprodukte und alte Unterlagen. Zwischen ihnen steckte ein Umschlag mit dem Logo einer Tierklinik.
Sofia zog ihn heraus.
Darin befand sich ein Bericht über Argus’ Untersuchung aus dem vergangenen Jahr.
Die meisten Angaben waren gewöhnlich. Doch auf der letzten Seite stand eine handschriftliche Notiz des Tierarztes:
*Das Tier zeigt seit einiger Zeit eine ausgeprägte Unruhe in Gegenwart einer bestimmten Person. Weitere Beobachtungen empfohlen. Keine eindeutige Ursache festgestellt.*
Der Name der betreffenden Person war nicht eingetragen.
Sofia starrte auf den Bericht.
Sie wusste nicht, ob die Notiz überhaupt etwas mit ihrer Schwangerschaft zu tun hatte. Vielleicht hatte Argus auf eine Veränderung in der Umgebung reagiert, auf Gerüche, Stress oder etwas, das niemand bemerkt hatte.
Aber sie wollte verstehen, warum die Untersuchung nie weitergeführt worden war.
Sie nahm den Bericht mit ins Haus und rief den Tierarzt an.
Als sie ihm das Datum nannte, herrschte am anderen Ende kurz Stille.
„Frau Berger“, sagte er schließlich, „ich erinnere mich an Argus. Es gab damals tatsächlich eine ungewöhnliche Beobachtung. Ihr Mann hatte mich gebeten, den Bericht zunächst nicht weiterzugeben, weil er meinte, die Situation würde sich von selbst beruhigen.“
Sofia schloss die Augen.
„Warum?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann nur erklären, was ich damals dokumentiert habe. Wenn Sie möchten, vereinbaren wir einen Termin und besprechen den Bericht vollständig.“
„Ja“, antwortete Sofia. „Das möchte ich.“
Sie legte auf.
Draußen stand Argus am Zaun und beobachtete sie.
Sofia ging zu ihm, blieb in sicherem Abstand stehen und sprach leise mit ihm.
„Ich weiß noch immer nicht, was du mir sagen wolltest“, flüsterte sie. „Aber ich werde herausfinden, was passiert ist.“
Zum ersten Mal seit ihrer Diagnose fühlte sie sich nicht vollkommen hilflos.
Sie hatte Angst. Sie machte sich Sorgen um ihr ungeborenes Kind. Und sie wusste, dass die nächsten Gespräche schwierig werden könnten.
Doch sie würde nicht länger so tun, als gäbe es keine offenen Fragen.
—
## Die Wahrheit hinter der Unterschrift
Am Nachmittag rief Dr. Weber erneut an.
Die Klinik hatte einen Teil der Dokumentation überprüft. Die auffällige Dosierungsänderung war tatsächlich nicht durch eine reguläre ärztliche Anordnung gedeckt. Es musste nun geklärt werden, wie sie in die Akte gelangt war und ob sie tatsächlich umgesetzt worden war.
Die Ärztin betonte, dass die genaue Ursache der Entwicklungsprobleme weiterhin fachlich beurteilt werden müsse. Ein Zusammenhang mit der dokumentierten Änderung war noch nicht abschließend bewiesen.
Sofia hörte aufmerksam zu.
„Was passiert jetzt?“, fragte sie.
„Wir sichern die Originalunterlagen, prüfen die Zugriffsprotokolle und informieren die zuständigen Stellen. Außerdem begleiten wir Ihre weitere Schwangerschaft engmaschig.“
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