„Herr Hartmann“, sagte der Mann schließlich, „ich muss Sie darauf hinweisen, dass Dr. Reuter die Klinik vor einigen Monaten verlassen hat.“
Alexander hielt das Telefon fester.
„Warum?“
„Es gab eine interne Untersuchung.“
„Wegen was?“
„Ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen.“
Alexander legte auf.
Nun war er sich sicher, dass Clara etwas gewusst hatte.
Und dass jemand die Wahrheit vor ihm verborgen hielt.
***
Maria versuchte unterdessen, ihre Vergangenheit aufzuklären.
Sie fuhr zu dem Krankenhaus, in dem sie ihre Tochter geboren hatte. Der Empfangsbereich war renoviert worden, und die alte Stationsleitung arbeitete nicht mehr dort.
Eine junge Mitarbeiterin prüfte Marias Unterlagen.
„Hier steht, dass Ihr Kind nach der Geburt verstorben ist“, sagte sie. „Allerdings gibt es eine Unstimmigkeit.“
Maria griff nach der Tischkante.
„Was für eine Unstimmigkeit?“
„Die Nummer auf der Todesbescheinigung stimmt nicht mit der Nummer im Geburtsregister überein.“
„Was bedeutet das?“
Die Mitarbeiterin wirkte verunsichert.
„Ich kann Ihnen keine endgültige Auskunft geben. Die Unterlagen müssen von der Archivleitung geprüft werden.“
Maria spürte, wie sich die Hoffnung und die Angst in ihr vermischten.
„Bitte“, flüsterte sie. „Ich habe acht Monate lang geglaubt, meine Tochter sei tot. Wenn es auch nur eine Möglichkeit gibt, dass sie lebt, muss ich es wissen.“
Die Mitarbeiterin sah sie mitfühlend an.
„Ich werde eine formelle Überprüfung beantragen.“
Maria verließ das Krankenhaus mit einer Kopie des Antrags in der Hand.
Draußen regnete es.
Sie stellte sich unter das Vordach und begann zu weinen.
Zum ersten Mal erlaubte sie sich, den Gedanken auszusprechen, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte:
Vielleicht hatte ihre Tochter die ganze Zeit gelebt.
Vielleicht hatte jemand sie ihr weggenommen.
***
Zwei Tage später erhielt Alexander einen Anruf vom Krankenhaus.
Die archivierten Unterlagen enthielten tatsächlich widersprüchliche Angaben. Es gab einen Vermerk über eine kurzfristige Verlegung eines Neugeborenen in eine andere Station. Die Unterschrift auf dem Formular gehörte Dr. Martin Reuter.
Alexander verlangte eine Kopie.
Als er die Dokumente las, fiel ihm auf, dass die Uhrzeit von Liams Geburt mit der Uhrzeit übereinstimmte, zu der Marias Tochter angeblich verstorben war.
Die Krankenhäuser lagen nur wenige Kilometer voneinander entfernt.
Das allein bewies nichts.
Doch die Unstimmigkeiten waren zu zahlreich, um sie zu ignorieren.
Alexander bat Maria in sein Arbeitszimmer.
Als sie eintrat, legte er die Dokumente auf den Tisch.
„Ich glaube, Sie hatten recht, mir davon zu erzählen.“
Maria sah ihn erschrocken an.
„Was haben Sie herausgefunden?“
„Es gibt Unstimmigkeiten in den Unterlagen. Ein Arzt, der sowohl mit Claras Geburt als auch mit Ihrem Fall in Verbindung steht, hat die Klinik verlassen.“
Maria hielt sich die Hand vor den Mund.
„Glauben Sie, Liam könnte …?“
Alexander hob die Hand.
„Ich will Ihnen keine falsche Hoffnung machen. Wir brauchen Beweise. Aber ich möchte herausfinden, was passiert ist.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Maria, dass sie mit ihrer Frage nicht mehr allein war.
„Was sollen wir tun?“, fragte sie.
„Einen unabhängigen DNA-Test veranlassen. Und wir müssen diesen Arzt finden.“
Maria nickte, obwohl ihre Hände zitterten.
„Wenn Liam tatsächlich meine Tochter ist, werde ich ihn niemals aus Ihrem Leben reißen wollen.“
Alexander sah sie überrascht an.
„Sie würden das nicht tun?“
„Ich weiß, dass Sie ihn lieben. Ich weiß auch, dass Sie ihn für Ihren Sohn halten. Wenn er mein Kind ist, dann möchte ich ihn kennenlernen und für ihn da sein. Aber ich möchte nicht, dass er seine Familie verliert, nur weil wir endlich die Wahrheit erfahren.“
Alexander senkte den Blick.
„Clara hätte Sie dafür bewundert.“
Maria lächelte traurig.
„Ich wünschte, ich hätte sie kennenlernen können.“
Alexander blickte zum Fenster.
„Vielleicht hat sie versucht, dafür zu sorgen, dass genau das eines Tages möglich wird.“
***
Die Ergebnisse des DNA-Tests sollten zwei Wochen später eintreffen.
Diese vierzehn Tage waren die längsten ihres Lebens.
Maria kümmerte sich weiterhin um Liam, doch nun betrachtete sie jede seiner Bewegungen mit einer Mischung aus Freude und Schmerz. Wenn er lachte, sah sie das Gesicht ihrer verstorbenen Mutter in seinem Lächeln. Wenn er einschlief, strich sie ihm vorsichtig über die Haare und fragte sich, ob sie diese Gelegenheit jemals wieder bekommen würde.
Alexander beobachtete sie oft aus der Tür.
Er hatte Maria zunächst als Angestellte betrachtet, die ihre Arbeit zuverlässig erledigte. Jetzt sah er eine Frau, die vielleicht acht Monate lang um ein Kind getrauert hatte, das niemals gestorben war.
Und er begann, sich selbst eine schwierige Frage zu stellen.
Wenn Liam nicht sein leiblicher Sohn war, würde das etwas an seiner Liebe ändern?
Die Antwort kam jedes Mal sofort.
Nein.
Liam war das Kind, das er nachts getragen, gefüttert und getröstet hatte. Er war der Junge, der ihn nach Claras Tod davon abgehalten hatte, vollständig in seiner Trauer zu versinken.
Keine Wahrheit der Welt konnte diese Liebe ungeschehen machen.
Doch er wusste auch, dass Maria ein Recht darauf hatte, ihre eigene Geschichte zu kennen.
Am vierzehnten Tag klingelte das Telefon.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



