Maria wusste, dass ein Muttermal allein nichts bewies.
Aber sie konnte die Ähnlichkeit nicht ignorieren.
Und zum ersten Mal seit acht Monaten fragte sie sich, ob ihre Tochter wirklich gestorben war.
***
Am nächsten Morgen betrat Maria die Küche, bevor die anderen Angestellten zur Arbeit kamen.
Sie hatte kaum geschlafen.
Alexander saß bereits am Tisch und trank schwarzen Kaffee. Neben ihm lag ein Stapel Geschäftsdokumente.
„Guten Morgen“, sagte sie leise.
„Guten Morgen. Liam hat endlich geschlafen. Dafür möchte ich Ihnen danken.“
Maria stellte eine Tasse Tee vor sich ab.
„Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“
Alexander sah von seinen Papieren auf.
„Das kommt darauf an.“
„Hat Liam sein Muttermal schon bei der Geburt gehabt?“
Seine Miene veränderte sich sofort.
„Warum fragen Sie das?“
Maria spürte, dass sie vorsichtig sein musste.
„Ich habe es gestern Nacht gesehen. Es ist ungewöhnlich geformt.“
Alexander legte den Stift beiseite.
„Ja. Clara sagte, es sei schon bei seiner Geburt da gewesen. Warum ist das wichtig?“
Maria schluckte.
„Ich habe vor acht Monaten ebenfalls ein Kind zur Welt gebracht. Ein Mädchen. Sie hatte ein sehr ähnliches Muttermal.“
Alexander blickte sie lange an.
„Was ist mit Ihrer Tochter geschehen?“
„Das Krankenhaus sagte, sie sei gestorben.“
Er schwieg.
Maria fuhr fort: „Ich möchte Ihnen keine Angst machen. Ich weiß, wie schrecklich das klingt. Aber ich habe das Muttermal gesehen, und ich kann nicht so tun, als hätte ich nichts bemerkt.“
Alexander stand auf.
„Sie glauben, Liam könnte Ihr Kind sein?“
„Ich weiß es nicht.“
„Mein Sohn wurde von Clara geboren.“
„Das bestreite ich nicht.“
„Meine Frau ist gestorben, als Liam zur Welt kam. Ich war bei der Geburt nicht dabei, aber ich habe die Unterlagen gesehen. Ich habe ihn nach der Entlassung selbst aus dem Krankenhaus geholt.“
Maria senkte den Kopf.
„Dann muss ich mich wohl irren.“
Doch Alexander bemerkte, wie schwer ihr diese Worte fielen.
Er ging zum Fenster und sah in den Garten.
„Clara hat mir einmal gesagt, dass sie mir etwas Wichtiges erzählen müsse. Es war wenige Tage vor ihrer Geburt. Sie wirkte verängstigt, aber als ich nachfragte, sagte sie, es gehe nur um die Krankenhausplanung.“
Er wandte sich wieder Maria zu.
„Ich habe sie nie danach gefragt. Ich dachte, es sei nichts.“
„Vielleicht hatte sie Angst.“
„Wovor?“
Maria antwortete nicht.
Denn sie selbst wusste es nicht.
***
In den folgenden Tagen begann Alexander, seine Erinnerungen an Claras letzte Wochen zu durchsuchen.
Er erinnerte sich an ihre häufigen Telefonate, die sie beendete, sobald er den Raum betrat. An die plötzlichen Besuche einer Frau, deren Namen Clara nie genannt hatte. Und an einen Umschlag, den er kurz vor Claras Tod auf ihrem Schreibtisch gesehen hatte.
Damals hatte er angenommen, es handle sich um Unterlagen für das Krankenhaus.
Jetzt wollte er wissen, was darin gestanden hatte.
Eines Abends ging er in Claras ehemaliges Arbeitszimmer. Seit ihrem Tod hatte er den Raum kaum betreten. Alles stand noch so da, wie sie es zurückgelassen hatte: die Bücher im Regal, eine halbvolle Schachtel mit Briefpapier und ein gerahmtes Hochzeitsfoto auf dem Schreibtisch.
Alexander zog die unterste Schublade auf.
Darin lag ein kleines Tagebuch.
Auf der ersten Seite stand Claras Handschrift:
*„Wenn Alexander jemals die Wahrheit erfährt, wird er mich vielleicht nie verstehen. Aber ich kann nicht zulassen, dass noch ein unschuldiges Kind dafür bezahlt.“*
Alexander setzte sich langsam.
Er blätterte weiter.
Die Einträge wurden immer kürzer, je näher Claras Geburt rückte. Einige Seiten waren herausgerissen worden. Auf einer Seite fand er einen Namen:
**Dr. Martin Reuter.**
Darunter stand eine Telefonnummer und ein Satz:
*„Er hat versprochen, dass beide Kinder sicher sein werden.“*
Alexander las den Satz wieder und wieder.
Beide Kinder?
Welche beiden Kinder?
Am Ende des Tagebuchs steckte ein gefaltetes Blatt Papier. Es war ein Entwurf für einen Brief.
*„Mein lieber Alexander, wenn du dies liest, habe ich vielleicht nicht mehr die Gelegenheit, dir alles persönlich zu erklären. Ich weiß, dass ich dir damit das Herz brechen könnte. Aber du musst wissen, dass Liam nicht das einzige Kind ist, um das ich mir Sorgen mache. Es gibt eine Mutter, die glaubt, ihr Baby verloren zu haben. Und es gibt Menschen, die alles getan haben, damit sie die Wahrheit niemals erfährt.“*
Der Brief endete abrupt.
Alexander starrte auf die leere Stelle, an der eine Unterschrift hätte stehen sollen.
Dann griff er nach seinem Telefon und rief die Klinik an, in der Liam geboren worden war.
Er verlangte die vollständigen Geburtsunterlagen.
Zunächst wurde er von einer Mitarbeiterin zur nächsten verbunden. Schließlich meldete sich der Verwaltungsleiter.
„Herr Hartmann, die Unterlagen aus diesem Zeitraum sind teilweise archiviert. Wir benötigen eine formelle Anfrage.“
„Dann stellen Sie mir bitte das Verfahren sofort bereit.“
„Natürlich. Darf ich fragen, worum es geht?“
Alexander zögerte.
„Ich glaube, dass bei der Geburt meines Sohnes möglicherweise ein schwerwiegender Fehler geschehen ist.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte plötzlich Stille.
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