„Frau Larisa? Ich würde Ihnen gern einige Fragen zum Verschwinden Ihres Ehemannes stellen.“
Sie versuchte zu lächeln.
„Natürlich. Ich habe damals bereits mit der Polizei gesprochen.“
„Das weiß ich. Wir möchten Ihre damalige Aussage mit neuen Informationen abgleichen.“
Larisa trat zur Seite und ließ ihn herein.
Der Kommissar nahm am Küchentisch Platz und öffnete eine Mappe.
„Sie haben angegeben, dass Ihr Mann das Haus freiwillig verlassen habe.“
„Ja. Wir hatten Streit. Er wollte nicht mehr mit mir zusammenleben.“
„Wie sollte er das Haus verlassen haben?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat ihm jemand geholfen.“
Der Kommissar sah sie an.
„Ihr Mann konnte sich damals nicht selbstständig fortbewegen. Stimmt das?“
„Er saß im Rollstuhl.“
„Und er benötigte regelmäßig Medikamente?“
Larisa nickte.
„Hatte er sein Telefon bei sich, als er verschwand?“
Sie zögerte.
„Das weiß ich nicht mehr.“
Der Kommissar blätterte in seinen Unterlagen.
„Bei seiner Rettung hatte er weder ein Telefon noch seine persönlichen Dokumente bei sich. Auch seine Medikamente fehlten.“
Larisa verschränkte die Hände.
„Vielleicht hat er alles verloren.“
„Das werden wir überprüfen.“
Dann legte der Kommissar ein Foto auf den Tisch.
Es zeigte einen roten Wagen auf einem Waldparkplatz.
Larisa erkannte ihr Auto sofort.
„Was soll das?“
„Ein Zeuge hat sich gemeldet. Er erinnert sich an einen roten Wagen, der an jenem Tag den Waldweg verlassen hat.“
Larisa spürte, wie ihr Mund trocken wurde.
„Viele Menschen fahren dort spazieren.“
„Das stimmt. Deshalb möchten wir wissen, ob Sie an diesem Tag dort waren.“
Sie antwortete nicht.
Der Kommissar schloss seine Mappe.
„Frau Larisa, ich rate Ihnen, bei Ihren Angaben zu bleiben, die Wahrheit aber nicht weiter zu verschweigen. Wir werden den Fall erneut untersuchen.“
Als er gegangen war, blieb Larisa lange im Flur stehen.
Sie hatte geglaubt, dass mit der Zeit alles vergessen würde.
Doch die Vergangenheit hatte gerade an ihrer Haustür geklingelt.
### Viktor bekommt einen Brief
Zur gleichen Zeit erhielt Viktor in der Klinik einen Brief.
Der Absender war seine Schwester Irina.
Sie hatte erst durch den Zeitungsartikel erfahren, dass ihr Bruder noch lebte.
*Lieber Viktor,*
*ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Ich habe monatelang geglaubt, dass du deine Familie verlassen hast. Larisa hat uns erzählt, du hättest nicht mehr bei ihr leben wollen. Ich habe ihr geglaubt, weil ich nie gedacht hätte, dass sie uns die Wahrheit verschweigt.*
*Es tut mir leid, dass ich nicht früher nach dir gesucht habe.*
*Wenn du bereit bist, möchte ich dich besuchen.*
Viktor las den Brief zweimal.
Dann bat er eine Mitarbeiterin der Klinik, ihm beim Antworten zu helfen.
Er schrieb, dass er sich über ihren Brief freue und sie gern sehen würde.
Als Irina eine Woche später ankam, blieb sie zunächst an der Tür stehen.
Ihr Bruder wirkte verändert. Er war dünner geworden, seine Haare waren grau, und in seinem Gesicht lagen Spuren einer langen, schwierigen Zeit.
„Viktor“, sagte sie leise.
Er lächelte.
„Hallo, kleine Schwester.“
Irina ging zu ihm und nahm ihn vorsichtig in die Arme.
Dann begann sie zu weinen.
„Warum hast du uns nichts gesagt?“
Viktor sah sie traurig an.
„Ich hatte kein Telefon. Und ich wusste nicht, ob überhaupt jemand nach mir suchen würde.“
Irina schüttelte den Kopf.
„Wir haben nach dir gesucht. Aber Larisa hat uns immer wieder erzählt, du hättest sie verlassen.“
Viktor senkte den Blick.
„Ich wollte niemandem zur Last fallen.“
„Du bist mein Bruder. Du bist niemals eine Last.“
Diese Worte trafen ihn tief.
Zum ersten Mal seit seiner Rettung hatte er das Gefühl, wieder zu seiner Familie zu gehören.
### Die Aufnahme aus dem Wald
Einige Tage später meldete sich Kommissar Berger erneut bei Viktor.
Ein Wanderer hatte sich an sein Auto erinnert. Außerdem war es den Ermittlern gelungen, weitere Informationen über den damaligen Aufenthalt von Larisa im Wald zu sammeln.
Viktor erklärte sich bereit, eine ausführliche Aussage zu machen.
Er erzählte genau, was geschehen war.
Wie Larisa ihm einen Ausflug versprochen hatte.
Wie sie ihn auf einen abgelegenen Weg gebracht hatte.
Wie sie seine Tasche genommen hatte.
Und wie sie schließlich davongefahren war.
„Haben Sie gesehen, in welche Richtung sie gefahren ist?“, fragte der Kommissar.
„Ja. Sie fuhr zurück zur Hauptstraße.“
„Sind Sie sicher, dass sie nicht vorhatte, Hilfe zu holen?“
Viktor schloss kurz die Augen.
„Sie hat mir gesagt, wenn mich jemand findet, hätte ich eben Glück gehabt.“
Der Kommissar schrieb den Satz auf.
„Haben Sie noch weitere Worte in Erinnerung?“
Viktor nickte.
„Ich habe sie gebeten, wenigstens mein Telefon zurückzulassen. Sie hat nur gelächelt und gesagt, ich würde ihr nicht länger zur Last fallen.“
Der Kommissar legte den Stift ab.
„Danke. Das ist wichtig.“
Viktor sah aus dem Fenster.
„Ich möchte nicht, dass sie leidet. Ich möchte nur, dass sie nicht behaupten kann, ich sei freiwillig verschwunden.“
### Die Begegnung, die Larisa nicht erwartet hatte
Zwei Wochen später wurde Larisa gebeten, zu einer weiteren Befragung zu erscheinen.
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