# Teil 2 – x

Larisa ließ die Zeitung beinahe fallen.

Auf der Titelseite war Viktor zu sehen. Er saß in seinem Rollstuhl vor einem hellen Gebäude, trug einen dunklen Pullover und lächelte in die Kamera. Er sah älter aus als früher, sein Haar war fast vollständig grau geworden. Doch es bestand kein Zweifel: Es war ihr Ehemann.

Unter dem Foto stand eine Überschrift:

**„Nach Monaten im Wald geretteter Mann beginnt ein neues Leben – seine Geschichte bewegt eine ganze Gemeinde.“**

Larisa spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen.

Sie überflog den Artikel.

Darin stand, dass ein Wanderer Viktor mehrere Tage nach seinem Verschwinden auf einem abgelegenen Waldweg entdeckt hatte. Der Mann hatte zunächst geglaubt, einen verletzten Wanderer gefunden zu haben. Als er näherkam, bemerkte er den Rollstuhl, Victors erschöpften Zustand und dass der Mann weder ein Telefon noch seine Medikamente bei sich hatte.

Der Wanderer hatte sofort den Rettungsdienst verständigt.

Viktor war in ein Krankenhaus gebracht worden. Dort hatten Ärzte seinen Zustand stabilisiert. Anschließend war er in eine Rehabilitationsklinik gekommen, wo er monatelang betreut worden war.

Doch der Artikel enthielt noch etwas anderes.

Viktor hatte den Helfern erzählt, dass er nicht zufällig im Wald gelandet war.

Er hatte erklärt, dass seine eigene Ehefrau ihn dort zurückgelassen hatte.

Larisa setzte sich schwer auf einen Stuhl neben dem Zeitungskiosk.

„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.

Die Verkäuferin sah sie verwundert an.

„Kennen Sie den Mann?“

Larisa faltete die Zeitung hastig zusammen.

„Nein. Ich habe nur etwas gelesen.“

Doch ihre Stimme klang so unsicher, dass die Verkäuferin sie misstrauisch betrachtete.

### Der Mann, der sich an alles erinnerte

Während Larisa versuchte, ihre Fassung wiederzugewinnen, saß Viktor einige Kilometer entfernt in einem kleinen, barrierefreien Apartment.

Er hatte viel durchgemacht.

Die ersten Tage nach seiner Rettung waren besonders schwierig gewesen. Er war geschwächt, hatte kaum Kraft und musste sich zunächst an die Sicherheit und die regelmäßige medizinische Versorgung gewöhnen.

Der Mann, der ihn gefunden hatte, hieß Andrej Petrow. Er war ein pensionierter Förster, der an jenem Morgen einen abgelegenen Wanderweg kontrolliert hatte.

Andrej hatte Viktor nicht nur entdeckt, sondern war auch im Krankenhaus regelmäßig nach ihm sehen gekommen.

„Sie haben mir das Leben gerettet“, sagte Viktor eines Tages.

Andrej schüttelte den Kopf.

„Ich habe nur getan, was jeder Mensch hätte tun sollen.“

„Nein“, antwortete Viktor. „Sie sind nicht einfach weitergegangen. Das werde ich Ihnen niemals vergessen.“

Nach einigen Wochen begann Viktor, den Helfern seine Geschichte zu erzählen.

Er sprach über seinen Unfall, über die Jahre mit Larisa und darüber, wie sehr sich sein Leben nach dem Verlust seiner Beweglichkeit verändert hatte.

Er erzählte auch, dass er zunächst geglaubt hatte, seine Frau sei lediglich erschöpft.

Er hatte Verständnis für ihre Überforderung gehabt. Er hatte sich sogar Vorwürfe gemacht, weil er nicht mehr so für sie sorgen konnte wie früher.

Doch an jenem Tag im Wald hatte er verstanden, dass Larisa nicht nur Abstand gebraucht hatte.

Sie hatte ihn bewusst zurückgelassen.

Und sie hatte dafür gesorgt, dass er weder sein Telefon noch seine Medikamente bei sich hatte.

Viktor wollte zunächst keine Rache.

Er wollte nur überleben und herausfinden, wie er sein Leben ohne die Frau weiterführen konnte, der er 32 Jahre lang vertraut hatte.

### Larisa versucht, die Wahrheit zu kontrollieren

Noch am selben Nachmittag fuhr Larisa nach Hause und suchte im Internet nach weiteren Berichten.

Sie fand mehrere Artikel über Viktor.

Ein regionaler Fernsehsender hatte ebenfalls über seine Rettung berichtet. Darin wurde er als Mann vorgestellt, der trotz einer schweren Lebenskrise seinen Lebensmut zurückgewonnen hatte.

Ein Foto zeigte ihn gemeinsam mit Andrej und zwei Mitarbeitern der Rehabilitationsklinik.

Larisa las die Kommentare.

Viele Menschen lobten den Wanderer und die Helfer. Andere schrieben, dass niemand einen hilfsbedürftigen Menschen einfach im Stich lassen dürfe.

Ein Kommentar traf sie besonders:

*„Wer einen Menschen nach so vielen gemeinsamen Jahren auf diese Weise zurücklässt, muss sich irgendwann der Wahrheit stellen.“*

Larisa schloss die Seite.

Dann klingelte ihr Telefon.

Es war ihre Schwester Marina.

„Hast du die Zeitung gesehen?“, fragte Marina ohne Begrüßung.

Larisa schwieg.

„Larisa, ist das wirklich Viktor?“

„Ja.“

„Du hast doch gesagt, er sei freiwillig gegangen.“

„Ich weiß nicht, was er den Leuten erzählt hat.“

„Aber er wurde im Wald gefunden. In seinem Rollstuhl. Ohne Telefon und ohne Medikamente.“

Larisa erhob die Stimme.

„Was willst du von mir?“

Marina atmete hörbar aus.

„Ich will wissen, was passiert ist. Du hast uns monatelang erzählt, Viktor hätte dich verlassen. Aber jetzt steht in der Zeitung etwas völlig anderes.“

Larisa beendete das Gespräch.

Sie setzte sich an den Küchentisch und starrte auf ihre Hände.

Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie die Geschichte nicht mehr allein bestimmen konnte.

### Ein unerwarteter Besuch

Drei Tage später klingelte es an ihrer Haustür.

Larisa öffnete.

Vor ihr stand ein Mann in dunkler Jacke. Er stellte sich als Kommissar Berger vor.