Die ersten Zeilen ließen mir die Tränen in die Augen steigen.
„Meine liebe Elena,
wenn du diesen Brief liest, habe ich dir die Wahrheit nicht mehr selbst erzählen können. Ich wollte dich immer beschützen. Aber ich weiß, dass Schweigen manchmal mehr Schmerz verursacht als die Wahrheit.“
Ich musste kurz aufhören zu lesen.
Dann fuhr ich fort.
Meine Mutter schrieb, dass Thomas tatsächlich nicht bei dem Unfall gestorben sei. Er habe überlebt, sei aber nach einem schweren Streit mit ihrer Familie verschwunden. Sie habe ihn danach nie wieder gesehen.
Doch der nächste Absatz war noch schlimmer.
„Ich habe dir gesagt, dein Vater sei tot, weil ich Angst hatte, dass er dich finden könnte. Nicht, weil er ein schlechter Mensch war. Sondern weil ich damals glaubte, dass jemand aus unserer Familie verhindern wollte, dass wir drei jemals wieder zusammenkommen.“
Ich legte den Brief auf den Tisch.
Jemand aus der Familie?
Richard?
Sein Vater?
Oder eine ganz andere Person?
Ich las weiter.
„In der Kiste, die dein Onkel für dich aufbewahrt, befindet sich nicht nur das Porträt. Dort liegt auch ein zweiter Brief. Er enthält den Namen der Person, die damals unsere Familie auseinandergebracht hat. Bitte glaube nicht jedem, der dir sagt, er habe dich beschützen wollen.“
Mir wurde schwindelig.
Ich griff nach meinem Handy und rief Richard an.
Er meldete sich nach dem dritten Klingeln.
„Elena?“
„Meine Mutter schreibt, dass es in der Kiste einen zweiten Brief gibt. Einen mit dem Namen der Person, die damals alles zerstört hat.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
„Das ist unmöglich“, sagte er schließlich.
„Warum?“
„Weil die Kiste heute Morgen geöffnet wurde.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Von wem?“
Richard antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Von meinem Sohn Alexander.“
„Und wo ist der zweite Brief?“
„Er ist verschwunden.“
Ich schloss die Augen.
„Hat Ihr Sohn ihn genommen?“
„Ich weiß es nicht. Aber er hat mir heute etwas gesagt, das ich Ihnen bisher verschwiegen habe.“
„Was?“
Richards Stimme wurde leiser.
„Alexander behauptet, er habe Ihren Vater vor drei Tagen persönlich getroffen.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Dann weiß er, wo mein Vater ist?“
„Ja.“
„Warum hat er mir das nicht gesagt?“
Richard atmete tief aus.
„Weil er glaubt, dass Ihr Vater nicht aus familiären Gründen zurückgekehrt ist.“
Ich blickte auf das Porträt meiner Mutter, das ich auf meinem Handy als Foto gespeichert hatte.
Dann hörte ich Richards letzten Satz:
„Alexander glaubt, dass Thomas Berger gekommen ist, um das Erbe zurückzufordern – und dass Sie die einzige Person sind, die ihm dabei helfen kann.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm:
**„Elena, ich bin dein Vater. Bitte triff mich morgen allein. Dein Onkel erzählt dir nicht die ganze Wahrheit. Und wenn du wissen willst, warum deine Mutter dich all die Jahre belogen hat, musst du endlich erfahren, was damals wirklich in der Villa geschehen ist.“**
Ich las die Nachricht dreimal.
Dann blickte ich auf das Foto des Brautporträts.
Plötzlich verstand ich, dass dieses Bild nicht einfach nur ein Geschenk meiner Mutter gewesen war.
Es war eine Warnung.
Und die Wahrheit, die dahinter verborgen lag, könnte meine gesamte Familie auseinanderreißen.
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